Gedenken

Die zwei Tode der Marienetta Jirkowsky

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Marienetta hätte es fast geschafft. Die 18-Jährige aus Spreenhagen bei Fürstenwalde stand vor gut 30 Jahren bereits auf der Leiter an der Mauer in Hohen Neuendorf (Oberhavel), über die sie die deutsch-deutsche Grenze überwinden und in den Westteil Berlins fliehen wollte.

Doch der "antifaschistische Schutzwall", wie die Mauer von den DDR-Oberen genannt wurde, erwies sich für sie in jener Nacht des 22. Novembers 1980 als unüberwindbar: Ein Kugelhagel aus Maschinengewehren von Grenzsoldaten verhinderte die Flucht. Marienetta Jirkowsky wurde von einem Querschläger getroffen, das Geschoss zerriss ihren Oberkörper, sie stürzte von der Leiter und starb. Das Schicksal der jungen Frau stand im Mittelpunkt eines Vortrags, den der Politikwissenschaftler Stefan Appelius am Wochenende in der Außenstelle der Birthler-Behörde in Frankfurter/Oder über "Die zwei Tode der Marienetta Jirkowsky" hielt.

"Ihre Geschichte ist weitaus vielschichtiger, als man im ersten Moment denkt", sagte Stefan Appelius. Vor fünf Jahren war er auf sie aufmerksam geworden. Seitdem lässt sie ihn nicht mehr los. Der gebürtige Flensburger arbeitet an einem Buch über Marienetta Jirkowsky. Zudem soll ihre Geschichte verfilmt werden. Appelius will damit vor allem Jugendlichen, die die DDR nicht aus eigenem Erleben kennen, erklären, "warum sich viele Menschen in dem Staat nicht mehr wohlfühlten und dafür nicht unbedingt politische Gründe brauchten".

Denn Marienetta, die alle nur "Micki" nannten, war kein klassischer Republikflüchtling, der politisch andersdenkend seit Jahren vom DDR-Staat drangsaliert wurde und der bereits zahlreiche Ausreiseanträge gestellt hatte. "Sie war ein ganz normales junges Mädchen, das sich nicht gern reinreden ließ und seine Freiheit liebte", sagte Falko Vogt, der vor 30 Jahren an der Mauer in Hohen Neuendorf dabei war und die Flucht im Gegensatz zu Marienetta unverletzt geschafft hat. Zum Freiheitsverständnis der angehenden Textilfacharbeiterin gehörte demnach, sich aussuchen zu können, mit wem sie zusammen sein möchte. In Marienettas Fall war das Peter Wiesner, ein 24 Jahre alter Melker, der mit dem DDR-Gesetz schon mehrfach in Konflikt geraten war, gerade in Scheidung lebte, viel trank und es an keiner Arbeitsstelle lange aushielt. Unter allen Umständen, sagte Appelius, wollten die Eltern des behütet aufgewachsenen Mädchens diese Beziehung verhindern. Sie erwirkten für ein halbes Jahr ein polizeiliches Umgangsverbot gegen Peter Wiesner. "Die beiden hatten keine andere Wahl, als abzuhauen", sagte der Politikwissenschaftler.

Ihr gemeinsamer Bekannter Falko Vogt, damals ebenfalls 18, der schon gescheiterte Fluchtversuche über die Tschechoslowakei hinter sich hatte, kam ihnen da gerade recht. "Wir fuhren mit dem Zug nach Berlin, dann mit der S-Bahn weiter und wollten in jener Nacht nur ausspähen, wo ein unbemerkter Grenzübertritt am besten machbar sein könnte", erinnerte sich Vogt. In Hohen Neuendorf hingegen änderte das Trio seine Pläne, beschloss spontan, gleich zu fliehen. Quasi im letzten Moment, denn die Stasi hatte längst Wind von den Fluchtplänen Peters und Marienettas bekommen, wollte beide am nächsten Morgen verhaften. Falko Vogt kletterte als erster über die Sperranlagen, erklomm die Mauer, als Marienetta Jirkowsky ungewollt einen Sicherheitsdraht berührte und damit Alarm auslöste. "Eine Gewehrsalve vom nahen Wachturm aus donnerte auf die Mauerkrone, dass die Funken sprühten. Micki war verloren", erzählte Vogt. Die Liebe kostete sie letztlich das Leben. Peter Wiesner, sagte Politikwissenschaftler Appelius, hat den Tod seiner großen Liebe niemals verwunden. Er starb kurz nach der Wende mit nur 36 Jahren. Sein letzter Wunsch: Er wollte mit einem Foto Marienettas beerdigt werden. Davon gab und gibt es allerdings nicht mehr viele. Denn die Stasi hatte den gewaltsamen Mauer-Tod des Mädchens mit aller Macht verheimlichen wollen. Die Todesanzeige der Eltern durfte nicht in der Zeitung erscheinen, sämtliche Fotos wurden beschlagnahmt. Marienettas Leiche wurde eingeäschert. Zur Urnen-Beisetzung am 12. Dezember war Spreenhagen praktisch abgeriegelt, Freunde und Arbeitskollegen durften nicht teilnehmen.

Debatte in Hohen Neuendorf

Für Appelius ist Marienetta Jirkowsky gleich zweimal gestorben: Denn ihr Schicksal sorgt auch noch 30 Jahre nach ihrem Tod für Debatten. Das hat mit ihrer Tante Bärbel Kultus zu tun, die als Sprecherin der Familie agiert, nachdem Marienettas Eltern Mitte der 90er-Jahre gestorben waren. Bärbel Kultus kämpfte vehement gegen Bestrebungen von Kommunalpolitikern in Hohen Neuendorf, an das Schicksal Marienettas zu erinnern. Ein Platz sollte nach ihr benannt und eine Gedenktafel aufgestellt werden. Es sei kein Verdienst, an der Mauer gestorben zu sein, ließ Kultus wissen. 2010 wurde dann doch ein Kreisverkehr "Marienetta-Jirkowsky-Platz" genannt. Kultus' Verhalten rückt laut Appelius in ein ganz anderes Licht, wenn man ihre Vergangenheit betrachtet. "Sie war seit 1970 als gesellschaftliche Mitarbeiterin des MfS registriert, hat also offen mit der Stasi zusammengearbeitet", sagte der Politikwissenschaftler.

Nach dem Tod ihrer Nichte soll sie schnurstracks zu ihrem Führungsoffizier gegangen sein, um die "Grenzverletzung" zu melden und sich von dem Mädchen zu distanzieren. Falko Vogt hingegen hatte sich in jener Nacht vor 30 Jahren geschworen, nicht eher Ruhe zu geben, bis die Mörder Marienettas bestraft sind. Doch das Landgericht Neuruppin verhängte 1995 nur Bewährungsstrafen gegen die damals beteiligten Grenzsoldaten. Für Vogt war das "ein Schlag ins Gesicht". "Ich bin gar nicht so zornig auf diejenigen, die geschossen haben", sagt er heute, "Hauptschuldige an Mickis Tod sind die, die damals die politische Verantwortung hatten und heute teilweise immer noch haben."