Pilgerreisen

Entschleunigung in Brandenburg

Bau- oder Kunstgeschichte will Wolfgang Hering nicht vermitteln. Obwohl Potsdam mit seinen Kirchen und Villen reichlich Stoff dafür böte. Um Sightseeing geht es dem ehemaligen evangelischen Pfarrer der Nikolaikirche nicht, wenn er jeden zweiten Sonntag im Monat mit Frauen und Männern jeglichen Alters durch die Brandenburger Landeshauptstadt zieht.

Entschleunigen, Abstand gewinnen, den Alltag bewusst ausblenden, das sind Stichworte, die der 72-Jährige nennt, wenn es um seine Mission geht: das Pilgern. Das liege nicht erst im Trend, seit Komiker Hape Kerkeling seinen Trip nach Santiago de Compostela öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt habe. Vor allem sei es nicht nur ein Thema praktizierender Christen. Anders als in der katholischen Kirche könne die protestantische Tradition in Sachen Pilgern sowieso nicht viel vorweisen. Die Initiative "Kirche für Einsteiger" des Potsdamer Superintendenten Joachim Zehner gab den Anstoß, dem Pilgern in Potsdam Raum zu geben. Und das in moderner Interpretation. Vor wenigen Wochen hat sich der Verein Potsdamer Pilgerwege gegründet.

Pfad symbolisiert das Leben

Glaube kann, muss aber keine Rolle spielen, wenn man sich auf eine der bislang fünf Pilgertouren begibt. Hering ist nicht nur Führer auf einem der Wege. Er hat die Routen auch entwickelt. Einsteigern empfiehlt er den Friedensweg. Nur eine Stunde dauert die Meditationsstrecke zu Fuß, die vom Obelisken zum Marlygarten bis zur Friedenskirche verläuft. Für den "Großen Pilgerweg", der an der Nikolaikirche startet und über die Französische Kirche, die St. Peter und Paul Kirche, die Alexander-Newski-Kapelle, den Buga-Park, den Friedhof Bornstedt bis zur Friedenskirche geht, rechnet Hering dagegen mit fünf bis sechs Stunden. Mit Pfingstberg und Ruinenberg als Stationen auf dem Weg müsse auch mal ein Anstieg in Kauf genommen werden. "Der Weg mit seinen Höhen, Tiefen und Durststrecken ähnelt dem Lebensweg", sagt Hering.

Kurz nachdem er 2003 in den Ruhestand trat, versuchte er sich erstmals selbst am Pilgern. "Mein Berufsleben lag hinter mir, ich wollte Abstand gewinnen." Fünf Wochen war der gebürtige Gubener und Wahl-Potsdamer auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs. "Als Wanderer ging ich los, als Pilger kam ich an", sagt Hering rückblickend. Ein Erlebnis, das er auch den bis zu 20 Neugierigen - meist Menschen ab 50 - wünscht, die sich bei den regelmäßigen Sonntagstouren einfinden. Sich neu zu finden, sei für viele Motivation beim Pilgern, weiß Hering aus Gesprächen mit Teilnehmern. "Mit einem Psychotrip hat Pilgern allerdings wenig zu tun. Stattdessen sollen Impulse von außen aufgenommen werden, die neue Perspektiven ermöglichen." Auf dem Ruinenberg angekommen, lasse er beispielsweise die Gruppe immer einen Blick auf Sanssouci - übersetzt "ohne Sorgen" - werfen. "Jeder wünscht sich, keine Sorgen mehr zu haben. Aber die Frage ist doch, was uns dann noch antreiben würde", sagt Hering.

Auch Wilfried und Johanna Lippert haben es mit dem "Kurzzeit"-Pilgern versucht. "Wir wollten weder Buße tun, noch den Glauben stärken. Wir waren einfach neugierig. Und wir wollten uns gern in der Natur bewegen", sagt der 76-Jährige. Über Profanes wie das geplante Abendessen oder Pflanzenarten am Wegesrand hätten sich die Eheleute auf der Tour durchaus unterhalten. "Bei den Stopps in den Kirchen hat sich allerdings ganz von selbst eine spirituelle Atmosphäre und Nachdenklichkeit eingestellt." Genau diese Mischung ist es, die sich Hanna Löhmannsröben, Vorsitzende des Potsdamer Pilgervereins, wünscht. Die Golmer Professorin will das Angebot weiter ausbauen. "Pilgern könnte ein Aushängeschild für die Landeshauptstadt werden." Routen sollen ausgeschildert, eine eigene barrierefreie Strecke, eine fürs Fahrrad und eine, die sich auf die Kunst in der Stadt konzentriert, erarbeitet werden. Staatliche Förderung und kirchliche Hilfe erhofft sie sich für das Engagement des rund 30 Mitglieder großen Vereins. Ein Netz zu knüpfen, in dem Touristiker der Stadt, Wandervereine, Gastronomen und Herbergsväter vereint sind, ist ihr ehrgeiziges Ziel.

Das Potenzial, mittels Pilgerpfaden neue Gäste in die Region zu locken, hat der Tourismusverein in der Prignitz längst erkannt. Bad Wilsnack mit der Wunderblutkirche St. Nikolai war schon im Mittelalter ein beliebter Anlaufpunkt. Der in Berlin beginnende Weg geriet in Vergessenheit, 2006 wurde er wieder eröffnet. "Rund 500 Menschen machen sich jährlich auf die Socken ", sagt Katharina Zimmermann vom Tourismusverein. "Mehr und mehr Gastwirte, die Gepäck transportieren oder Leute abholen, die aufgegeben haben, und Anwohner, die Zimmer vermieten, richten sich auf die neue Klientel ein." Trotz allem bewerbe man das Pilgern behutsam. "Schließlich geht es darum, einzigartige Naturräume wie Krämer Forst oder Rhinluch im Stillen zu entdecken."

Sieben historische Teilstrecken

Dem Ziel, das verschütt gegangene Jakobswegenetz rund um die Oder wieder zu beleben, hat sich auch der vor wenigen Wochen gegründete Verein Jakobusgesellschaft Brandenburg-Oderregion verschrieben. "Wir wollen Pilgerführer und Pilgerpässe herausgeben, Strecken beschildern, sämtliche Wege auf einer zweisprachigen Website detailliert beschreiben", sagt Vereinssprecherin Lara Buschmann. Mit im Boot sitzen die Europa-Universität Viadrina, Touristiker und Kirchenvertreter. Begonnen habe alles vor sechs Jahren mit dem Viadrina-Projekt "Jakobsweg östlich und westlich der Oder", sagt Lara Buschmann, damals noch Studentin. "Wir Studierenden wollten die historischen Jakobswege in der Oderregion erforschen, revitalisieren, vor allem aber regionale Akteure auch auf polnischer Seite für die Idee gewinnen." Mit Erfolg: Sieben historische Teilstrecken, beispielsweise zwischen Berlin und Leipzig, Frankfurt (Oder) und Leipzig sowie Berlin und Brandenburg an der Havel und eine Neben- und Verbindungsstrecke habe das Projektteam mittels alter Quellen ausfindig gemacht und dokumentiert. Wege, die Frankfurt (Oder) mit Stettin oder Swinemünde verbinden, hebt Buschmann hervor. "Dass wir auf deutscher wie auf polnischer Seite auf den Reiz des Jakobsweges aufmerksam machen, lässt Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede in den Hintergrund treten", ist sie überzeugt.