Königin Luise

Wo Straßenkunst auf preußische Geschichte trifft

20 Minuten ist sie mit der Totenmaske von Königin Luise allein gewesen. Mehr Zeit wurde der Potsdamer Künstlerin Julia Theek im Charlottenburger Schloss nicht gewährt. Schnell fertigte sie Zeichnungen an, brachte Augen, Stirn und Nase der Blaublütigen aufs Papier.

Das war nur der Beginn eines langen Schaffensprozesses. Das Ergebnis, ein dreiteiliges, an ein Triptychon erinnerndes Gemälde der preußischen Kultfigur Luise, ist Theeks großer Wurf. Davon ist zumindest Friederike Sehmsdorf von der Potsdamer Galerie Kunst Kontor überzeugt. Nicht von ungefähr präsentierte sie das zeitgenössische Werk im Rahmen einer Luise-Ausstellung an zentraler Stelle. Aufgrund ihrer Vermittlung ist das Bild, das drei Ansichten Luises in drei verschiedenen Lebensphasen zeigt, nun im Besitz des Potsdam Museums im Holländischen Viertel. Die Anschaffung hat das Potsdamer Ehepaar Susan und Rainer Hähnel ermöglicht.

Seit ihrem Umzug von Berlin nach Potsdam im Jahr 1998 haben die Hähnels vor allem die schönen Seiten der Landeshauptstadt im Blick. Sie greifen sogar tief ins eigene Portemonnaie, wenn es gilt, Kunst zu fördern oder der Stadt zu bewahren. "Das ist uns eine Herzensangelegenheit", sagt Susan Hähnel. Im vergangenen Jahr finanzierten die Eheleute beispielsweise die Reparatur zweier Bilder für das Neue Palais. Keine Einzelaktion. Aber auch kein Engagement, mit dem die Hähnels an die Öffentlichkeit gehen würden.

Im Potsdam Museum ist man den beiden spendablen Mäzenen sehr dankbar. "Wenn wir nicht vom Förderkreis des Museums, dem Potsdamer Kulturkreis oder eben privaten Mäzenen unterstützt würden, könnten wir das Haus kaum bestücken", sagt Jutta Götzmann, Leiterin des Potsdam Museums. Noch mehr Unterstützer und ihr Geld müssen gewonnen werden. Egal, ob es größere oder auch nur kleine Beträge sind. "15 000 Euro stehen unserem Haus derzeit für Investitionen zur Verfügung", sagt Götzmann. Eine Summe, mit der man keine großen Sprünge machen könne. Allein der bei Förderanträgen unumgängliche Eigenmittelanteil, den die Einrichtung aufbringen müsse, würde die Summe erheblich reduzieren. Gerade die Sparte zeitgenössischer Kunst sei seit 1990 wegen Geldmangels vom Potsdam Museum vernachlässigt worden. "Wenn man 20 Jahre lang darauf verzichtet, auch Stücke der aktuellen Kunstszene zu sammeln, riskiert man eine verzerrte Perspektive. Die Nachwelt könnte meinen, dass in diesem Zeitraum nichts Lohnenswertes entstanden ist", sagt Götzmann.

Julia Theek hat mit ihrer an die amerikanische Subkultur angelehnten Streetart-Kunst sehenswerte Werke geschaffen. Ihre auf Schablonen und der Airbrush-Technik basierende Arbeit hat es Museumsleiterin Götzmann angetan. Nicht nur, weil der "raueren Kunsttechnik" ein legaler Raum gegeben werde. Soll heißen: Ein Straßenkünstler würde auf eine Hauswand sprayen oder vielleicht einen S-Bahn-Waggon. Und was er für Kunst hält, wäre für andere schlicht Sachbeschädigung. Ganz anders die Arbeiten von Theek, die sie zwar mit Streetart-Technik, aber im Atelier angefertigt hat. Mit Erfolg, findet die Museumsleiterin: "Theek ist es gelungen, ein traditionelles Thema in die heutige Zeit zu transferieren, die Angst vor der Historie zu nehmen und Geschichte insbesondere für die jüngere Generation erfahrbar zu machen." Schon im vergangenen Jahr hatte Götzmann bei der Galerie-Ausstellung, als Theeks "Luise - Neuer Bilderbogen" erstmals gezeigt wurde, ein Auge darauf geworfen. "Wegen der vielen Ebenen, die diese drei Porträts beleuchten, dachte ich sofort an unser Museum."

Dargestellt ist Luise (1776-1810) auf dem ersten Porträt als 18-Jährige im Jahr 1794 kurz nach ihrer Heirat mit Kronprinz Friedrich Wilhelm. Das zweite Bildnis zeigt sie im Jahr 1807, behelmt, aus französischer Perspektive als "Kriegstreiberin". Und auf der dritten Ansicht ist sie als gereifte Königin ein Jahr vor ihrem Tod im Exil in Königsberg zu sehen.

Ein politisches Werk

Das Dreierbildnis sei politisch, sagt Götzmann. Es brauche die öffentliche Debatte, sei kein Schmuckstück fürs Wohnzimmer. Ab dem 15. Mai, dem Internationalen Museumstag, werde das Bild im Rahmen der "Schaustelle" im Museum allen Besuchern zugänglich gemacht. Und dann sicherlich für Diskussionen sorgen.

Welchen Platz das Gemälde künftig am neuen Museumsstandort im Alten Rathaus einnehmen wird, den das Potsdam Museum im kommenden Jahr bezieht, steht noch nicht fest. Doch wird es sich auch dort wieder in "familiärer Gesellschaft" befinden. Das Potsdam Museum besitzt nämlich bereits mehrere Zeichnungen und Aquarelle von Julia Theeks Großvater, dem Maler Paul August. Dieser hat einst Häuser, Plätze und Aussichtspunkte in der Stadt Potsdam auf die Leinwand gebracht - und damit verhindert, dass sie in Vergessenheit geraten.

"Der Künstlerin Julia Theek ist es gelungen, die Angst vor der Historie zu nehmen"

Jutta Götzmann, Leiterin des Potsdam Museums