Verkehr

Schaustelle Großflughafen

Nancy Schultz steht mitten zwischen Betonwänden und Metallgerüsten und zeigt trotzdem genau den Weg eines Fluggastes im zukünftigen Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt (BER) auf. Die 27 Jahre alte Besucherführerin erklärt beim Tag der offenen Tür gerade der Besucherin Angelika Wappler, wie es im neuen Terminal zugehen wird, dabei benutzt sie nicht das unpersönliche "man" oder das distanzierte "Sie", sondern sagt: "ich".

"Dort unter diesem Boden werde ich mit dem Zug am Flughafen eintreffen", sagt die 27-Jährige. "Dann komme ich die Rolltreppen hoch und werde, je nachdem, ob ich nach New York oder Paris fliege, in verschiedene Richtungen geleitet." Es gibt verschiedene Einkaufsmöglichkeiten für die Gäste und einen "Food Court", also eine Bereich mit mehreren Restaurants.

Nancy Schultz spricht von dieser Zukunft so, als fehle nur noch der letzte Schliff bei dem Gebäude, dabei sind selbst die Rolltreppen bisher nur grob zu erkennen, und auch sonst ist der künftig einzige Flughafen Berlins noch eine große graue Baustelle mit herunterhängenden Kabeln und freiem Blick auf die Fußbodenheizung. Die Besucherin Angelika Wappler aus Hohenschönhausen aber freut sich schon darauf, wenn hier der Betrieb losgeht. "Bisher fliege ich häufig vom Flughafen Tegel ab", sagt die 67-Jährige. Die Rentnerin war schon in Südkorea, Neuseeland, Brasilien, Südafrika und zuletzt auf Hawaii. "Wenn ich dann von hier aus fliegen kann, ist es für mich noch viel praktischer." Vielleicht entfallen dann auch die Umsteigezeiten in Frankfurt.

Die meisten Gäste, die das Gelände vor und in dem neuen Terminal besichtigen, sind begeistert von der Architektur, schauen oft nach oben, schlendern auf dem Rollfeld, essen eine Bratwurst oder feuern ihre Kinder beim Seifenkistenrennen an. Die Stimmung auf dem "Fest für die ganze Familie" wurde nur durch die lange Schlange an den Bushaltestellen oder dem Terminaleingang sowie den übervollen Shuttle-Bussen getrübt. Insgesamt kamen mehr als 50 000 Menschen nach Schönefeld, um sich einen Eindruck zu machen - auch Anwohner waren dabei.

Selbst Anwohner sind begeistert

Christian Winkler aus Mahlow ist einer von ihnen. Für den 36-Jährigen ist es der fünfte Besuch auf dem Gelände. "Bisher konnte man das Gebäude ja nur von außen sehen", sagt er. "Aber jetzt kann ich mir viel besser vorstellen, wie hier in einem Jahr die Flugzeuge landen." Normalerweise interessiert er sich eher für alte Gemäuer und Ruinen, aber dieses Gebäude wollte er von Nahem sehen, denn es wird sein Leben verändern. "Die Routen gehen ja zum Teil jetzt schon über Mahlow", sagt er. "Aber ich hoffe, dass es nicht noch mehr werden."

Den Dreamliner, das neue Boeing-Langstreckenflugzeug, das ab dem Jahr 2014 für die Gesellschaft Air Berlin fliegen soll, hat Christian Winkler bereits in Schönefeld landen sehen. Am Sonnabend wurde das neue Modell im Flughafen Tegel schon vorgestellt - und das Ereignis hatte Gemeinsamkeit mit diesem Tag der offenen Tür im BER. Auch der Dreamliner war innen noch eine große Baustelle. Das Flugzeug konnte zwar schon fliegen, aber im Innenraum waren die Wänden nicht verkleidet und die Kabine noch vollgestopft mit Messgeräten und Vorrichtungen, um die Eigenschaften bei unterschiedlichen Flugbedingungen zu untersuchen. Die eingebauten Sitzreihen reichten für vielleicht 20 Sitzplätze. Wenn er fertig ist, soll der Dreamliner bis zu 250 Passagieren Platz bieten.

Vor allem soll er auch leiser sein als frühere Flugzeuge. Vielfliegerin Angelika Wappler jedenfalls kennt noch die Flugzeuge aus DDR-Zeiten und ist überzeugt, dass die noch viel lauter waren als heute. "Wer diesen Lärm nicht erträgt, kann doch weiter weg aufs Land ziehen." Die gebürtige Sächsin habe sich bewusst für Berlin als Stadt entschieden - auch weil sie von hier aus viel besser ins Ausland fliegen kann. Wenn der Flughafen Tegel geschlossen wird, fährt sie eben von ihrer Wohnung in Hohenschönhausen nach Schönefeld. "Meine nächste Reise soll nach Kanada gehen." Dort wolle sie aber mit dem Zug von Stadt zu Stadt reisen.

So pragmatisch wie Angelika Wappler sehen das viele am Tag der offenen Tür in Schönefeld. Die Diskussion um abknickende Flugrouten und Nachtflugzeiten ist auf dem Gelände kein Thema. Die Besucherbegleiterin Nancy Schultz sagt, dass nur jede 100. Frage eine kritische war. "Hin und wieder kamen bei Besuchern Zweifel auf, ob es die Bauarbeiter wirklich bis zum 3. Juni 2012 schaffen werden", sagt sie, "aber die Flughafengegner waren bisher noch nicht so sehr vertreten."

Prominentester Gast bei dem Festtag war Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er unternahm einen rund einstündigen Rundgang über das Gelände. Wowereit warf einen Blick hinter die Glasfassade des neuen Terminals ("Riesig, was?"), doch auch er brauchte viel Fantasie, um sich auf dieser Baustelle ein reges Flughafen-Treiben vorzustellen.

Zum Flughafenfest hatten die Veranstalter angekündigt, dass sich Interessenten als "Passagier auf Probe" online unter ber.berlin-aerport.de bewerben könnten. In der Zeit vom 26. Januar bis 16. Mai 2012 sollen die Tester Abflug und Ankunft simulieren mit Check-in und Sicherheitskontrollen. Die Seite sollte von Sonntag an freigeschaltet sein. Allerdings gab es offensichtlich eine Datenpanne, denn auf der Seite wird darüber informiert, dass eine Anmeldung erst in Kürze möglich ist.