Mahnmal

Die Opfer spielten keine Rolle

Der gestreifte Drillichanzug steht für Dreck und Hunger, für Schmerz und Tod. An einem Frühlingssonntag vor einem halben Jahrhundert jedoch ist die weiß-blaue Kluft der KZ-Häftlinge frisch gebügelt und riecht nach Waschmittel. Es ist der 23. April 1961.

Hunderte Überlebende des KZ Sachsenhausen bei Berlin sind zurückgekehrt an den Ort ihres Leidens. Bei strahlendem Sonnenschein wird die "Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen" eröffnet, und fast die gesamte Prominenz der DDR und ihrer Staatspartei SED ist erschienen.

Doch müssen die Überlebende des KZ, 16 Jahre nach ihrer Befreiung, erneut durch ein Spalier von Uniformierten mit Stahlhelmen marschieren. Diesmal tun es die Männer in Weiß-Blau freiwillig. Aber zwischen Soldaten zu marschieren und doch frei zu sein - mit diesem Widerspruch können viele der Überlebenden nicht umgehen. Resignation spiegelt sich in ihren Blicken. Schmerzhafte Erinnerungen kommen wieder hoch: an Qual, Prügelei und Hoffnungslosigkeit. Auch wenn die ehemaligen Häftlinge nach dem Aufmarsch mit Blumen und Orden ausgezeichnet werden.

Ausstellung zum Jahrestag

Vor einem halben Jahrhundert wurde die offizielle KZ-Gedenkstätte bei Oranienburg eingeweiht - als dritte derartige Einrichtung nach Buchenwald und Ravensbrück. Für die SED waren die Nazi-Konzentrationslager von entscheidender Bedeutung. Denn der Machtanspruch der Staatspartei gründete sich praktisch ausschließlich auf dem Kampf deutscher Kommunisten gegen das Hitler-Regime. Der "Antifaschismus" war offizielle Staatsdoktrin und die mit großem Aufwand eingerichteten Mahnorte so etwas wie politische Weihestätten. Schon Kindergarten-Kinder wurden hier auf die Ideologie der SED eingeschworen, fast jeder Kandidat für einen Parteibeitritt musste hier eine obligatorische Führung absolvieren, für Schulklassen, Auszubildende und andere Gruppen war der besuch ebenfalls Pflichttermin. Zum 50. Jahrestag eröffnete die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eine Sonderausstellung über die politische und historische Situation, in der sich die Einweihung abspielte.

Bei der Feier 1961 ging es kaum um die Opfer des Konzentrationslagers, sagt Günter Morsch, der Direktor der Gedenkstättenstiftung. Sie seien stark in den Hintergrund gerückt, weil die Eröffnung auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges stattfand und politisch von der DDR, aber indirekt auch vom Westen instrumentalisiert wurde. Kurz vor der Zeremonie hatte in Jerusalem der Prozess gegen den Organisator der Juden-Deportationen Adolf Eichmann begonnen, den die DDR zur Abrechnung mit der vermeintlich "neofaschistischen" Regierung Adenauer umzumünzen versuchte. Und in der Schweinebucht auf Kuba war die Invasion von antikommunistischen Exilkubanern gegen Fidel Castros Revolution gescheitert. Zur selben Zeit schwoll die Fluchtbewegung von DDR-Bürgern Richtung Westen immer mehr zur Welle an. Fast 15 000 Ostdeutsche waren allein in den ersten drei Aprilwochen geflohen. Die Sonderausstellung, die in das bestehende Museum integriert wird, zeigt mit etwa 150 Fotos und Dokumenten sowie zahlreichen Filmausschnitten, wie der Ost-West-Konflikt die Eröffnung der KZ-Gedenkstätte prägte. "Es ist irritierend zu sehen, wie die beiden Staaten mit dem Thema umgegangen sind", sagt Morsch. Die Reaktion des Westens auf die Gründung der Gedenkstätte sei von "Ignoranz" geprägt gewesen, während die DDR eine "hemmungslose Instrumentalisierung für das System" betrieben habe.

Angriffe auf die Bundesrepublik

Tatsächlich konzentrierten sich westliche Zeitungen im Vorfeld der Eröffnung hauptsächlich auf die Nachkriegsgeschichte des Lagers, denn schon ab August 1945 hatte die sowjetische Besatzungsmacht das nur wenige Wochen zuvor befreite KZ erneut genutzt, um Menschen einzusperren. Von den insgesamt 60.000 bis 1950 im "Speziallager Nr. 7" inhaftierten Menschen starben aktuellen Forschungsergebnissen zufolge mehr als 12 000 Insassen.

Ganz anders war der Tonfall der SED-Spitze. An der feierlichen Eröffnung nahmen etwa hunderttausend Gäste teil, darunter auch viele KZ-Überlebende. Walter Ulbricht erwähnte sie und ihr Schicksal in seiner Rede aber kaum; der größte Teil der Ansprache bestand aus Angriffen auf die Bundesrepublik, in der "Hintermänner, Drahtzieher und Nachfolger der nazistischen und militaristischen Verbrecher wieder Oberwasser gewonnen" hätten und "neue Untaten" vorbereiteten. Auch der Name Adolf Eichmann war bei der Eröffnung von Sachsenhausen allgegenwärtig, obwohl die Judenvernichtung im offiziellen Geschichtsbild der DDR eine nachgeordnete Rolle gegenüber der Verfolgung von "Antifaschisten" und dem "heldenhaften Kampf" der Kommunisten gegen Hitler spielte.

Besonders spannend ist, was Ausstellungskurator Bodo Baumunk über die vorgesehenen Ehrengäste herausgefunden hat. So sollten ursprünglich die Schauspieler Marlene Dietrich und Charlie Chaplin eingeladen werden, außerdem der italienische Regisseur Luchino Visconti. Angesichts der zu zahlenden Reisekosten verschwanden sie jedoch schnell von den Gästelisten. Dagegen sagten die westlichen Politiker, die eingeladen worden waren, fast ausnahmslos selbst ab - darunter auch Eleanor Roosevelt, die Witwe des früheren US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt.

Die SPD lehnte die Instrumentalisierung des Gedenkens an die KZ-Opfer durch die SED ab - und setzte die einseitige Erinnerung an das Speziallager dagegen. Hier hatten eben nicht nur Mitglieder der NSDAP, der SS und der Gestapo eingesessen, sondern auch politische Gegner des neuen, des kommunistischen Regimes, darunter SPD-Mitglieder. Auf einem SPD-Flugblatt, das vor der Eröffnung der Gedenkstätte erschien, hieß es zum Beispiel "Sachsenhausen jedoch war nicht nur eine Nazihölle, sondern es war auch eine Kommunistenhölle."

Freundliche Reaktionen

Dennoch konnte die DDR die Zeremonie insgesamt als aus ihrer Sicht erfolgreich verbuchen. Die Reaktionen der Gäste waren freundlich, teilweise enthusiastisch; die bundesdeutsche Presse berichtete nur spärlich. Wichtiger war, dass die Anweisungen der SED, wie mit Westdeutschen umzugehen sei, eingehalten wurden. Sie sollten, wie auch die ausländischen Gäste "die fortschrittliche Entwicklung in der DDR" verstehen. So stand es im Plan "für die Arbeit mit der westdeutschen Kommission im Rahmen der Einweihungsfeierlichkeiten". Die Schlüsselbotschaften aus Ulbrichts Eröffnungsrede über einen "Friedensvertrag" zwischen Sowjetunion und DDR und die Bildung einer "Freien Stadt" West-Berlin erwiesen sich als großes Ablenkungsmanöver. Vier Monate später folgte die totale Abriegelung der innerdeutschen Grenze durch den Bau der Mauer quer durch Berlin.