Mehr Sicherheit gefordert

Baumblütenfest entzweit Werder

An die Eckenpinkler verschwenden die Bewohner der Insel Werder schon lange keinen zweiten Blick mehr. Ebenso wenig an die Betrunkenen, die schon mal die Gleise mit dem Bahnsteig verwechseln. Ein Ärgernis sind für sie vielmehr die jungen Männer, die zu vorgerückter Stunde mit zu viel Promille im Blut lautstark, oft pöbelnd durch die Straßen Werders ziehen.

Plastikbecher im Rinnstein, Erbrochenes auf Sitzbänken, halb verzehrte Bratwürste auf dem Pflaster - dieses allabendliche Bild überdeckt jedes Jahr wieder die Eindrücke von Live-Musik, freundlich ausschenkenden Obstbauern, Plaudereien bei einem Glas Kirschwein und Spaziergängen durch die geöffneten privaten Gärten. Dieses Mal soll beim Ende April beginnenden neuntägigen Baumblütenfest aber einiges anders werden, fordern genervte Bürger und Gastronomen. Sie wollen ein neues Konzept speziell für die völlig überlaufene Insel, auf der täglich um die 10 000 Gäste feiern.

Uta Klotz von der vor drei Jahren eigens gegründeten Bürgerinitiative sagt: "Wir sind nicht gegen das Baumblütenfest, wünschen uns aber dringend Veränderungen." Die Großbühnen mit der Stimmungsmusik sollten auf dem Festland bleiben, sagt Klotz. 300 Unterschriften von Anliegern hat die Initiative schon gesammelt. Klotz verweist auf die Tradition. "Die Insel war früher nie Zentrum des Festes."

Uta Klotz kommt aus Süddeutschland und hat 2003 in Werder eine neue Heimat gefunden. Wie sie sind etliche aus den alten Bundesländern aufs begehrte Eiland gezogen. Die idyllisch an der Havel gelegene Insel Werder erlebt seit Jahren einen Bau- und Sanierungsboom. Auch wenn bei vielen im Ort die Kritik der Zugezogenen nicht gut ankommt, lässt Uta Klotz sich nicht beirren. Das Niveau des Festes habe sich von Jahr zu Jahr verschlechtert. Mehr und mehr seien die Hemmschwellen gefallen, Komatrinken sei angesagt. Auf die Bewohner, die den Trubel ertragen müssten, werde keine Rücksicht genommen. "Mit Angeboten wie klassischen Konzerten, dem Verkauf von Regionalprodukten oder einem mittelalterlichen Markt könnte man zumindest eine ruhigere Klientel auf die Insel ziehen."

Steht das Baumblütenfest an, packen der ehemalige Stadtplaner Detlef Grüneke und seine Frau mittlerweile ihre Koffer. Auch ihr Ferienhaus bleibt dann für Gäste geschlossen. "Diese Remmidemmi-Atmosphäre auf der Insel können wir keinem Touristen zumuten", sagt der gebürtige Westfale. "Wer beruflich nicht gebunden ist, verlässt zu den Festtagen die Insel", sagt der 75-Jährige. Und verweist auf die Bilanz der Polizei. 84 Verletzte, 200 Platzverweise, 175 Festnahmen notierten die Beamten beim 131. Baumblütenfest 2010.

Einiges hat die Initiative bereits erreicht. Die Zahl der mobilen Toiletten wurde erhöht. Die Stadt kontrolliere mit einem neu angeschafften Dezibel-Gerät die Lautstärke. Ein verändertes Konzept wäre auch im Sinne der Polizei. Die bewertet - spätestens nach den 21 Toten bei der Loveparade 2010 in Duisburg - die schmale Brücke zwischen Insel und Festland als gefährliches Nadelöhr. Eine nicht unbegründete Sorge. Am 1. Mai vorigen Jahres hätte auf der acht Meter breiten Brücke leicht eine Massenpanik ausbrechen können. In der von Festgästen verstopften Brücke blieben ein Gülle-Lastwagen und ein Rettungswagen stecken. Um dem Gewühl zu entkommen, versuchten einzelne Gäste sogar, über die Geländer zu steigen. Wegen des Andrangs musste die Insel für eine halbe Stunde gesperrt werden.

Um eine Katastrophe wie in Duisburg ausschließen zu können, fordert die Polizei ein entsprechendes Sicherheitskonzept von der Stadt. Die tut sich damit schwer. Zumindest mit dem Vorschlag aus dem Potsdamer Polizeipräsidium. "Eine 152,35 Meter lange Ponton-Brücke soll laut Polizei Festland und Insel verbinden. Die Bundeswehr hat bereits betont, dass diese Brücke - die zudem bewacht werden müsste - für Zivilisten völlig ungeeignet ist", sagt Werders Erste Beigeordnete Manuela Saß (parteilos), die dieses Ansinnen ablehnt. Vor allem solle diese an einer Stelle errichtet werden, die ausgesprochen tief ist. Die Vizebürgermeisterin war bei dem Brückenvorfall 2010 als Verantwortliche der Stadt im Dienst. "Alle Sicherheitsmaßnahmen griffen. Die Situation war nach einer halben Stunde wieder entspannt." Die Stadt habe ihre Hausaufgaben gemacht, zeigt Saß sich überzeugt. Wird es zu eng, könnten sofort Boote zu Wasser gelassen werden. Eine schon in den Vorjahren für die Sicherheitskräfte installierte Pontonbrücke könne auch fürs Publikum genutzt werden. Zudem betrage die Wassertiefe um die Brücke nur rund 40 Zentimeter.

Die Polizei hält sich zu diesem Thema bislang noch bedeckt. Voraussichtlich erst in einigen Wochen sei mit einer Antwort auf die Vorschläge Werders zu rechnen, sagt eine Sprecherin des Potsdamer Polizeipräsidiums. "Die Werderaner wollen jedenfalls das Fest", sagt Saß. "Nur ein kleiner Prozentsatz der Besucher genehmigt sich mal ein Glas zu viel. Das ist bei der Biermeile in Berlin auch nicht anders", kann die Beigeordnete die Klagen der Initiative nicht verstehen.

Die bekommt derzeit von unerwarteter Seite Unterstützung. Zwölf Gastronomen haben sich mit einer Petition an Bürgermeister Werner Große (CDU) gewandt. Darin beschweren sie sich über die hohen Abgaben, die Wirte für ihre Außenmöblierung an die Veranstalter Horn und Wohlthat leisten müssen. "Die betragen teilweise mehr als das Hundertfache der sonst üblichen Sondernutzungsgebühr", sagt Arnold Kreuzmann vom Café "Unter den Linden". Die Abgaben müssten ganzjährig an die Stadt geleistet werden. Einzige Ausnahme: das Baumblütenfest. "Dann kassieren die Veranstalter." Gewinne, die solch hohe Gebühren rechtfertigen würden, seien gar nicht zu erwirtschaften, so Kreuzmann. Getränkewagen und Buden mit Billigspeisen würden die Restaurants regelrecht einkesseln. "Besucher kaufen dort ein, gehen aber auf unsere Toiletten", ärgert er sich. Bürgermeister Große kann auch diese Vorwürfe nicht nachvollziehen - zumal die Kritik nur von einem Dutzend der 89 Gastronomiebetriebe komme. "Außerhalb der Baumblüte hält die Stadt die Gebühren sehr niedrig - als Förderung für die Gastronomen", sagt Große. Die besonderen Bedingungen zur Baumblüte seien bekannt.

"Nur ein kleiner Prozentsatz der Besucher genehmigt sich mal ein Glas zu viel "

Manuela Saß, Werders Erste Beigeordnete