Kultur

Die Vorleserin von Potsdam

Potsdam zu entdecken, während man die Nase an die Scheibe presst, um schnell noch einen Blick auf das Nauener Tor oder Holländische Viertel zu werfen, ist Birgit Hübners Sache nicht. "Das Flair der Stadt lässt sich bei einer klassischen Sightseeing-Bustour nicht vermitteln", sagt sie.

In Stuttgart geboren, hat sie sich ihre Wahlheimat Potsdam selbst erst vor zwei Jahren Stück für Stück erarbeitet. Zu Fuß. Und ohne den klassischen Reiseführer in der Hand. "Mit Gedichten von Goethe oder Texten zeitgenössischer Autoren im Ohr entwickelt man einen ganz neuen Blick auf die Landeshauptstadt", sagt Hübner. Ihre Idee ist mittlerweile Teil eines Geschäftskonzepts. Bekannt als "die Vorleserin", hat die 49-Jährige mit ihren "literarischen Spaziergängen" durch Potsdam und Berlin bereits ein kleines Stammpublikum gewonnen. Fontane hat sie dabei nie im Gepäck. "Auf den tippt doch sofort jeder, wenn es um Brandenburg geht." Überraschungen will sie stattdessen bieten - sowohl bei den literarischen Kostproben als auch den von ihr ausgewählten Orten, die auf ihrer gut zweistündigen Tour liegen. Nur beim Park von Sanssouci mache sie eine Ausnahme. Der sei nun einmal ein Muss. Bei Touristen beliebte Adressen wie das Neue Palais oder die Freitreppe, die vom Schloss Sanssouci hinab in den Park führt, lässt sie jedoch links liegen. Den eher weniger begangenen Wegen und versteckt liegenden grünen Ecken gibt sie den Vorrang.

Birgit Vanderbekes Roman "Ich sehe was, was du nicht siehst" über die Gefühlswelt einer Berlinerin, die mit ihrem Sohn Deutschland verlässt, um ein neues Leben in Südfrankreich zu beginnen, gehört zu Hübners persönlichen Entdeckungen, die sie gerne teilt. "Wenn ich Textstellen vorlese, die vom Abschied der Protagonistin handeln, wähle ich als Lesestation eine Brücke aus", sagt Hübner. Allein des symbolischen Gehaltes wegen. Auf der Langen Brücke postiert sie dann ihr Grüppchen. Ist der Held aus Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" in Portugal eingetroffen, schenkt sie den dort landestypischen Kaffee aus. Trägt sie aus Friedrich Christian Delius' Erzählung "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" vor, kehrt sie in einer italienischen Eisdiele ein, legt Zitronen mit Blättern auf den Tisch, lässt an frischem Oregano riechen. Alle Sinne ihrer Zuhörer will sie ansprechen. Mit besonderen Bildern im Kopf sollen die Leute schließlich nach Hause gehen. Dass sie selbst zwei Romane, ein Kinderbuch und ein Drehbuch verfasst hat, erleichtere ihr die Tourenplanung. Gleich einem Filmmanuskript gestalte sie den Ablauf.

Bei ihren Inszenierungen im Freien steht mal ein einzelner Roman im Mittelpunkt, mal ein bestimmtes Motto. Für ihre Tour "Engel und Teufel" hat sie mehrere Wochen recherchiert und dabei passende Gedichte aus den zurückliegenden 100 Jahren ausgegraben. Beim literarischen Picknick zum Thema Wüste, bei dem Reiseberichte oder Antoine de Saint-Exupérys "Sonne und Mond" auf dem Programm stehen, besorgt Hübner extra arabische Desserts. "Der Entspannungseffekt unter den Teilnehmern ist so groß, dass etliche auch von ihren eigenen Urlaubserlebnissen erzählen."

Ihre Rundtouren hat sie auf eine Länge von drei Kilometern angelegt, zwischen fünf und zehn Minuten liest sie an verschiedenen Stationen vor, während es sich ihre Zuhörerschaft auf Bänken und Mauervorsprüngen gemütlich macht. Das Gespräch untereinander ist ihr wichtiger als die Streckenlänge. Ab und an fordere sie deshalb auch ihr Publikum zum aktiven Mitwirken am Programm auf, stelle kleine Aufgaben und Fragen. "Alles ohne Zwang. Ich will niemanden überrumpeln", sagt Hübner. In ihrer Arbeit in der Erwachsenenbildung habe sie das nötige Feingefühl entwickelt. Ihre Kundschaft, überwiegend weiblich, deckt das gesamte Altersspektrum ab. "Fast immer sind es Einheimische, die ihre Heimat aus einer neuen Perspektive betrachten möchten."

Auch Unternehmen haben bei Hübner schon nachgefragt. Dabei sind es weniger die Bücher, sondern eher die Geheimtipps, die Firmenbosse interessieren. Nach dem Baukastenprinzip stellt Birgit Hübner auf Wunsch individuelle Führungen zusammen. Themen wie Architektur und Kulinarik oder ein Streifzug durch die alternative Szene können kombiniert werden. "Ich führe in neu eröffnete kleine Feinkostgeschäfte, empfehle indische oder vegetarische Restaurants in den Seitengassen der Brandenburger Straße, den günstigen Mittagstisch in einer Pizzeria, eine Eisdiele mit leckerem Softeis, den Verein Archiv am Brauhausberg oder Konzerte im Waschhaus." Provision, sagt sie, erhalte sie deshalb nicht.