Theodor Fontane

Briefe eines Spötters und Patrioten

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Katrin Starke

Bis zum Schluss hat Hanna Delf von Wolzogen gebangt. Erst als im Hamburger Auktionshaus Hauswedell & Nolte am 24. November vorigen Jahres zum dritten Mal der Hammer aufs Pult schlug, erlaubte sich die Leiterin des Potsdamer Theodor-Fontane-Archivs ein Aufatmen.

Für eine viertelmillion Euro hat das Archiv zwei der prominentesten Briefschaften von Theodor Fontane (1819-1889) an den Schmiedeberger Amtsrichter Georg Friedlaender und an den Berliner Literaturkritiker Fritz Mauthner ersteigern können.

Ein finanzieller Kraftakt, den das Archiv nicht hätte allein leisten können. Die Kulturstiftung der Länder, das Brandenburger Kulturministerium und die Ostdeutsche Sparkassenstiftung unterstützten den Ankauf. Am vergangenen Donnerstagabend wurde der Neuzugang öffentlich in der imposanten Villa Quandt, dem Sitz des Fontane-Archivs seit 2007, vorgestellt.

Die Bögen und Kurven, die Fontane mit dunkler Tinte einst schwungvoll übers mittlerweile hauchdünne, vergilbte Papier zog, lassen Archivleiterin Delf von Wolzogen schwärmen. "Das ähnelt doch einem grafischen Kunstwerk. Und der Mann war auch noch sparsam." Bereits benutzte Briefe habe er einfach neu verwendet. Reichte der Platz nicht mehr aus, schrieb Fontane quer an den Rand oder reduzierte die Buchstabenhöhe auf Lupenformat. Dass nach heutiger Lesegewohnheit die Handschrift nur schwer zu entziffern ist, irritiert sie kaum. Die Archivleiterin ist begeistert vom Umfang des erhalten gebliebenen Briefverkehrs. Das Friedlaender-Konvolut umfasst 276 Briefe, Postkarten und mehr als 1000 beschriebene Seiten Fontanes. 56 Briefe mit 146 beschriebenen Seiten und drei Karten adressierte der Autor von so bekannten Werken wie "Effi Briest" und "Der Stechlin" auch an den Sprachphilosophen Mauthner.

Worte wie Stiche

"Die Originale in der Hand zu halten, die das Bild Fontanes in der Literaturwissenschaft nachhaltig verändert haben, ist das Besondere", sagt Hanna Delf von Wolzogen. Lange Zeit habe man in dem Romancier vor allem den Patrioten gesehen. Dass er zugleich ein scharfzüngiger Spötter und Kritiker an Adel, Kirche, Militär und dem preußischen Staat gewesen sei, habe sich erst 1954 mit der ersten gedruckten Ausgabe der Briefe an Friedlaender gezeigt. "Alle reformatorische Macht ruht heute beim Geldbeutel, Ideen gelten wenig, Recht gilt gar nicht", wetterte Fontane beispielsweise im Juni 1887 in einem Schreiben an seinen 24 Jahre jüngeren jüdischen Brieffreund Friedlaender. Worte wie Messerstiche, die nicht nur Thomas Mann faszinierten und ihn die Rolle des aus Neuruppin stammenden Schriftstellerkollegen erneut beleuchten ließen. Was folgte, war die Fontane-Renaissance der 60er- und 70er-Jahre.

Die erhielt 1984 noch einmal ordentlich Futter: Zum ersten und bislang einzigen Mal stimmten die Erben des Berliner Theaterkritikers Fritz Mauthner (1849-1923) einer Veröffentlichung der in ihrem Besitz befindlichen Briefe Fontanes zu. Mauthner selbst hatte die Veröffentlichung der Briefe abgelehnt. Wohl des kritischen Urteils wegen, mit dem Fontane die Schriften Mauthners bedacht hatte, wie Expertin Delf von Wolzogen andeutet. "Seine Kommentare und Bemerkungen gewähren uns einen detaillierten Einblick in das facettenreiche Berliner Kulturleben kurz vor der Jahrhundertwende. Die wertvollen Autografen jetzt beim Archiv zu wissen, ist ein wichtiger Erfolg", sagt die Brandenburger Kulturministerin Sabine Kunst (SPD). Dabei denkt die Ministerin an den Gewinn für die Quellenforschung - gerade bei diesen speziellen Konvoluten. Mauthner wie Friedlaender stammten nämlich aus angesehenen jüdischen Familien des Bürgertums. Herzlich und vertrauensvoll begegnete Fontane den beiden Männern in seinen Briefen. Und das, obwohl sich in seinen Arbeiten auch antisemitische Tendenzen finden.

Neben der Wissenschaft könne aber auch der brandenburgische Tourismus noch stärker von Fontane partizipieren, sagt Ministerin Kunst. Fontane, der gelernte Apotheker und Kenner der Mark Brandenburg, der ihr literarisch ein Denkmal gesetzt hat, biete kulturtouristischen Lockstoff. "Kooperationen zwischen dem Fontane-Archiv, der Universität Potsdam und der Berlin-Brandenburgischen Akademie bestehen bereits. Dieser Ansatz muss ausgebaut werden", sagt Kunst. Das sieht Claus Friedrich Holtmann, Vorstandsvorsitzender der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, nicht anders. "Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg waren mein erster Reiseführer", sagt Holtmann. Dass das Flächenland vielfach noch nicht überbaut worden sei, erlaube es fast, noch mit dem Blick Fontanes Land und Leute entdecken.

20 000 Blatt Originalhandschriften

Einen ersten Schritt, den berühmten Sohn Brandenburgs noch prominenter zu vermarkten, plant das Potsdamer Fontane-Archiv bereits. Das gesamte Fontanesche Briefwerk soll in einer historisch-kritischen Edition veröffentlicht werden. Nicht nur gedruckt, auch per Internet soll sie Interessierten zugänglich gemacht werden. Die "Forschungsstelle Fontanes Briefwerk" hat das Fontane-Archiv zu diesem Zweck schon eingerichtet. Derzeit verfügt das Archiv über etwa 20 000 Blatt Originalhandschriften Fontanes und seines Umkreises und damit über 80 Prozent der heute bekannten Briefe des Autors. Rund 3000 Neugierige werfen jährlich einen Blick auf die Sammlung.