Forschung

Wettlauf der Tsunami-Warnsysteme

Nur elf Minuten, nachdem der Meeresboden bebte und sich dreimal aufbäumte, warnten Wissenschaftler des pazifischen Frühwarnsystems vor dem gigantischen Tsunami, der auf Japan zurollte. "Das System, auf das die Japaner seit den 50er-Jahren setzen, ist wirklich schnell.

Unser Team am Geoforschungszentrum ist allerdings noch schneller", sagt Onno Oncken, Direktor der Abteilung Geodynamik im Geoforschungszentrum (GFZ) auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Das hätte bereits sechs Minuten früher Alarm schlagen können, ist der Forscher sicher. Ein deutsches Konsortium unter Federführung des GFZ hat ein Tsunami-Frühwarnsystem für den Indischen Ozean entwickelt. "Unsere Mannschaft hält den Geschwindigkeitsrekord. Innerhalb von vier Minuten sind die Daten, die Auskunft geben über den Standort und die Stärke eines Bebens, dem ein Tsunami folgen könnte, ausgewertet."

Welt aus der Vogelperspektive

Seit zwei Jahren wird die Installation, zu der Druckmesssonden in der Meerestiefe und schwimmende, mit GPS-Navigation ausgestattete Bojen gehören, im Indischen Ozean erprobt. In wenigen Wochen soll das System dem Präsidenten Indonesiens offiziell übergeben werden. Erdbeben kann das 1992 gegründete nationale Forschungszentrum in Potsdam zwar nicht vorhersagen. "Wir können auch keine Naturkatastrophen aufhalten, wohl aber deren Folgen eindämmen", sagt Oncken.

Der große Monitor im Foyer des GFZ, das von der Helmholtz-Gemeinschaft finanziert wird, zieht die Blicke der Besucher auf sich. Darauf ist die Welt aus der Vogelperspektive zu sehen. Gelbe und rote Kreise markieren die Orte, an denen es in den vergangenen 24 Stunden gebebt hat. Ein Klumpen roter Ringe hat Japan verschluckt. Wild pulsieren die Kreise. Daneben zeigt ein Seismogramm, das Erdbebenschwingungen darstellt, Japans "EKG", ein heftiges Zickzack nicht abreißender Wellen. Japans "Herz" wird geschüttelt und gerüttelt. Fast 10 000 Tote lautet die vorläufige Bilanz. Rund 16 000 Menschen werden noch vermisst. "Die Zahlen würden sich weitaus schrecklicher lesen, wenn die Frühwarnsysteme nicht gegriffen hätten", sagt Oncken. "Hunderttausende Tote waren bei solchen Katastrophen in der Vergangenheit keine Seltenheit." Noch 2004 kosteten das schwere Seebeben im Indischen Ozean und die 30 Meter hohen Wellen, die anschließend auf die Küsten Indonesiens, Thailands und Sri Lankas zurollten, 230 000 Menschen das Leben. "Solche Opferzahlen können wir heute schon verhindern", stellt der Wissenschaftler fest. Der Tektonik-Experte untersucht mit Kollegen unterschiedlicher Fachrichtungen das System Erde. "Wir wollen die Prozesse ergründen, die chemisch, biologisch, geologisch und physikalisch unter und an der Erdoberfläche ablaufen. Vor allem aber wollen wir wissen, wie sich menschliches Handeln auf die Erde auswirkt. Immerhin haben wir nur diese eine."

Auf Onckens Schreibtisch stapeln sich Forschungsberichte, in den Regalen türmen sich die neuesten wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Im Labor-"Sandkasten" lässt eine Langzeitsimulation die Kontinentalplatten wandern. Doch es sind die Ereignisse in Japan, die den Rhythmus der rund 1000 Beschäftigten auf dem Telegrafenberg bestimmen. Allein zwischen dem 11. und dem 13. März gingen beim GFZ mehr als 1200 Medienanfragen ein. Oncken wäre momentan eigentlich in Nordchile. Seit 2006 betreibt das GFZ an der Küste des südamerikanischen Staates ein Observatorium. Chile ist besonders gefährdet. Beben der verschiedenen Stärken gehören dort zum Alltag. "Ein sehr schweres steht bevor", ist Oncken überzeugt. Nur wann die Erde aufreißen wird, kann er nicht vorhersagen. Rückschlüsse aus dem schweren Erdbeben vor Japan könnten aber helfen. So verquer das klingt: Katastrophen wie diese bedeuten auch einen Gewinn für die Forschung. "Die Vorgänge vor und nach dem Beben konnten minutiös aufgezeichnet werden. Das ist Material, das unerlässlich ist, um ein physikalisches Modell und mögliche künftigen Szenarien zu entwickeln."

Nach der schweren Atomkraftwerkshavarie in Fukushima ist der Umgang mit Ressourcen derzeit im GFZ thematisch an die erste Stelle gerückt. "Die Bundeskanzlerin hat angerufen, hat mich um Mitarbeit im Expertengremium zur künftigen Energieversorgung in Deutschland gebeten", sagt der GFZ-Vorstandsvorsitzende Reinhard Hüttl. Sein Fachwissen ist gefragt, das GFZ nimmt eine herausgehobene Position im internationalen Netzwerk der Geoforschung ein. Von der Grundlagenforschung bis zur Verfahrensentwicklung deckt das Forschungszentrum jeden Bereich ab, kann mit Bohrgeräten und Erdsatelliten aufwarten. "Wir wollen die Grundlagen für ein wirksames Geo- und Umweltmanagement legen und so dazu beitragen, aktuelle Probleme zu lösen", sagt Hüttl. Themen wie erdbebensicheres Bauen, die Folgen von Trockenheit und Überschwemmungen, die Nahrungsmittelressourcen oder die saubere Energiegewinnung werden die Forscher auf dem Telegrafenberg auch künftig beschäftigen.