Paretz - Ein Ort mit Vorbildfunktion

Aus dem Muster-Ländle ins Muster-Dorf

In Stuttgart hat Helga Breuninger keine Chance, unerkannt in die Oper zu gehen. Im Schwäbischen kennt nahezu jeder die Vorstandsfrau der Breuninger Stiftung Stuttgart. Projekte und Ideen, die ihre Stiftung finanzieren könnte, werden nahezu im Minutentakt an sie herangetragen.

Das Flächenland Brandenburg schien der 64 Jahre alten Schwäbin daher genau der richtige Ort, um einmal "abzutauchen", den "dritten Lebensabschnitt" mit ihrem Gefährten Volker Donath in aller Stille zu verbringen. Mit ihren zwei Hunden lange Spaziergänge machend, ein Buch mit Versen von Goethe und Schiller in der Jackentasche, so hatte sie sich ihre Zukunft ausgemalt.

Dass Helga Breuninger, deren Familie in vierter Generation die Warenhausgruppe Breuninger gehört, sich dafür 2008 allerdings das frühere preußische Musterdorf Paretz aussuchte, bezeichnet die promovierte Psychologin, Volkswirtin und Chefin einer von ihr 1995 gegründeten Unternehmensberatung heute als Schicksal. Nicht nur, dass sie inzwischen weiß, dass sie kein Mensch ist, der sich einfach zurücklehnen kann. Verändert hat sich mit ihrer Ankunft auch das Gefüge im Ort.

Gut zwei Jahre später versteht sich Paretz heute als Modell eines neuen bürgerlich-demokratischen Dorftyps. Helga Breuninger hat entscheidenden Anteil daran. Sie hat die Paretz-Stiftung initiiert, die ausdrücklich bürgerschaftliches Engagement fördert. Und sie hat Bürgergespräche angeregt, die professionell moderiert werden. Ein Beispiel, das Schule macht. Nicht nur der Nachbarort Ketzin will dieses Modell übernehmen. "Gemeinden aus ganz Deutschland interessieren sich für unser Konzept modernen Dorflebens", sagt Helga Breuninger.

Die jüngst sanierte historische Gutsscheune, die Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Sonntag offiziell eröffnet, ist nur ein Ergebnis des Wandels im 400-Seelen-Dorf. Dass in der Scheune ein neuer Kamin Gemütlichkeit verspricht, Ketziner Schüler einer eigens gegründeten Firma Kaffee und Suppe verkaufen, Bewohner sich zu Festen unterm neuen Dach treffen, ist Folge zahlreicher Bürgergespräche. Debatten sind ausdrücklich erwünscht. Wie eben die um einen neuen Dorfmittelpunkt, seit der Dorf-Konsum kurz nach der Wende dicht gemacht hatte. Die unter Denkmalschutz stehende, aber völlig marode Gutsscheune, die den Bauern als Garage für ihre Traktoren diente, bot sich in Breuningers Augen an. Ein Projekt, an dem sich möglichst alle Paretzer beteiligen sollten, wünschte sie sich.

Die Scheune war die Initialzündung für ihren persönlichen Einsatz. Auch wenn dieses Projekt mittlerweile realisiert ist: Die Bürgergespräche gehen weiter. Alles, was die Dorfbewohner beschäftigt, wird in den öffentlichen, von Mediatoren geleiteten Runden angesprochen. Ein Masterplan zur Dorfgestaltung soll mit Beteiligung der Paretzer aufgestellt, die Vermietung von Ferienzimmern organisiert, das alte Schleusenhaus zu einem Seminarhaus umgebaut werden. Pläne, die Geld kosten. Geld, das die Stiftung Paretz mitbringt. Allein 600 000 Euro hat sie für den Umbau der Scheune spendiert. Hinzu kamen Fördermittel des Landes Brandenburg und der EU in Höhe von 750 000 Euro.

Viele Biografien, viele Meinungen

Die Stiftung Paretz ist Breuningers und Donaths "Kind". "Als alter Hase in Sachen Stiftung habe ich meinen Lebensgefährten motiviert, selber eine zu gründen", sagt sie. "Uns war schnell klar, dass man hier kein Haus kaufen und sich verstecken kann." Geschenkt bekomme man hier allerdings nichts, sagt Breuninger. Zu vielfältig seien die Biografien und Ansichten. Flüchtlinge, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Havelland eine zweite Heimat aufgebaut haben, wohnen neben Aussteigern aus den 80er-Jahren, die dem Honecker-Staat den Rücken kehren wollten. Dazwischen Zuzügler aus den alten Bundesländern, die nach der Wende in Paretz Fuß fassten, und neue Bewohner, die vor Kurzem aus Städten geflohen sind.

Da einen gemeinsamen Nenner zu finden, sei nicht einfach, hat Breuninger erfahren. Nicht immer reiche die Hilfe eines Mediators, sagt sie. Auf einen Vermittler, der die Befindlichkeiten eines jeden Bewohners einschätzen kann, kam es Helga Breuninger an. Den fand sie in Matthias Marr. Seit fast 30 Jahren ist der ehemalige Buchhändler Paretz bereits verbunden. Der 59-Jährige ist Schloss-Kastelan. 1990 gründete er den Verein "Historisches Paretz". Jetzt ist er als Stiftungsrat zusätzlich für die Stiftung Paretz tätig.

"Nach der Sanierung des Schlosses im Jahr 2000 war die Luft raus bei denjenigen, die sich für die Vergangenheit eingesetzt haben", sagt Marr. Helga Breuninger kam genau zum richtigen Zeitpunkt. "Uns fehlten neue Projekte. Und die ermöglichte sie mit der Stiftung - beispielsweise aber auch mit der Idee eines Kostümnäh-Workshops, mit der im Luise-Jahr 2010 für Paretz geworben werden konnte." Eine Schneiderin, die sich aufs Nähen historischer Kostüme verstand, fertigte anfangs mit nur vier, später mit mehr als 100 Paretzern repräsentative preußische Kleider. Der neue Fundus umfasst heute rund 200 historische Röcke, Schürzen und Mäntel. Die werden bei Modenschauen wie auch bei Aufführungen des "Paretzer Liebhaber-Theaters" oder auch privaten Feiern übergestreift. Jeder Paretzer kann sich die Kleidungsstücke ausleihen. "Mir geht es nicht um das Geld, das in ein bestimmtes Vorhaben investiert wird, sondern vielmehr darum, dass eine Infrastruktur des Miteinanders aufgebaut wird", sagt die Stiftungsinitiatorin.