Bildung

Bloß nicht auf den letzten Drücker

Patrycja Leyk ist etwas genervt. Seit zwei Wochen arbeitet die 21 Jahre alte Studentin bereits an ihrer Lösungsskizze für ein juristisches Gutachten, ihrer Hausarbeit während der Semesterferien. Die Zeit drängt, Abgabetermin ist Anfang April. Aber mit der stilistischen Ausarbeitung hat sie noch gar nicht begonnen.

"Ich brauche einen Anstoß, um vorwärts zu kommen", sagt die gebürtige Polin, die mit ihrer Familie in Berlin lebt und an der Frankfurter Europa-Universität Viadrina deutsches und polnisches Recht studiert.

Angesichts ihrer offensichtlichen Schreibblockade kommt ihr die "lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" am Schreibzentrum der Viadrina wie gerufen. Die wissenschaftliche Leiterin Katrin Girgensohn will damit verhindern, dass Studenten ihre in den Semesterferien zu erledigenden wissenschaftlichen Arbeiten auf "den letzten Drücker" in Angriff nehmen. "Denn unter immensem Zeitdruck kommt meist nichts Solides heraus", sagt die promovierte Germanistin, die bereits auf Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr verweisen kann. Damals hatte die Frankfurter Europa-Universität zur ersten langen Schreibnacht eingeladen.

25 Studenten hatten dieses Angebot genutzt, zumal sie in dieser Nacht nicht nur mit anderen Kommilitonen das Schicksal teilten, sondern bei Bedarf auch Hilfe bekamen. Erfahrene Tutoren stehen auch diesmal wieder beratend zur Seite. Das sind laut Girgensohn Studenten der Kulturwissenschaften, die zuvor am Schreibzentrum spezielle Seminare und Workshops zu Schreibtechniken und Beratungstaktiken absolviert haben. Einer von ihnen ist Sebastian Schönbeck, der nun schon zum zweiten Mal als Schreibberater fungiert.

"Manche ersticken im Material, weil sie das Thema zu umfassend betrachten. Aber wir helfen, den roten Faden zu finden", erzählt er. Oftmals gehe es auch um die Problematik von Plagiaten - durch den Skandal um den ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) besonders aktuell. "Wie viel darf ich zitieren? Was sind noch meine eigenen Gedanken? Wie geht man mit Quellen um?", lauteten die Fragen der Studierenden.

Kuchen und Obst zur Stärkung

In der "langen Nacht" gibt es zudem jede Menge Kaffee und "Nervennahrung" - Kekse, selbstgebackener Kuchen, Gummibärchen und Schokolade, aber auch Obst und Tütensuppen zur Stärkung. Wer will, kann seinen Schlafsack mitbringen und in einem Raum mit gedämpften Licht und Matratzen auf dem Boden ein bisschen schlafen. Auch für die Pausengestaltung ist gesorgt. "Wir machen Schreibtischyoga, später einen mitternächtlichen Spaziergang an frischer Luft. Gegen 2 Uhr gibt es ein Konzentrationsspiel und zum Sonnenaufgang am Morgen begrüßen wir den Tag mit dem Yoga-Sonnengruß und um 7 Uhr gibt es Frühstück", beschreibt Girgensohn das Begleitprogramm. Natürlich könne niemand so eine wissenschaftliche Haus- oder Abschlussarbeit in einer Nacht bewältigen. Schließlich betrage der Umfang solcher Abhandlungen mindestens 25 Seiten und mehr, weiß die Schreibtrainerin. "Aber der Anfang ist gemacht, die Unsicherheit genommen, die Schreibblockade gelöst", sagt sie.

Ob sie bis zum Morgengrauen bleiben wird, weiß Patrycja Leyk noch nicht. "Ich bin eigentlich gar kein Nachtmensch", gesteht die Jura-Studentin im ersten Semester. Auf jeden Fall brauche sie starken Kaffee. Und auch der selbstgebackene Kuchen sei verlockend. Doch erst mal wolle sie arbeiten, sagt die junge Frau nach einem Blick in die Runde. Elf Studenten sind in ihre Arbeiten vertieft, blättern in Nachschlagewerken, hämmern etwas in den Laptop, beraten sich flüsternd mit einem Tutor. Dieses Angebot des Schreibzentrums sei "einfach toll, die Atmosphäre inspirierend", sagt die 21-Jährige. "In Deutschland sind universitäre Schreibzentren noch eine Seltenheit. In den USA gibt es sie an fast jeder Uni ", sagt Girgensohn, die das Viadrina-Angebot vor vier Jahren gegründet hat, um bei Studenten, Promovierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitern das Schreiben als sogenannte Schlüsselqualifikation für das Studium, die Forschung und den späteren Beruf zu fördern.

In diesem Jahr beteiligen sich auch die Universitäten und Hochschulen in Göttingen, Hildesheim, Bochum und Darmstadt mit ihren Schreibzentren an der "langen Nacht". Per Videokonferenz sind alle miteinander in Kontakt.

Girgensohn ist aufgrund jahrelanger Erfahrung überzeugt davon, dass gemeinsames Schreiben anspornt, "Da kann man gar nicht anders, als mitzumachen", sagt die 39-jährige Wissenschaftlerin. Etwa 30 Studenten geben ihr in dieser Nacht recht. Nicht jeder bleibt bis zum Frühstück, einige kommen erst nach Mitternacht. Doch die Tutoren haben jede Menge zu tun - ob beim Kaffeekochen oder bei der Schreibberatung. Und auch die Pausengestaltung mit Yoga- und Konzentrationsübungen wird dankbar angenommen. Dass sie sich unterstützende Hilfe und fachkundige Beratung holen, dessen müsse sich kein Student oder Doktorand schämen, sagt Katrin Girgensohn. Der Fall Guttenberg habe gewissermaßen bestätigt, " dass das, was wir hier tun, auch notwendig ist".