Flugroutendiskussion

Flugzeuge und Kraniche auf Kollisionskurs

Robert Nikolai hat seinen Laptop dabei. Als er aus dem Auto steigt, liegt der Rangsdorfer See im Dunst. Von den Vögeln ist an diesem Mittag mehr zu hören als zu sehen. Auf dem Ufergrundstück neben dem Seebad-Casino weist ein Schild auf das "Naturschutzgebiet Rangsdorfer See", "den Lebensraum bestandsbedrohter Tiere wie den Kranich" und "das Rast- und Durchzugsgebiet tausender nordischer Wildgänse und Entenvögel" hin.

"Die Kraniche sind unser Highlight", sagt Nikolai, der inzwischen seinen Laptop geöffnet hat und auf einer Karte die Umrisse des Naturschutzgebietes zeigt.

Zwei Drittel des Sees und umliegende Flächen umfasst das Gebiet. Insgesamt 908 Hektar. Das Gebiet gehört zum Fauna-Flora-Habitat (FFH) Nuthe-Nieplitz. "Das wird nach europäischen Gesichtspunkten ausgewiesen", sagt Nikolai. Der Rangsdorfer ist Vorsitzender der Bürgerinitiative Schallschutz (Biss), Gemeindevertreter und Mitglied der Fluglärmkommission. Gigabytes von Daten hat der 42-Jährige inzwischen auf seinem Laptop angesammelt.

Seit am 6. September 2010 in der Fluglärmkommission bekannt wurde, dass die Flugrouten für den neuen Hauptstadtflughafen BBI in Schönefeld anders als ursprünglich angenommen verlaufen, ist der Rangsdorfer aktiv. Mit 130 Mitstreitern kämpft er gegen Flugkorridore über dem Vogelschutzgebiet. "Für meine Familie und meine Mitmenschen." Die Karten, Akten und Protokolle, die er auf seinem Laptop während des Flugroutenstreits gespeichert hat, würden Aktenordner füllen.

"Die Vögel haben ein Einzugsgebiet von mehreren Kilometern. Kollisionen mit Flugzeugen sind nicht auszuschließen", sagt Nikolai. "Wird ein großer Vogel ins Triebwerk gesaugt, ist ein Sofortausfall des Motors nicht auszuschließen." Nikolai erinnert an den Unfall vor zwei Jahren in New York. Kanadische Gänse hatten die Triebwerke eines gestarteten Airbus A 320 lahmgelegt. Nur durch die Meisterleistung von Kapitän Chesley "Sully" Sullenberger, der die Maschine auf dem Hudson River sicher notlandete, konnte eine Katastrophe verhindert werden.

Im Auto zeigt Nikolai später vom Straßenrand aus auf die Kraniche, die jetzt auf einer Wiese stehen und wie die Wildgänse erst gegen Abend zum See zurückkehren. Gut einen Meter sind die Vögel groß. Größer und auch schwerer als kanadische Gänse. Als die Kraniche das Fahrzeug bemerken, heben die grauen eleganten Vögel langsam ab.

40 000 "luftfahrt-bedeutsame Vögel" machen nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz im Vogelschutzgebiet Rangsdorfer See im Frühjahr und Herbst Rast. Angaben, die die Deutsche Flugsicherung und das Brandenburger Infrastrukturministerium im Streit über neue Flugrouten aufhorchen lassen müssten. Doch große Aufmerksamkeit scheinen die zuständigen Behörden dem Vogelschutzgebiet bei der Flugroutenplanung nicht beizumessen. Weder als Bedrohung für den Flugverkehr, noch als schützenswertes Gut. Auch jetzt nicht, wo sich herauskristallisiert, dass die Routen voraussichtlich näher an das Vogelschutzgebiet heranrücken werden als ursprünglich angenommen.

Auf eine Anfrage des Fraktionschefs der Grünen, Axel Vogel, zu Vogelschlag und Beeinträchtigungen des Schutzgebietes durch Flugrouten im brandenburgischen Landtag ging der zuständige Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) nicht ein. Stattdessen teilte er mit, dass er "mit dem Überflug über ein FFH-Gebiet deutlich weniger Probleme als mit dem Überflug von Blankenfelde-Mahlow" habe. Im Übrigen, heißt es aus seinem Ministerium, sei Vogelschlag und Vogelschutz im Zusammenhang mit der Flugroutenfestlegung kein Problem. Das hätten Gutachten im Rahmen des Planfeststellungsbeschlusses für den neuen Hauptstadtflughafen ergeben. "Dass damals von ganz anderen Routen ausgegangen worden war, spielt im Ministerium offenbar keine Rolle", sagt Nikolai. Auch bei der Flugsicherung seien die Antworten nicht überzeugend. Dort wird darauf hingewiesen, dass FFH-Gebiete kein Kriterium und schon gar kein Ausschlusskriterium bei der Festlegung von Flugrouten sind. Mit anderen Worten: Vogelschutzgebiete spielen keine Rolle. Der Chef der Berliner Flugsicherung, Hans Niebergall, verweist so auch darauf, dass nicht der Vogelschutz oder der Schutz vor Vogelschlag, sondern der Schutz des Menschen vor Fluglärm bei der Abwägung ausschlaggebend ist.

Für Robert Nikolai und auch für den Rangsdorfs Bürgermeister Klaus Rocher (FDP) ist diese Begründung unzureichend, denn das Problem Vogelschlag bleibt - zumal jetzt Flugrouten als Favoriten gelten, die näher an den Ort Rangsdorf heranrücken. Denn statt des gradlinigen Abflugs von der südlichen Startbahn des BBI in Richtung Westen wird jetzt das Abknicken um 15 Grad favorisiert (siehe Karte). "Damit rückt der Flugkorridor nach Süden und bedenklich nah an Rangdorf und das Vogelschutzgebiet heran. Es ist kaum vorstellbar wie Gänseschwärme, die sich regelmäßig am Rangsdorfer See aufhalten, bei dieser Nähe zu Flugzeugen keine Kollisionen verursachen sollen", sagt Nikolai. Nach seinen Angaben beträgt der Abstand nur noch 2,5 Kilometer zur Ortsmitte und 300 Meter zum Vogelschutzgebiet. "Schwere Flugzeuge haben hier erst eine Höhe von 516 Meter erreicht." Hinzu komme, dass Rangsdorf und das Vogelschutzgebiet auch im Süden von einem Flugkorridor tangiert werden könnten. Denn mittlerweile gilt beim Abflug von der BBI-Südbahn Richtung Osten die sogenannte kurze Kurve als Favorit. Um das weiter östlich liegende Zeuthen vor Fluglärm zu schützen, macht die Abflugroute unmittelbar nach dem Start eine scharfe Kurve und führt nach einigen Kilometern südlich am Vogelschutzgebiet vorbei. "Wir werden dann richtig in die Zange genommen", ist Nikolai überzeugt. Den Behörden wirft der BI-Vorsitzende vor, das Vogelschlagrisiko nicht ernst zu nehmen. "Das sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass, wenn ich die Routen näher an den See lege, ich das Risiko noch einmal überprüfen muss. Stattdessen schieben sich Flugsicherung und Infrastrukturministerium gegenseitig die Zuständigkeit zu."

Ende der 90er-Jahre war Nikolai mit seiner Familie von Brandenburg/H. nach Rangsdorf gezogen. "Um mit der Familie auf dem Land zu leben." Vom Fluglärm des künftigen Großflughafens, der Rangsdorf belasten könnte, war damals - und auch bis noch vor wenigen Monaten - nicht die Rede. Bis zuletzt hatten sich die Anwohner im Umfeld des künftigen Großflughafens auf die gradlinigen Abflugrouten verlassen, die im Planfeststellungsbeschluss angenommen worden waren. "Man kann doch nicht eine Planung machen, um sie zehn Jahre später in Frage zu stellen", sagt der BI-Vorsitzende und pocht auf den Vertrauensschutz. Beim Bundesverwaltungsgericht hat er bereits Klage eingereicht. Eine Beschwerde bei der Europäischen Union ist in Arbeit. Die Argumente für die Beschwerdeschrift hat Nikolai längst in seinem Laptop abgespeichert.

"Wird ein großer Vogel ins Triebwerk gesaugt, ist ein Sofortausfall des Motors nicht auszuschließen"

Robert Nikolai, Chef der Bürgerinitiative