Ausstellung

Wo Kleist einst Mathematik und Latein paukte

Mit Potsdam hatte er nichts im Sinn. Als "unwiederbringlich verlorene Zeit" bezeichnete Heinrich von Kleist die sieben Jahre, die er in der heutigen Brandenburger Landeshauptstadt verlebte.

Was eher dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass der spätere Schriftsteller und Philosoph das Militär verabscheute. In dessen Dienste musste er 1792 in Potsdam bereits als 14-Jähriger treten - gemäß der Familientradition. Kleists gespaltenes Verhältnis zu Potsdam hat Angela Hoffmann eher angespornt, genau dort dem bekannten Vertreter der Aufklärung anlässlich des europaweit begangenen Kleistjahres 2011 zu huldigen. Und sie fand Gleichgesinnte. Das Hans-Otto-Theater, das Filmmuseum Potsdam, das "freie theater marameo" und das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte wollen ihren Beitrag leisten in diesem Jahr, in dem sich der Selbstmord des Dichters am Kleinen Wannsee zum 200. Mal jährt.

Ein empfindsamer Geist

Kleist verbrachte die Zeit zwischen 1798 und 1799 im damaligen Lyzeum, der heutigen Potsdamer Kleist-Schule, inmitten von 50 Mitschülern und vier Lehrern. Voller Ehrgeiz paukte er Mathematik, Philosophie, Latein und die deutsche Sprache. Die heutigen Schüler - junge Erwachsene im zweiten Bildungsweg - wollen sich dem empfindsamen Geist am 27. Juni in einer szenischen Lesung nähern. "Im Innenhof, in der Hoffnung auf gutes Wetter, werden mit Unterstützung von Regisseur Andreas Lüder vom theater marameo Schüler der Leistungskurse Deutsch aus Briefen, Zeitungsausschnitten und Protokollen zu Kleists Tod am Wannsee vortragen", sagt Hoffmann. Am gleichen Tag laden Abiturienten der Kleist-Schule zu einem literarischen Stadtrundgang durch das historische Herz von Potsdam ein. Seine Wohnung im Holländischen Viertel, die Unterkunft der Seelenverwandten Marie in der Brandenburger Straße 52, dem heutigen Standort von Karstadt, oder das heutige Hotel Voltaire in der Friedrich-Ebert-Straße, in der seine Jugendliebe Luise nächtigte, sind Stationen des von den Studierenden erstellten Bummels.

Kleists Rastlosigkeit und seine damit verbundenen zahlreichen Reisen durch Europa hat die Kleist-Schule gemeinsam mit dem Kleist-Museum Frankfurt (Oder) außerdem in einer eigenen Ausstellung thematisiert. Sie wird vom 22. August bis 30. September im Schulgebäude zu sehen sein. Auch der Freundes- und Förderverein der Schule ist dabei. Mit seiner Hilfe werden zwei Lesungen auf die Beine gestellt. Während Autorin Miriam Sachs am 30. September der Frage nachgehen wird, ob Kleist sich im Hier und Jetzt zurechtgefunden hätte, will Kollegin Tanja Langer am 3. November die Umstände des Freitods von Kleist und seiner Lebensgefährtin Henriette Vogel beleuchten.

Das Hans-Otto-Theater hat mit Kleist leichtes Spiel. "Seine Stücke stehen bereits seit Jahren auf unserem Spielplan - mit oder ohne Jubiläum", sagt der Geschäftsführende Direktor Volkmar Raback. Im Neuen Theater laufe derzeit "Familie Schroffenstein", Kleists "blutig-gespenstische Version von Romeo und Julia". Das Schlosstheater in Potsdam gebe gerade "Amphitryon", ein Stück, in dem es um die Suche nach der eigenen Identität gehe. An das Stück "Prinz Friedrich von Homburg", das sogenannte Testament Kleists, hat sich das freie theater marameo gewagt. Im barocken Innenhof der Kleist-Schule wird am 26. August das letzte Drama, das der Rebell vor seinem Tod vollendete, inszeniert. Das Filmmuseum Potsdam hat sich zwar an den vermeintlich "leichten Stoff", den "Zerbrochenen Krug", gehalten. Einfach abgespult werden die Filmrollen allerdings nicht. "Wir haben uns für zwei Fassungen entschieden, eine aus dem Jahr 1937, eine von 1968. Die Entstehungsgeschichte dieser Filme ist das eigentlich Interessante", sagt Sachiko Schmidt vom Filmmuseum. Der Klassiker wird am 18. November aufgeführt, der DEFA-Streifen (Günter Reisch/Jurek Becker) am 11. Oktober. Als Höhepunkt der Veranstaltungsreihe bewertet Kleist-Schulleiterin Hoffmann den Vortrag "Tugend und Militär" von Jens Bisky am 11. November im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte. "Eigens für diesen Abend wird Bisky Kleists Zeit in Potsdam näher vorstellen."