Obst-Versuchsstation

Arche des guten Geschmacks ist bedroht

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Jeanette Bederke

"Aprikosenkerne" steht auf der Pappschachtel im Foyer des Speisesaals im Müncheberger Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung(ZALF), in dem sich viele Brandenburger Bauern und Imker eingefunden haben. Das Behältnis ist leer, nicht ein Kern mehr zu entdecken.

Offenbar ist der Samen dieser Südfrüchte sehr begehrt. Nicht verwunderlich, hat doch Hilmar Schwärzel, Leiter der einzigen Brandenburger Obst-Versuchsstation, im vergangenen Jahr demonstriert, wie gut Aprikosen im Land Brandenburg gedeihen.

Der promovierte Agraringenieur ist inzwischen im ganzen Land bekannt. Er und seine Kollegen testen neue Sorten für den Anbau in Brandenburg, in dem Klimaveränderungen offenbar deutlicher zu spüren sind als anderswo in Deutschland. Pfirsiche, Aprikosen, Kiwis, Tafeltrauben - auf den Plantagen des Müncheberger Freilandlabors wächst üppig, was man bisher höchstens aus Südeuropa kannte. Die Vegetationsperiode hat sich in Brandenburg laut Schwärzel verlängert, sie beginnt im Durchschnitt 20 Tage früher und endet fünf Tage später. "Das ermöglicht uns den Anbau von Früchten, die wir bisher importieren mussten", sagt er.

Mehr als 200 Interessenten -Obstbauern, Kleingärtner und Imker - sind gekommen und verfolgen, was ihnen der 52-Jährige erklärt. Dabei geht es diesmal gar nicht um die angepassten exotischen Sorten, sondern um die Veredelung von Obstbäumen. Positiver Nebeneffekt: Die Zuhörer können preisgünstig Saatgut und Reiser von alten Obstsorten, die sonst nicht zu bekommen sind und exotische Namen wie "Muskatrenete", oder"Melrose" tragen, erwerben. Denn Schwärzel hat über viele Jahre in der Müncheberger Obst-Versuchsstation eine "Arche des Geschmacks" aufgebaut, wie er seine Arbeit selbst bezeichnet.

Pflege und Erhalt Jahrhunderte alter Obst-Sorten sind sein Verdienst, ebenso die Beratung von Obstbauern und Kleingärtnern bei der Rekultivierung fast vergessener alter Kulturpflanzen. Mehr als 1000 alte Apfelsorten wachsen im Freilandlabor von Müncheberg, das zum Brandenburger Landesamt für Verbraucherschutz, Landwirtschaft und Flurneuordnung gehört. Doch Schwärzels Refugium ist in Gefahr. Da das Land Brandenburg sparen muss, wird in allen Ressorts nach Kürzungsmöglichkeiten gesucht. "Da ist nicht auszuschließen, dass wir uns von freiwilligen Aufgaben wie Schwärzels Abteilung trennen müssen", sagt Jens-Uwe Schade, Sprecher des Landwirtschaftsministeriums. Man bemühe sich zwar um den Erhalt, eine endgültige Entscheidung sei noch nicht gefallen. Bei denen, die von Schwärzels Forschungen profitieren, regt sich schon jetzt Unmut. "Müncheberg ist Kult", schwärmt die Pflanzenökologin Svenja Busse. Die Sammlung alter Obstsorten in Müncheberg sei unbedingt erhaltenswert - als Genreserve für künftige Züchtungsforschung, aber auch als Archiv von kulturgeschichtlicher Bedeutung. "Einmal aufgegeben, könnte man es so nie wiederherstellen", sagt die Berlinerin.

"Anhand von Schwärzels Forschungsergebnissen haben wir in Eberswalde einen Schul- und Versuchsgarten angelegt", erzählt Gartenfachberater Horst Nuglisch vom Kleingarten-Bezirksverband Eberswalde. Mit dem Säulenobst gebe es jetzt jedoch Probleme. "Welche Triebe muss ich abschneiden, damit der Baum nicht auswuchert, aber auch wieder gut trägt", fragt er den Experten Schwärzel. Von dem Fachmann bekomme man nicht nur praktische Anleitungen, sondern auch die Begeisterung für Obstanbau und Züchtungen, sagt der Imker Dieter Reelitz. In Müncheberg gehe es um die sogenannte Erhaltungszucht von Sorten, nicht um genveränderte Arten. Das sei im Interesse "sauberen Honigs" besonders wichtig, sagt Holger Ackermann, Sprecher des Brandenburger Landesverbandes der Imker. Gerade jetzt, wo der Obstbau in Brandenburg einen Wandel durchmache, Schwärzel als Fachmann Sorten teste und anbaufähig mache, die bei Extremtemperaturen zwischen minus 30 und plus 40 Grad wachsen, wäre die Schließung der Versuchsstation für die Branche ein herber Rückschlag. "Der Obstbau ist für das Agrarland Brandenburg enorm wichtig. Da es auch ein arbeitsintensiver Erwerbszweig ist, bietet er auch Chancen für den Arbeitsmarkt", warnt Ackermann.

"Wir können Früchte anbauen, die wir bisher importieren mussten"

Hilmar Schwärzel, Leiter der Obst-Versuchsstation