Bundesleistungszentrum Kienbaum

Hier trainieren die Weltmeister von morgen

Selbst 20 Jahre nach seinem ersten Besuch in Kienbaum sind die Erinnerungen noch frisch für Manfred von Richthofen. Er denkt an den "unerträglich dampfenden Heizungsturm, der heute allen Umweltschützern das Grauen einjagen würde"; an die "spartanischen, zum Teil maroden Unterkunftseinrichtungen"; die "sparsamen, international vergleichbaren Sporthallen und -plätze, auf denen zu DDR-Zeiten immerhin Weltklasseathleten trainierten" - aber, ja, eben auch an den unbedingten Willen und die Vision, das Sportleistungszentrum in der Mark Brandenburg zu Gunsten des gesamten deutschen Sports zu erhalten.

Der frühere Präsident des Landessportbunds (LSB) Berlin und langjährige Präsident des Deutschen Sportbundes war maßgeblich daran beteiligt, dass am Mittwoch vor 20 Jahren - anfänglich gegen viele Widerstände - der Trägerverein Bundesleistungszentrum (BLZ) Kienbaum gegründet wurde. Heute gehört das Areal am Liebenberger See, gut 35 Kilometer westlich von Berlin, mit seinen 60 Hektar zu den modernsten und meistgenutzten Stützpunkten des deutschen Spitzensports. Auf knapp 70 000 Übernachtungen kam das BLZ mit seinen 200 Zimmern und 400 Betten im vergangenen Jahr - die Nachfrage ist sogar noch größer. "Kienbaum ist mein zweites Zuhause", sagt gleichwohl der Cottbuser Turn-Europameister Philipp Boy. Und die Olympiazweite im Kugelstoßen, Nadine Kleinert, glaubt: "Ohne Kienbaum hätte ich nie meine Medaillen gewonnen." Wie viele Medaillen deutsche Sportler gewonnen haben, die sich in Kienbaum auf ihre Wettkämpfe vorbereiteten? Niemand hat es (angeblich) je gezählt. Fakt ist: Viele von ihnen schwärmen von den inzwischen hochmodernen Trainingsstätten, dem Service und der Ruhe in Kienbaum.

Natürlich hat das "Kleinod des deutschen Sports", wie nicht nur Christa Thiel, die für Leistungssport zuständige Vize-Präsidentin im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), das BLZ nennt, seinen Preis. Finanziert wird der jährliche Etat von etwa drei Millionen Euro zu zwei Dritteln von 16 Fachverbänden (auch Leichtathleten, Tischtennisspieler, Gewichtheber, Turner) sowie dem DOSB, dem LSB Berlin und dem LSB Brandenburg und zu einem Drittel vom Bund. In den vergangenen 20 Jahren habe es "13 Bauabschnitte sowie mehrere Ergänzungs- und Modernisierungsmaßnahmen gegeben", sagte Gerhard Böhm, Chef der Abteilung Sport im Bundesinnenministerium (BMI). Den Steuerzahler hat das bis heute 49 Millionen Euro gekostet: "Eine gewaltige Summe, die ihresgleichen sucht, und die Ansporn und Verpflichtung zugleich ist."

Böhm erwähnte, dass Erhalt und Ausbau der einstigen Kaderschmiede in Kienbaum in der Anfangszeit "zeitweilig auf der Kippe standen". Hans-Georg Moldenhauer erinnerte an die Zweifel und die Zweifler aus der Gründerzeit: "Wie kommt das Geld zusammen, wie funktioniert das?" Doch letztlich lobte der Vorsitzende des Trägervereins die Geschichte des BLZ Kienbaum auch als eine erfolgreiche Ost-West-Geschichte: "Es war die Kameradschaft, waren die Verbände, die über ihre eigenen Interessen hinweggeschaut haben. Es war ein Geist darin, dass im Sport vieles sehr gut gelungen ist, was auf anderen Gebieten womöglich nicht so sehr gelungen ist. Weil Sport Menschen verbindet."

Dabei war Manfred von Richthofen und anderen seinerzeit klar, dass hinter hohen Zäunen in der Abgeschiedenheit der Mark Brandenburg zu DDR-Zeiten der Drill zwar erfolgreich, aber auch zweifelbehaftet gewesen war - Stichwort Staatsdoping etwa. "Wir wussten durchaus, dass in unserem Kienbaum in der Vergangenheit Gutes geleistet, aber auch Problematisches praktiziert worden ist", sagte der Ex-DSB-Präsident und entsann sich des Kampfs "gegen viele, die meinten, hier würde eine Tradition des Unsportlichen fortgesetzt".

Heute erinnert nur noch wenig an damalige, in Teilen unselige Zeiten in Kienbaum, wo schon ab 1952 DDR-Athleten Siegeswille, Kraft und Technik eingebimst worden war. Die meisten Bauten von einst - sieht man einmal von der sagenumwobenen, demnächst zu einem Museum umzufunktionierenden Unterdruckkammer ab - sind neuen Gebäuden gewichen. "Die Anlagen sind auf internationalem Top-Niveau, und auch was die Komplexität anbelangt, sind wir das größte Leistungszentrum", sagt der BLZ-Geschäftsführer Klaus-Peter Nowack. Erst Mittwoch wurde offiziell am Rande des Festaktes zum 20-jährigen Bestehen des Trägervereins ein neues Hauptgebäude eröffnet.

In Kienbaum wähnt man sich für die Zukunft gerüstet, auch wenn BMI-Mann Böhm dem deutschen Spitzensport finanziell nicht eben rosige Zeiten in Aussicht stellt. Optimisten wie Hans-Georg Moldenhauer zitieren lieber die Bundeskanzlerin, die 2010 als erste deutsche Regierungschefin seit 1991 das BLZ besuchte: "Sie sagte: 'Jeder Euro in Kienbaum ist gut angelegt'. Ich habe nicht widersprochen", so Moldenhauer, "ihr aber auf den Weg mitgegeben, es auch künftig so zu sehen."