Studentenfilmfestival

Für eine Woche kehrt die DDR zurück

Osten, Westen, Mauerbau, DDR? Jüngste Historie, mit der die Nachwende-Generation kaum noch etwas anzufangen weiß. Um Zeitgeschichte besser begreiflich zu machen, wagt eine Berliner Schule das Experiment: Sie teilt ihre Schüler in Wessis und Ossis auf. Eine kleine Mauer wird gebaut, Freunde aus dem "Ostteil" dürfen die "Westschüler" nicht mehr besuchen, Gespräche werden - zumindest in der "Mini-DDR" - während der Projektwoche überwacht.

Stets mit dabei: die Kamera. "Kleine Mauer" hat Alissa Jung ihren Dokumentarfilm über dieses Experiment genannt und ihn beim internationalen Studentenfilmfestival "Sehsüchte" ins Rennen geschickt. Veranstaltet wird es von der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" (HFF).

"Die Filmidee fand ich einfach umwerfend", sagt Festivalsprecherin Anna Jakisch. Dass ihr persönlicher Favorit einen der 16 in verschiedenen Kategorien ausgelobten Preise einheimsen wird, glaubt die 25-jährige Marburgerin nicht. Die Konkurrenz sei zu stark. 100 Filme aus 25 Ländern, von denen 70 im Wettbewerb laufen, werden vom 2. bis 8. Mai auf den Leinwänden des Thalia-Kinos in Babelsberg zu sehen sein. Ausgewählt wurden sie aus insgesamt 1200 Beiträgen, die Filmstudenten aus 69 Ländern eingereicht haben.

Seinen Kinderschuhen ist das von Babelsberger Studenten Jahr für Jahr organisierte Festival längst entwachsen. Mittlerweile zählt es zu den größten seiner Art. Regelmäßig lockt es mehr als 10 000 Besucher an; Preisgelder von mehr als 48 000 Euro sind ausgelobt. Schon seit einigen Monaten sind 26 Studenten des ersten und zweiten Masterstudienganges Medienwissenschaften der HFF mit den Vorbereitungen beschäftigt. Bereits zum 40. Mal präsentiere "Sehsüchte" zumeist mit kleinem Budget produzierte Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme junger Filmemacher aus der ganzen Welt, sagt Lisa Basten, zweite Sprecherin des Festivals.

Festival 1972 ins Leben gerufen

Dessen Wurzeln liegen in den Studentenfilmtagen, die die DDR-Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) seit 1972 an der HFF veranstaltete. Nach mehrjähriger Unterbrechung nach der Wende knüpften HFF-Studenten 1995 an die Tradition an - einer Tradition, in der Künstler Jürgen Böttcher seinen festen Platz hat. Nicht nur, weil das Filmemacher-Urgestein zwischen 1955 und 1960 an der heutigen HFF Regie studierte. Mit Dokumentar- und Experimentalfilmen hat sich Böttcher seither einen Namen gemacht. In der vom Filmfestival initiierten Retrospektive werden Böttchers "Barfuß und ohne Hut" von 1964 und sein einziger Spielfilm "Jahrgang 45" zu sehen sein. Am 7. Mai wird Böttcher selber anwesend sein und als erster den von der HFF neu gestifteten Ehrenpreis entgegennehmen.

Filmemacher Wim Wenders, Böttchers Pendant aus dem Westen, wird bereits am 6. Mai erwartet. Auch ihm ist bei diesem Studentenfestival eine eigene Retrospektive gewidmet. Außer seinen Langfilmen "Palermo Shooting" und "Pina" werden zwei eher unbekannte Kurzfilme von Wenders gezeigt, die er im Kongo unter anderem mit der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" gedreht hat.

Seit gut zweieinhalb Jahren kennt die gebürtige Münchnerin und Potsdamer Studentin Lisa Basten keine Wochenenden mehr, hat auch von Sommerferien nur noch eine vage Vorstellung. "Wer sich auf die Organisation des Studentenfilmfestivals einlässt, verzichtet auf ein Privatleben, wird mit Haut und Haaren gefressen", sagt sie. Belohnt werde man nicht selten mit Kontakten zu Regisseuren, Produzenten, Eventfirmen und Schauspielern. Die eigene Karriere haben die HFF-Studenten bei der Organisation des Filmfestivals weniger im Sinn. Der Sprung ins kalte Wasser reize sie, sind sich Anna Jakisch und Lisa Basten einig. Finanziert von Sponsoren wie der Filmfördergesellschaft Medienboard Berlin-Brandenburg, dem Land Brandenburg und der HFF selbst wird den jungen Kreativen beim Festival freie Bahn gelassen.

Für das Festival hat Lisa Basten einen Geheimtipp: die tägliche Lounge, die zwischen 19 und 24 Uhr in der Filmhochschule geöffnet ist. "Hier kann man Filmemacher treffen und sich austauschen."