Michel Garand

Der flexible Beauftragte der Grenzstadt Frankfurt (O.)

Michel Garand lebt gern in Frankfurt. Und das schon seit 1995. "Der Liebe wegen" verschlug es den gebürtigen Kanadier einst an die Oder. Bis heute ist er ihr treu geblieben - irgendwie immer als "Beauftragter".

Zunächst sollte er im Auftrag des Frankfurter Rathauses das geografische Informationssystem (GIS) der Stadt datentechnisch auf Vordermann bringen, anschließend die kommunale Statistik modernisieren, später als Solar-City-Beauftragter der Grenzstadt ganz im Osten Brandenburgs ein neues Image verpassen. Der 49-Jährige organisierte Symposien und Arbeitseinsätze, initiierte Solarwerbung jeglicher Art, kümmerte sich um Solarzellen auf Dächern öffentlicher Gebäude und entwickelte Visionen vom "Freiburg des Ostens".

Wechsel von einem Amt ins andere

Mit diesen Aktivitäten landete er beinahe zwangsläufig bei "Slubfurt", jenem deutsch-polnischen Verein um den Aktionskünstler Michael Kurzwelly, der die östlich und westlich der Oder gelegenen Städte Frankfurt und Slubice als einen gemeinsamen Stadtraum zusammen denkt und mit ungewöhnlichen bis witzigen Ideen illustriert. "Wir bei Slubfurt sind dabei, das künftige Europa zu definieren. Und dazu gehört eine Menge Idealismus", konstatiert der studierte Geografie-Informatiker Garand, der die Grenzlage Frankfurts zu Polen spannend findet.

2008 wurde Garant vom damaligen Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) gefragt, ob er das Amt des städtischen Ausländer- oder Integrationsbeauftragten übernehmen würde. Garant zögerte nicht lange. Wieder ein Auftrag, dem er mit großem Eifer nachging und bei dem er auch vor Kritik gegen den eigenen Dienstherren nicht zurückschreckte. Teile der Stadtverwaltung würden Ausländer diskriminieren, es an Gastfreundschaft und Akzeptanz fehlen lassen, monierte Grand und meinte vor allem die Ausländerbehörde, das städtische Sozialamt und das Jobcenter. Was den Franco-Kanadier aber insbesondere umtrieb, war die seiner Ansicht nach menschenunwürdige Unterbringung von rund 100 Asylbewerbern in einem abgezäunten Heim am Stadtrand inmitten eines Industriegebietes. "Andere Städte haben es vorgemacht - dezentrale Wohnmöglichkeiten fördern Integration der Ausländer", sagt Garand, der überzeugt davon ist, dass es auch in Frankfurt dafür Lösungen gäbe. Doch die Fremden würden hier lediglich "geduldet", aber keinesfalls akzeptiert.

Jetzt hat der 49-Jährige frustriert das Handtuch geworfen, sein Amt zur Verfügung gestellt. "Ich bin lediglich eine Beschwerdestelle für ungerecht behandelte Ausländer. Das geht an die Substanz, macht mich krank, denn ich bin ja kein ausgebildeter Sozialarbeiter. Das ist ein sinnloser Kampf", meint der scheidende Ausländerbeauftragte und vergisst dabei fast, dass er in der Erfüllung seines "Auftrages" auch in dieser Position durchaus auch Erfolge hatte. So gelang es ihm, dass eine tschetschenische Großfamilie inzwischen wieder vereint ist. Die Eltern waren getrennt voneinander mit jeweils vier Kindern nach Westeuropa geflüchtet. Während die Mutter es nach Belgien schaffte, wurde der Vater mit vier Töchtern auf der Autobahn 12 von Bundespolizisten bei der illegalen Einreise verhaftet. Garand organisierte über den Jahreswechsel für die Flüchtlinge Asyl bei der evangelischen Kirchengemeinde von Frankfurt, bis die Familienzusammenführung mit den Behörden geklärt war.

Kritik an der Ausländerpolitik

Von Frankfurts Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos) wurde Garand für seine Beurteilung der städtischen Ausländerpolitik kritisiert. Die Vorwürfe Garands seien "zu pauschal und zu allgemein", sagte Wilke. "Ich brauche konkrete Vorschläge, will wissen, wie wir gewisse Dinge ändern können."

Angst vor Arbeitslosigkeit aber braucht Garand nicht zu haben. Trotz der Kritik des Oberbürgermeisters konnte der "Beauftragte" nahtlos im Frankfurter Rathaus vom Ausländer- zum IT-Sicherheitsbeauftragten wechseln. Einen Grund, der Oder den Rücken zu kehren, hat der Kanadier ohnehin nicht. Denn der häufig und auch auf großen Werbeplakaten propagierte Slogan vom "freundlichen Frankfurt" stimmt aus seiner Sicht.

"Im Vergleich zu den 90er-Jahren ist die Stadt aufgeschlossener gegenüber Fremden geworden - ob nun auf der Straße, in Gaststätten oder Geschäften. Und es gibt immer Leute, die sich einmischen und Zivilcourage zeigen", konstatiert er. Letzte Bastion der Unfreundlichkeit aber bleibe das Rathaus. "'Bad apples' sagt man im Englischen dazu."