Flugrouten

Jetzt wird wieder montags demonstriert

Die Tradition der Montagsdemonstrationen wollen die Potsdamer am 20. Juni wieder aufleben lassen. Die Angst vor dem Lärm zahlreicher tiefer Überflieger, die vom künftigen Großflughafen BBI in Schönefeld abheben, treibt sie auf die Straße. Zumindest die, die sich in der Bürgerinitiative "Schützt Potsdam" engagieren.

250 zahlende Mitglieder und rund 100 Förderer zählt der neu benannte Verein, der jetzt aus der Bürgerinitiative "Weltkulturerbe Potsdam" hervorgegangen ist. Bis zu 1000 Sympathisanten erwartet BI-Sprecher Markus Peichl, wenn es dann gegen 18 Uhr auf den Brauhausberg vor den Landtag gehen soll.

Die Forderungen der Protestierenden sind konkret. "Flugzeuge, die von der Nordbahn des BBI in Richtung Westen abheben, müssen bis zum Autobahndreieck Werder geführt und außerhalb des Berliner Autobahnrings A 10 nach Osten und Norden geleitet werden", sagt Peichl. Eine Position, die mittlerweile auch die Fluglärmkommission (FLK) gegenüber der Deutschen Flugsicherung (DFS) vertritt. Die sogenannte "Route 8" ist die einzige Route, für die die FLK in ihrer jüngsten Sitzung am 9. Mai eine Empfehlung aussprach.

Sorge bereitet Peichl und seinen Mistreitern eine zweite Empfehlung der Lärmkommission. Danach sollen sämtliche Flüge vom BBI erst in einer Höhe von 10 000 Fuß (3050 Metern) freigegeben werden. Üblicherweise dürfen im deutschen Flugbetrieb Piloten bereits bei 5000 Fuß (etwa 1400 Meter) von den vorgesehenen Flugrouten abweichen. Ob 10 000 oder 5000 Fuß - für Peichl steht fest: "In jedem Fall würde uns das nachfolgende Abknicken der Flugzeuge in Potsdam und Umgebung enorm belasten." Aus seiner Sicht viel schlimmer: "Wenn die Fluglärmkommission auf ein bestimmtes Höhenmaß pocht, könnte sie damit ihren ersten Beschluss, dass bis zum Autobahndreieck Werder geflogen werden muss, konterkarieren", sagt Peichl. "Wir sind überzeugt, dass sich die Flugsicherung und die Politik auf den Kompromiss, beide Beschlüsse zu kombinieren, einigen werden." Danach müssten Piloten zwar in Richtung Autobahndreieck Werder abheben, dürfen aber nach 5000, 7500 oder eben 10 000 Fuß die vorgegebene Route verlassen.

Verständige man sich beispielsweise auf 7500 Fuß Höhe, könnten die Flieger schon kurz nach Ludwigsfelde die "Biege machen". Das gesamte Potsdamer Stadtgebiet, auch Natur- und Naherholungsgebiete seien allerdings in der Folge betroffen. Selbst bei einem Abknicken in 10 000 Fuß würden die meisten Flugzeuge nur bis kurz vor oder hinter Michendorf gelangen, bevor sie sich breit gefächert über den Himmel der Landeshauptstadt und Teile der Havelseeregion verteilen würden. Insider aus politischen Kreisen, aber auch Flugroutenplaner, Fluglotsen und Piloten, die die BI kontaktiert habe, hätten das mögliche Kompromiss-Szenario mit allen seinen Konsequenzen bestätigt. Die Menschen in Neu Fahrland würde das nicht nur um ihre Ruhe in ländlicher Idylle bringen. Der Ort müsste mit schweren wirtschaftlichen Einbußen rechnen, ist Carmen Klockow vom Bürgerverein Neu Fahrland sicher. Aushängeschild der Region ist die Heinrich-Heine-Klinik, die sich auf die Behandlung psychosomatisch Erkrankter spezialisiert hat. Die Atmosphäre ohne Störgeräusche sei bislang wesentlicher Bestandteil der Behandlung gewesen. Die Klinik will die derzeit 210 Betten um weitere 110 aufstocken. "Ich bezweifle, dass die Klinik überhaupt weiter existieren kann, wenn permanent Flieger über Neu Fahrland ziehen", sagt Klockow.

Weniger Einnahmen im Tourismus

Weniger Geld in der Kasse, speziell beim Tourismus, prophezeit auch Pia von Kaehne, die für Klein Glienicke eintritt: "Wer in anderen Bundesländern die Diskussion um mögliche Fluglärmfolgen in unserer Kulturlandschaft verfolgt, wird doch von einem Urlaub an den Havelseen Abstand nehmen." Nicht anders könnten künftig die Tagestouristen entscheiden, die an den Wochenenden auf der Suche nach Stille und Harmonie anreisen würden.

Auch bei einem Treffen mehrerer Bürgerinitiativen im Rathaus Spandau am Dienstagabend standen die Flugrouten auf der Tagesordnung. Die Schar der Routen-Kritiker kam aus Teltow, Steglitz, Zehlendorf, Stahnsdorf oder Lichtenrade. "Wir sind keine Flughafengegner, wir sind Flugrouten-Verbesserer", machte Lutz Renner, der stellvertretender SPD-Ortsvorsitzende von Hohen Neuendorf, deutlich. "Wir werden das Thema in den Wahlkampf tragen", hieß es in Spandau. "Lärmschutz geht vor Wirtschaftlichkeit", betonte Renner. Die von Bürgerinitiativen favorisierte Route erzeuge die geringste Lärmbelastung. Der Vorschlag vermeide zudem das Überfliegen des Kernforschungsreaktors BER II des Helmholtz-Zentrums in Berlin-Wannsee. Zudem sei sie wirtschaftlich zumutbar, weil der Umweg nur eine rund vier Minuten längere Flugzeit für Ziele im Osten bedeutete.