Gedenkstätte

Das Lepsiushaus erinnert an den Massenmord an den Armeniern

Die zeitliche Nähe ist reiner Zufall und doch symbolisch: Während gerade der türkische Ministerpräsident Tayyib Erdogan ein Denkmal zur Erinnerung an den Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern abreißen ließ, eröffnet Deutschlands Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) am heutigen Montag in Potsdam das Lepsiushaus als Gedenk- und Forschungsstätte.

In der Villa in der Großen Weinmeisterstraße 45 am Fuß des Pfingstberges lebte von 1908 bis zu seinem Tode 1926 der protestantische Theologe Johannes Lepsius, und von hier aus verschickte er im Sommer 1916 mehr als 20 000 Exemplare seines "Berichts zur Lage des armenischen Volkes in der Türkei" an Adressaten in ganz Deutschland.

Es war sein Versuch, das politisch gewollte Stillschweigen in Berlin über die Massenmorde des verbündeten Osmanischen Reiches zu brechen. Ab Ende April 1915 hatten türkische Soldaten zunächst in Konstantinopel, bald darauf auch in anderen Teilen des Landes, armenische Männer reihenweise hingerichtet, Frauen, Kinder und Greise zu Deportationsmärschen zu Fuß in unwirtliche Regionen gezwungen, wo viele Angehörige der christlichen Minderheit elendig verhungerten. Die deutsche Zensur wollte alle Veröffentlichungen über diesen Massenmord verhindern. Doch Lepsius, als Mitbegründer der Deutsch-Armenischen Gesellschaft vertraut mit den ethnischen Konflikten in Kleinasien, unterlief diese Anweisung und veröffentlichte seine Berichte.

Im seinem Haus, das seit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte 1994 der Bundesrepublik gehört, wird nun neben dem Lepsius-Archiv der Universität Halle-Wittenberg die Originalbibliothek des Forschers mit rund 5500 Bänden sowie eine Dokumentation zu finden sein. Auch eine Dauerausstellung und öffentliche Veranstaltungen sind geplant.

Aufklärung und Erinnerung in Deutschland an diesen Massenmord mitten im Ersten Weltkrieg stehen also gegen Verdrängen und sogar Verhindern des Gedenkens in der Türkei. Diese beiden Pole sind typisch für den Umgang mit dem Schicksal der Armenier.

Allerdings ist Johannes Lepsius nicht unumstritten. Er war ein Sohn seiner Zeit. Deshalb war die "Moslem-Mission" für ihn selbstverständlich. Seine verschiedentlich formulierte kritische Haltung gegenüber Juden erscheint aus der Gegenwart betrachtet mindestens sehr anstößig. Für die Linkspartei in Brandenburg war das im vergangenen Jahr ein Anlass, die Einrichtung des Lepsiushauses scharf zu kritisieren. "Eine einseitige Überhöhung der Rolle Lepsius' leistet darüber hinaus deutsch-nationaler Geschichtsklitterung Vorschub, wenn gleichzeitig seine nachgewiesene antidemokratische und antisemitische Gesinnung verschwiegen wird", so die Linken. Dagegen setzte die Bundesregierung als Träger der neuen Gedenkstätte ein klares Bekenntnis: "Eine Begrenzung auf das Leben und Wirken von Johannes Lepsius ist nicht beabsichtigt." Er sei eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, deren Wirken "verschiedene Facetten" aufweise, so die Bundesregierung. Im Mittelpunkt der Arbeit des Lepsiushauses dagegen sollen deutsch-armenische Themen stehen.

Dieses Programm ist allerdings ambitioniert. Ob das Lepsiushaus seinen Auftrag erfüllen kann, einen Beitrag "zur Verbesserung der Beziehungen zwischen dem armenischen, dem deutschen und dem türkischen Volk" zu leisten, ist offen. Dieses Ziel könnte, angesichts der national-islamischen Tendenz der türkischen Regierung, gegenwärtig allzu hochgesteckt sein, meinen Experten.

Weitere Informationen unter www.lepisushaus-potsdam.de