Ungewöhnliche Kunstausstellung

Im Park wird jetzt gespielt

Mitten in den Blumenrabatten im Garten der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke in Potsdam haben Bauarbeiter die Pflanzen niedergetrampelt und mit dem Bau eines Schornsteins begonnen. Ein Baustellenschild weist darauf hin, dass die Arbeiten am kommenden Tag fortgesetzt werden. Tatsächlich jedoch wird der Schornstein nie fertig gestellt.

An dieser Stelle wäre ein solches Bauwerk auch völlig nutzlos. Bei der vermeintlichen Baustelle handelt es sich um eine Kunstinstallation des Schweden Jan Svenungsson. Diese ist Teil der Skulpturenausstellung "Spiele im Park", die ab Dienstag dort zu sehen ist.

Schon am Sonnabend hat sich den Besuchern der Villa Schöningen im Park ein seltsames Schauspiel geboten. Ein älterer Herr in derber Gärtnerkleidung wässert unermüdlich Unkraut, das er in rund einem Dutzend großer Plastiktaschen auf dem sorgsam gestutzten Rasen abgestellt hat. "In Österreich werden diese großen Taschen abwertend Jugo-Koffer genannt", erläutert documenta-Künstler Lois Weinberger seine Installation. Der selbst nennt sie lieber Emigrantentaschen, füllt sie mit Erde von der benachbarten Baustelle und zieht mit Schaufel und Schubkarre los, um am nahen Havelufer Brennnesseln, Goldrute, Giersch und Gräser aller Art heranzuholen, die in einem gepflegten Villengarten eigentlich nichts zu suchen haben.

Unterdessen erschreckt eine freundlich aussehende Dame mit roten Haaren die Besucher, die nichtsahnend durch den Garten schlendern. "Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael", schmettert Angelika Hoffmann dem Mann mit Kamera entgegen, der ihr entgegenkommt. Der Mann bleibt verdutzt stehen, weiß nicht, wie er reagieren soll. Doch ein Blick in den Ausstellungsplan, der am Eingang verteilt wurde, erklärt das Verhalten der Frau: Die 57 Jahre alte Bautechnikerin ist Teil der Klanginstallation des in Berlin lebenden englischen Künstlers Tino Sehgal. "Ich begrüße die Besucher mit einem Liedchen, das mir spontan in den Sinn kommt", erklärt sie. Und damit bei der Eröffnung alles klappt, singt sie schon mal zur Probe. Im Wechsel mit sechs weiteren Sängern, die Sehgal über verschiedene Berliner Chöre gesucht und gefunden hat, wird sie zu den Öffnungszeiten bis zum Ende der Ausstellung jeden Gast ganz persönlich "ansingen", wie sie es nennt.

Für Irritation sorgt auch Olaf Nicolais Installation "Shutter's Lullaby", die aus zwei kreisrunden schwarzen Perlenvorhängen besteht. Sobald der Betrachter den Kreis betritt, kann er den Garten nur noch schemenhaft wahrnehmen. Ein paar Schritte weiter lädt eine leuchtend weiße Parkbank auf einer kreisrunden weißen Scheibe und beschienen von einer fahlweißen Mondkugel zum Sitzen ein. Tobias Rehbergers "Caprimoon" sieht zwar auch am Tage wunderschön aus, entfaltet aber erst am Abend seine volle Wirkung: Dann beginnt die schwebende Kugel zu leuchten und ahmt in der Dämmerung die Mondphasen Capris aus dem Jahr 1999 nach. Romantik pur.

Kuratiert haben die Ausstellung im Garten der Villa Schöningen mit insgesamt acht international bekannten Künstlern Max Hollein und Martin Engler vom Frankfurter Städel Museum. Die Idee hinter den künstlerischen Interventionen im Park: Alle Arbeiten haben bei aller Unterschiedlichkeit eines gemeinsam. Sie sind keine in sich abgeschlossenen Objekte sondern laden den Betrachter dazu ein, sich spielerisch mit ihnen zu beschäftigen, sich auf sie zu setzen, in sie hineinzugehen, sie zu befühlen oder sie anzuhören. "Hier ist es nicht wie im Museum, wo es auf Schritt und Tritt heißt: berühren verboten", sagt Lena Plath, Leiterin der Villa Schöningen. Der Titel der Ausstellung "Spiele im Park" sei ganz bewusst gewählt. Und noch eine weitere Gemeinsamkeit haben die Installationen: Es sind äußerst vergängliche Kunstwerke: Anfang Oktober werden die "Jugo-Koffer" wieder ausgeschüttet, die Lautsprecher aus dem Baum genommen abmontiert und die Perlenvorhänge abgehängt.

Die Skulpturenausstellung "Spiele im Park" kann vom 14. Juni bis 2. Oktober besucht werden. Öffnungszeiten: Di-Fr 11-21 Uhr, Sa, So 10-21 Uhr. Museum Villa Schöningen, Berliner Straße 86, 14467 Potsdam. Der Eintritt zur Ausstellung ist frei.