Brandenburg

"Man muss einfach die Heimatgefühle herauskitzeln"

Florian Winkler war 19, als er im Internet auf ein verlockendes Ausbildungsangebot zum Ingenieur bei Siemens stieß: Gut bezahlte Arbeit in Erlangen, parallel dazu ein Studium im niederbayerischen Deggendorf. "Es war wie ein Sechser im Lotto", sagt der heute 25-Jährige.

Gleich nach dem Abitur verließ er seine uckermärkische Heimatstadt Schwedt. Julia, seine Schulliebe, kam mit. Die junge Frau hatte einen Platz an der Fachakademie für Sozialpädagogik unweit von Deggendorf ergattert. Die nächsten Jahre kam das Paar meist nur zu den Feiertagen nach Hause. Eigentlich gefiel es den beiden ganz gut in Bayern. Als Sohn Simon unterwegs war, wollten sie aber dann doch lieber wieder in die Uckermark. Das Zurückkommen war schwieriger als das Weggehen.

Doch sie haben es geschafft: Seit Weihnachten 2009 wohnt die junge Familie in Angermünde, mitten in der schmuck hergerichteten Altstadt. Julia arbeitet in einer örtlichen Kita als Erzieherin. Florian Winkler pendelt jeden Tag jeweils anderthalb Stunden mit dem Zug nach Berlin, wo er in Pankow eine Stelle bei einem Schienenfahrzeughersteller gefunden hat. "Wir wollten vor allem, dass unser Sohn in der Nähe seiner Großeltern aufwächst", sagt Florian Winkler. Das sei der Hauptgrund für die Rückkehr in die Uckermark gewesen. Ein wenig Heimweh war natürlich auch dabei.

Die Winklers wären die perfekte Zielgruppe für Rückkehrprogramme gewesen, wie sie andere Ost-Länder schon seit Jahren anbieten. In Brandenburg beginnt die Debatte darüber aber erst jetzt. Denn der Druck auf die Politik wächst: Die Bevölkerung wird älter, die geburtenarmen Jahrgänge machen sich zunehmend auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Bereits in fünf Jahren, so prognostisiert eine Studie, könnten in Brandenburg 275 000 Fachkräfte fehlen. In 20 Jahren soll es bereits eine halbe Million sein. Schon jetzt sind etwa 100 Ärztestellen in Krankenhäusern vakant, für mehr als 150 Hausarztpraxen lassen sich keine Nachfolger finden, so die neuesten Zahlen der Landesärztekammer. Vor allem in den ländlichen Gebieten sieht es duster aus. Viele Betriebe suchen dort mittlerweile Auszubildende, vor Kurzem war es noch umgekehrt.

Andere Bundesländer sind weiter

Seit 1990 sind laut statistischem Landesbetrieb 474 544 Märker in die alten Bundesländer gezogen. Damit verließen fast eine halbe Million Menschen das Land - vor allem junge, gut ausgebildete Brandenburgerinnen.

Andere Ost-Länder bemühen sich längst um die ehemaligen Landesbewohner. In Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel spricht die Rückholagentur Mv4you seit Jahren gezielt Ehemalige an. Thüringen fördert regionale Büros als Ansprechpartner für ehemalige Landeskinder. Und in Sachsen-Anhalt können Unternehmer auf einer dafür eigens geschaffenen Internetplattform freie Stellen offerieren.

Ein solch gebündeltes Engagement fordert nun auch die oppositionelle CDU für Brandenburg. Die Fraktion brachte jetzt - unterstützt von den Bündnisgrünen - einen Antrag in den Landtag ein, in dem sie von der rot-roten Regierung ein Konzept für Rückholaktionen verlangt.

SPD und Linke reagieren bislang zurückhaltend. "Viel entscheidender für die Rückkehrentscheidung sind Faktoren wie Arbeitsplätze und gute Infrastrukturangebote wie Kita, Schule und Freizeitmöglichkeiten", sagt Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke).

Das kann auch der uckermärkische Rückkehrer Florian Winkler bestätigen. Dennoch ist er der festen Überzeugung, "dass auch die Heimatgefühle der Leute angesprochen werden sollten". Durch Zufall stießen er und seine Freundin während ihrer Zeit in Bayern im Internet auf den Verein Zuhause in Brandenburg e. V. Ariane Böttcher gründete den virtuellen Heimatverein 2008. Sie hatte das uckermärkische Templin schon 1993 verlassen. Nach dem Studium in Berlin lebte sie in China und Südamerika, heute wohnt und arbeitet sie mit ihrem Mann und den Kindern in Berlin. Die Politologin weiß, wie schön und auch wie wichtig es ist, den Bezug zur Heimat nicht zu verlieren. Über Facebook halten sich durch ihr Engagement bereits 750 Ex-Uckermärker auf dem Laufenden über die Entwicklung daheim. Auf der Homepage von zuhause-in-brandenburg.de wird nicht nur auf kulturelle und sportliche Veranstaltungen wie das sommerliche Drachenbootfest in Schwedt hingewiesen, es finden sich Links zu Wahlergebnissen, Stellenausschreibungen in der Region und wirtschaftlichen Investitionen.

Der Verein, der die Uckermark im Visier hat, setzt sich vor allem mit dem Thema demografischer Wandel auseinander. Dafür wurde er von der Landesregierung ausgezeichnet. Die Initiatorin Ariane Böttcher sagt: "Wir wollen zeigen, dass man etwas gegen die Abwanderung machen kann." Sie empfiehlt den Leuten durchaus, einige Zeit wegzugehen. Sie sollten aber wiederkommen.

Ariane Böttcher behagt es gar nicht, dass sich die Rückkehrerdebatte zunehmend auf den Fachkräftebedarf reduziert. Es gehe vor allem um die gesellschaftliche Entwicklung und den Zusammenhalt in den Regionen, sagt sie.

Bei einer von der CDU beantragten Expertenanhörung im Landtag stellte sie ihr Projekt vor, das ganz ohne staatliche Zuschüsse auskommt. Dabei plädierte Ariane Böttcher an das Land, regionale Initiativen zu koordinieren. Sie selbst würde gern zurückkehren in die Uckermark. Doch bislang scheiterte dies an der beruflichen Perspektive.

"Die meisten Abgewanderten wollen eigentlich zurück", sagt Hans Luitger Dienel vom Institut Nexus, das Rückkehrerprogramme im Osten untersucht hat. "Es ist auch eine emotionale Frage, die Bedingungen müssen insgesamt stimmen." Das zentrale Ergebnis der Expertenanhörung im Landtag war für den Chef der Potsdamer Staatskanzlei, Albrecht Gerber, dass die Bindung an die Heimat "lokal und regional sei, also an die Uckermark, an die Stadt, nicht ans Land". Gerber hat sich diese Woche mit Ariane Böttcher getroffen, deren Verein im ständigen Austausch mit 900 Ehemaligen aus der Uckermark steht. Sein Fazit: "Wir müssen die regionalen Initiativen besser vernetzen." Denkbar sei daher eine Plattform im Internet. Sie sollte mit den Initiativen in den Regionen und Kreisen verlinkt werden. Eine zentrale Rückkehragentur lehnt die Landesregierung ab. Der Erfolg anderer Rückkehrerinitiativen sei nicht nachgewiesen, sie kosteten aber eine Menge Geld, heißt es in der rot-roten Koalition.

In der Lausitz gibt es seit einigen Jahren eine professionelle Rückholagentur. Steffen Sickert, der Chef der privaten Job-Vermittlung Boomerang, nutzt vor allem die Zeit um Weihnachten und Ostern, die Wegzügler auf Heimaturlaub anzusprechen. Sein Unternehmen finanziert sich über das Erfolgshonorar von Unternehmen. Für den Agenturchef steht außer Frage: "Brandenburg braucht eine Rückholagentur - mit einem richtigen Werbeetat, vielleicht über das Brandenburg-Marketing." Bei der Anhörung im Landtag plädierte er für eine Mischfinanzierung durch Wirtschaft und Land. Eine solche Begleitförderung für ein Regionalbüro mit bis zu fünf Stellen würde jährlich "so viel wie 100 Meter Straße kosten - etwa 100 000 Euro, argumentiert Steffen Sickert.

Kampf um die Köpfe

Der brandenburgische Arbeitsstaatssekretär Wolfgang Schroeder (SPD) appelliert in der Debatte an die Wirtschaft, Voraussetzungen zu schaffen, um im "Kampf um die Köpfe" mithalten zu können, nämlich bei den Löhnen nachzuziehen, die ein Drittel unter westdeutschem Niveau seien. In Brandenburg liege der jährliche Durchschnittslohn bei 23 000 Euro, in Hessen bei 32 000 Euro. Auch der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Cottbus, Wolfgang Krüger, sagt: "Die Löhne müssen rauf."

Während in Brandenburg noch gar nicht richtig losgelegt wurde, sind andere Ost-Länder schon beim nächsten Schritt. Sie wollen sich jetzt auch um die "Weit-Pendler" kümmern, die nur an Wochenenden nach Hause kommen. Mecklenburg-Vorpommern will im Mai eine Aktion starten, bei der ihnen an Autobahnraststätten landeinwärts, an Freitagen, "Pendler-Taschen" gereicht werden - mit Job-Angeboten im Land.

Florian und Julia Winkler haben ihren Rückzug in die Uckermark nicht bereut. "Angermünde ist so schön geworden", sagt Florian Winkler. Er ist davon überzeugt: "Man muss einfach die Heimatgefühle herauskitzeln, dann kommen Leute auch zurück."