Bildung

Lehrermangel treibt Eltern auf die Straße

In Brandenburgs Klassenzimmern werden die Lehrer knapp. Nach den Ferien verliert die Klasse 4 a der Eisenhart-Grundschule in Potsdams Innenstadt ihre beliebte Klassenlehrerin. Deren Stelle fällt ab kommendem Schuljahr weg - weil jede Schule nur ein bestimmtes Kontingent an Unterrichtsstunden erhält.

Das Problem: An der Eisenhart-Schule stocken Kollegen ihre Arbeitszeit auf. Denn nach dem Auslaufen des Sozialtarifvertrags in diesem Sommer können etwa 2000 Lehrer in Brandenburg von der Zwangs-Teilzeit auf Vollzeit wechseln. Ungewollt verschwinden somit Arbeitsplätze an Schulen. "Als Klassenlehrerin muss für die bisherige 4 a nun die Schulleiterin oder ihre Stellvertreterin einspringen", sagt Beate Wolf, Vorsitzende der Eltern- und der Schulkonferenz an der Eisenhart-Schule. "Doch die beiden haben neben ihrem Fachunterricht eine Vielzahl von anderen wichtigen Aufgaben zu erledigen."

Elf Pädagogen für zwölf Klassen

An der Potsdamer Gerhart-Hauptmann-Grundschule in der Brandenburger Vorstadt zeigt sich dasselbe Problem. "Im kommenden Schuljahr wird es zwar wieder zwölf Klassen geben, der Schule sollen jedoch nur elf Lehrerinnen zugeteilt werden", kritisiert Elternsprecher Sven Stolpe. Auch in diesem Fall müssten die Schulleitung oder eine Sonderpädagogin zusätzlich die Klassenleiterfunktion mit übernehmen. Der verärgerte Vater sagt: "Kinder im Grundschulalter brauchen eine Klassenlehrerin, die ihnen voll und ganz zur Verfügung steht."

Die Eltern der Hauptmann-Grundschule haben sich jetzt an Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) gewandt. In dem Schreiben protestieren sie "gegen eine Landespolitik, in der die Bildung und Erziehung unserer Kinder landespolitischen Sparzielen zum Opfer fällt und die Bedingungen für eine angemessene Pädagogik nicht hinreichend erfüllt werden". Beigelegt ist eine Unterstützerliste mit mehr als 200 Unterschriften. Während selbst der Regierungspartner, die Linke, und die Oppositionsparteien CDU, Grüne und FDP im Landtag immer lauter Kritik an der Lehrerversorgung üben, sieht man im Bildungsministerium unter Martina Münch (SPD) kein Problem. "Brandenburg startet in jedem Schuljahr mit voller Ausstattung", sagt der Sprecher des Ministeriums, Stephan Breiding. Es müsse akzeptiert werden, wenn der Schulleiter oder sein Stellvertreter oder ein fachlich geeigneter Sonderpädagoge eine Grundschulklasse übernimmt. "Das ist zumutbar und gängige Praxis", so Breiding. Jede Schule erhalte so viele Lehrerstunden wie sie benötigt. Für den Sprecher der Elternkonferenz an der Potsdamer Hauptmann-Schule, Sven Stolpe, ist die Sache mit der Klassenlehrerin nur noch das "Tüpfelchen auf dem i". "Neben der Grundschule am Priesterweg in Drewitz zählt die Hauptmann-Schule in Potsdam zu den Schulen, in denen der reguläre Unterricht am häufigsten ausfällt. Um ihrem wachsenden Unmut Luft zu machen, planen die Eltern der Hauptmann- und der Eisenhart-Schule am heutigen Sonnabend eine Protest-Demonstration auf dem Luisenplatz. Nicht nur in der Landeshauptstadt gibt es Beschwerden. Die Sprecherin des Landeselternbeirates, Christa Schaade, sagt: "Die Unzufriedenheit an den Schulen in Brandenburg ist groß." Denn immer häufiger fällt der Unterricht aus.

Im ersten Halbjahr des laufenden Schuljahres betrug der Unterrichtsausfall laut Statistik 8,3 Prozent, davon wurden 1,6 Prozent gar nicht vertreten. In den restlichen Fällen gab es Stillbeschäftigung, Klassen-Zusammenlegung oder Unterricht durch einen anderen Lehrer. Im Schuljahr 2009/2010 lag der Ausfall bei 7,5 Prozent, im Jahr davor 7,9 Prozent, 2007/2008 waren es 7,3 Prozent. Tendenz also steigend. Die häufigste Ursache war mit 73,5 Prozent die Erkrankung des Lehrers.

Der hohe Krankenstand ist laut Ministeriumssprecher Stephan Breiding ein Problem, das sich nicht durch Neueinstellungen lösen lässt. Er sagt: "Wir haben genug Lehrer im System." Für jede Schule sei eine dreiprozentige Vertretungsreserve eingeplant. Das bedeutet, die Versorgung mit Stunden und Lehren liege drei Prozent über dem Bedarf. Der Krankenstand liegt allerdings meist deutlich höher.

Selbst die Linke als Regierungspartner befürchtet, dass sich die Situation noch zuspitzen wird. "Die von der Regierung geplanten Lehrerneueinstellungen reichen bei weitem nicht aus, um die Abgänge zu kompensieren", konstatiert die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Gerrit Große. Rot-Rot hatte sich im Koalitionsvertrag darauf geeinigt, bis 2014 insgesamt 1250 neue Stellen zu schaffen. 3100 Lehrer werden laut internen Prognosen voraussichtlich aber wegfallen, durch Altersteilzeit, Rente - oder, weil sie in andere Bundesländer abwandern. "Sollte wie Brandenburg künftig auch Berlin die Lehrer verbeamten, bekommen wir ein echtes Problem", ist Große überzeugt.

Opposition verlangt doppelt so viel

Der CDU-Bildungsexperte Gordon Hoffmann spricht von einem Fiasko an Brandenburgs Schulen. Nach Ansicht der Grünen müssten zum kommenden Schuljahr 2011/2012 mindestens 300 Lehrer eingestellt werden. Nach den Vorstellungen der Regierung sollen es aber nur 150 sein. Aus Sicht der Bildungsexpertin der Grünen, Marie Luise von Halem, wäre die doppelte Stellenzahl bezahlbar. "Die zusätzlichen Lehrer würden etwa zehn Millionen Euro mehr kosten", sagt sie und verweist auf die prognostizierten Steuer-Mehreinnahmen von rund 300 Millionen Euro.

Ursprünglich hatte das Bildungsministerium auch vor, die doppelte Zahl Lehrer einzustellen. Doch angesichts der dort bislang geplanten Einsparungen von etwa 27 Millionen Euro im nächsten Jahr rückte die Ministerin davon ab. Auch wenn die Zeit drängt. Denn längst herrscht auch die Sorge, dass Brandenburg nicht mehr das gewünschte Personal findet. Bereits jetzt liefern sich die Länder einen heftigen Konkurrenzkampf um junge Lehrer.