Landtags-Baustelle

Gearbeitet wird bald bis 22 Uhr

Richtfest am Alten Markt will Finanzminister Helmuth Markov (Linke) im Spätherbst feiern. Ob die Krone auf das Dach der nördlichen Kopfbauten oder auf das des Südflügels des neuen brandenburgischen Landtagssitzes gezogen wird, steht allerdings noch nicht fest.

Dass Bauherr Markov im Jahr 2013 dann auch auf die Fertigstellung des rund 120 Millionen Euro teuren Neubaus mit historischer Stadtschlossfassade anstoßen möchte, beschäftigt Thomas Weber, den Technischen Leiter des Bauträgers BAM Deutschland AG, derzeit weniger. Er macht sich vielmehr Gedanken darüber, ob alle Zuleitungen und Anschlüsse von Wasser, Abwasser und Strom rechtzeitig gelegt werden können. "Wir sind auf schnelle, intensive Abstimmungen und die Kooperationsbereitschaft der betroffenen Anrainer und Gewerbetreibenden angewiesen", sagt Weber. Von denen werden noch einige Zugeständnisse verlangt. Weber geht davon aus, dass Nachtarbeiten auf der Baustelle notwendig sind. Drängende Drainagearbeiten ließen beispielsweise keinen zeitlichen Spielraum. Anträge auf Arbeitszeitverlängerung will die BAM rechtzeitig stellen.

Fünf Baukräne drehen sich

Wenn die Behörden zustimmen, würde zeitweilig von 6 Uhr früh bis 22 Uhr gearbeitet werden. 60 Arbeiter sind - im Schatten von fünf Baukränen mit bis zu 60 Meter langen Auslegern - derzeit dabei, Bodenplatten zu gießen, Wände und Decken des Untergeschosses hochzuziehen. In den nächsten Wochen und Monaten wird es eng werden auf der Baustelle. "In Spitzenzeiten werden mehrere Hundert Menschen vor Ort arbeiten", kündigt Weber an. Zug um Zug werde das Bauarbeiterteam aufgestockt.

Hinter dem Bauzaun türmen sich schon Sandberge, rund 30 000 Kubikmeter Erdreich sind bereits ausgehoben. 99 bis zu 27 Meter lange Bohrpfähle sind in den Boden gerammt, 146 Zugpfähle eingebracht. Anfang August soll das Untergeschoss stehen. "Bereits Ende nächsten Monats wollen wir im südlichen Bereich mit den Wänden im Erdgeschoss beginnen", sagt Weber. Steht erst der Rohbau, kann die Fassade montiert werden. Geht alles nach Plan, findet das noch diesen Herbst statt.

Orange-rot soll die rekonstruierte Fassade samt Pilastern und Gesimsen leuchten. Historische Pläne und Fotos sind die Grundlage für den Nachbau des Knobelsdorffschen Barock. Nicht alles ist Kopie. Auch Originalteile sollen - bewusst mit den Spuren ihres Verfalls - in den Neubau integriert werden und somit die Brücke zur Geschichte schlagen. 20 Millionen Euro hatte der Gründer des Software-Unternehmens SAP und Potsdam-Liebhaber Hasso Plattner gespendet, um die historische Fassadenoptik zu garantieren. Den Anfang hatte TV-Moderator Günther Jauch gemacht. Mit der 3,5 Millionen-Euro-Spende des Talkmasters wurde das Fortuna-Portal auf dem Alten Markt wiedererrichtet, das künftig als Eingang zum Parlamentsgebäude dienen soll.

Auch wenn das Innere des Landtages modern und funktionell gestaltet wird, will man auf einen Hauch Historie nicht verzichten. Durch eine Glasscheibe sollen Besucher künftig einen Blick auf Reste des alten Weinkellers des früheren Stadtschlosses werfen können. "Nur noch ein Stück des Fundaments und ein Teil des Fußbodens sind erhalten", sagt BAM-Projektleiter Frank Gerald Lange. Selbst diese kleine Reminiszenz an die preußische Geschichte sei jedoch nicht problemlos umzusetzen. Fragen wegen des Temperaturgefälles, zur Bauphysik und zu den Folgen von sich möglicherweise auf der Glasscheibe absetzendem Wasserdampf hätten sich schon bei der "Schaufenster-idee" gestellt.

Reibungslos klappte beim Projekt "Neubau des Landtags mit historischer Fassade" bislang nur wenig. Noch beim ersten symbolischen Spatenstich im Februar 2010 schien sicher, dass der Landtag Ende 2012 in den Neubau einziehen könne. Seit 1991 sind die Landtagsabgeordneten in der mittlerweile völlig maroden früheren Königlichen Kriegsschule und späteren SED-Bezirksleitung, dem sogenannten "Kreml", auf dem Brauhausberg untergebracht. Im Mai 2005 hatten sie den Neubau zwischen Nikolaikirche und Havel beschlossen. Sechs Monate nach dem Spatenstich wurde der Umzugstermin auf das Frühjahr 2013 verschoben. Mit notwendigen archäologischen Grabungen auf dem Baugrundstück, die vorher nicht absehbar gewesen seien, hatte Finanzminister Markov die Verzögerungen seinerzeit begründet. Jetzt spricht der Minister von einer Fertigstellung in der zweiten Jahreshälfte 2013. Zeit habe auch der Streit zwischen der Stadt Potsdam und dem Baukonsortium, der BAM Deutschland, gekostet. Gestritten wurde über Auflagen der Stadt Potsdam, die sie erst nach der Baugenehmigung erlassen haben soll. Die BAM hatte daraufhin ein Widerspruchsverfahren angestrengt.

Historische Stätte wird ummantelt

Wenig Begeisterung hatte der Bauträger auch über die Auflagen des Denkmalschutzes gezeigt. Um die verschiedenen Zeitepochen für die Nachwelt zu dokumentieren und zu erhalten, blieb inmitten der geplanten Tiefgarage unter dem Neubau ein 80 mal 25 Meter großes Areal unberührt. Holzverschalungen schützen das Stück Zeitgeschichte aus Erdbrocken, Unkraut und Ziegelstein. "Dieses Stück wird komplett ummantelt, ist also für niemanden sichtbar, aber die Auflage ist bindend", sagt Frank Gerald Lange. Seine Kollegen bezeichnen den Klotz nur als "Tresor". Der bringt in seiner Wuchtigkeit die vorgesehene Tiefgarage allerdings um rund 30 mögliche Stellplätze. 166 Parkplätze sind momentan vorgesehen.

Auch die veranschlagten Kosten von rund 120 Millionen Euro scheinen zu niedrig angesetzt. Grundwasser, das abgesenkt werden muss, und loser Sand im Untergrund, der die Bauarbeiten erschwert, werden die Kosten voraussichtlich in die Höhe treiben. Laut einem vertraulichen Gutachten aus dem Finanzministerium soll die Rede von 15 Millionen Euro Mehrkosten sein. Finanzminister Markov hält sich zu diesem Thema bedeckt. "Wir sind mit der BAM auf dem Weg zu einer endgültigen Klärung", sagt er dazu nur.