Industriedenkmäler

Eine Stadt kämpft um ihr Erbe

Von außen sieht der Betrachter nur einen 18 Meter hohen Kegel aus gemauerten Ziegeln. Im Inneren entpuppt sich der Turm des Wriezener Kalkofens als wahres Platzwunder. Rund um den eigentlichen Ofenschacht bekäme der Begriff Erlebnisgastronomie eine ganz neue Bedeutung.

Auch Ausstellungen wie in einer Galerie böten sich an, schließlich ist das angrenzende Oderbruch inzwischen ein wahres Künstlermekka. Eckhard Brennecke sieht die Nutzung des 1889 errichteten Kalkofens schon vor seinem geistigen Auge. "Wir schaffen das", sagt der gebürtige Wriezener und nickt dazu bekräftigend.

Schließlich, so weist der 55-Jährige auf die bereits sanierte Außenhaut des kegelförmigen Turms, habe der von ihm begründete Verein "Interessengemeinschaft Hafen Wriezen" ja auch die Rettung des alten Ziegelgemäuers hinbekommen. Stein für Stein wurde der 18 Meter hohe Turm abgetragen, neu aufgemauert und verfugt. Das Projekt kam bei den Brandenburgern an, viele Menschen und Firmen aus der Region halfen, sodass der Verein lediglich die Materialkosten finanzieren musste. Allein sieben Tonnen Kalk wurden bei der Sanierung verbraucht. "Solche Industriedenkmale aus dem 19. Jahrhundert findet man - noch viel komplexer - in Rüdersdorf, ansonsten gibt es sie kaum noch", sagt der Chef einer kleinen Firma für Gaststätteneinrichtungen und Schankanlagenbau.

Der Kalkofen und sein etwas kleinerer und älterer Bruder (erbaut 1860) stehen auf dem alten Hafengelände an der Alten Oder. Diese ist als solches allerdings kaum noch zu erkennen. Statt großer Frachtkähne liegen Kanus am Ufer, der Fluss ist nur ein recht schmaler, ruhiger Strom. "Hier war ein richtiges Industriegelände, Umschlagplatz von Schiene auf Schiff und umgekehrt, sämtliche Betriebe hatten Gleisanschluss", erzählt Eckhard Brennecke und zeigt auf die vielen Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden seines Büros. Mit der Stilllegung Ende der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts war das Hafenbecken seinen Recherchen nach zugeschüttet worden.

Eisenbahnanschluss im Jahr 1889

Die Stadt Wriezen hatte im Jahr 1889 Eisenbahnanschluss und damit eine direkte Verbindung nach Berlin erhalten. Um 1900 entwickelte sich der Wasser-Transport auf dem Oderaltarm. 1902 entstand dann der Hafen mit eigenem Bollwerk zum Anlegen von Lastkähnen. Kohle und Kalk für die Brennerei wurden überwiegend im Hafen gelöscht. 1969 wurde der Hafenbetrieb aufgegeben, da der Wasserweg an Bedeutung verloren hatte. Die Kaimauer wurde entfernt, das Hafenbecken teilweise zugeschüttet.

Die beiden Wriezener Öfen verdanken ihr Fortbestehen seinen Angaben nach mehr oder weniger dem Zufall. "Zu DDR-Zeiten sollten sie abgerissen werden. Letztlich war dafür aber kein Geld da", erzählt der gelernte Maler. Inzwischen sind sie als technische Denkmale geschützt und Brennecke hat sich ihrer angenommen. Er versucht die beiden charakteristischen Ziegelbauwerke vor dem Verfall zu retten, um sie touristisch zu nutzen. "Ein bisschen verrückt sein muss man allerdings schon, um sich so etwas aufzubürden", sagt Brennecke, der 1998 mit seiner Firma auf das alte Hafengelände gezogen war, später zudem einen Kanuverleih aufmachte und der Touristeninformation ein neues Zuhause bot.

Er bezog zunächst Nebengebäude, liebäugelte aber immer mit den benachbarten Kalköfen. "Das Bundesvermögensamt veranschlagte dafür 1,1 Millionen Euro. Die wollte keiner bezahlen und so stand der Komplex 18 Jahre lang leer." Erst im Jahr 2005 schlug bei einer Zwangsversteigerung Brenneckes Stunde. Die Öfen kamen gemeinsam mit der nebenstehenden ehemaligen Fabrikantenvilla unter den Hammer. "Die wollten alle nur das Haus, nicht aber die Öfen", erinnert sich der 55-Jährige, der per Telefon 25 000 Euro für das Gesamtpaket bot und den Zuschlag erhielt. "Die Stadt war nach dem Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört, hat damit kaum noch Zeugnisse ihrer Geschichte", begründet Vereinsgründer Brennecke sein Engagement.

Für den Innenausbau und die Rettung des zweiten, weitaus maroderen Turms will er einen Fördermittelantrag stellen. Dafür ist allerdings ein 25-prozentiger Eigenanteil nötig. Das Investitionsvolumen beziffert er auf 250 000 Euro. "Der Sanitärtrakt könnte in die ehemaligen Wohnräume des Heizers, Wände und Decken müssen isoliert werden. Ganz zu schweigen vom zweiten Turm, der kurz vor dem Zusammenfallen ist." Noch Zukunftsmusik ist für den Hafen-Verein die Nutzung der alten Fabrikantenvilla. "Was hier noch fehlt, ist eine kleine Pension, auch für Wasserwanderer", sagt Brennecke. Allerdings sei das ehemalige Hafengelände im städtischen Flächennutzungsplan als Gewerbegebiet deklariert, in dem man eben nicht wohnen darf. Und Unterstützung der Stadt hat der Verein seinen Angaben nach bisher noch gar nicht bekommen.