Übergriff

Die Täter gehen jetzt auf andere Schulen

Im Stadttheater von Luckenwalde stehen die Lausbubengeschichten von Max und Moritz auf dem Programm. Doch mit einem harmlosen Streich über die Stränge schlagender Jungen an der Friedrich-Ebert-Grundschule gleich nebenan hat die brutale Attacke auf einen Schüler am 10. Februar nichts zu tun.

Darin ist sich die kleine Gruppe von Eltern einig, die kurz 7.30 Uhr vor der Schule steht. Vier Mitschüler hatten dort den zwölfjährigen Florian auf dem Schulareal krankenhausreif geschlagen. Ein Hubschrauber musste den Sechstklässler in die Klinik fliegen. Ein Hirn-Schädel-Trauma und der Beinah-Verlust seines Augenlichts sind neben den seelischen Verletzungen die Konsequenzen des Angriffs. Der Höhepunkt einer langen Reihe verbaler wie körperlicher Überfälle in der Schule, wie Ramona Knorr, die Mutter des Opfers, sagt.

17 Grad minus misst das Thermometer an diesem Mittwochmorgen. Längst hat die Schulklingel zum Unterrichtsbeginn geläutet. Es wird nur wenig gesprochen vor der Schule. Nicht nur, weil es bei der Kälte schwer fällt. "Wir erwarten, dass wir mehr Informationen von der Schule bekommen", sagt eine Mutter. Erst aus der Zeitung hatte sie erfahren, dass Florian von Gleichaltrigen schwer verletzt worden sei. "Das hat mich geschockt, die Schule hätte uns vorher Bescheid geben müssen. Immerhin bin ich Elternvertreterin", sagt die Frau. Ihren Namen will die Mutter eines Zweitklässlers nicht nennen. Auch die neben ihr stehenden Eltern schütteln die Köpfe. Über die Ängste reden, ja, aber anonym will man bleiben. "Unsere Kinder sollen nicht unsere offenen Worte ausbaden müssen", sagt eine junge Mutter mit blondem Haar und Piercing. Ihr Kind sei pummelig, würde sowieso schon von den Mitschülern gemobbt. "Bitte nicht auch noch von den Lehrern."

Die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, falle jedem schwer, stimmt ein Vater zu. "Es ist nicht das erste Mal, dass an der Friedrich-Ebert-Schule so etwas vorgefallen ist. Zumindest hat die Schule damals sofort durchgegriffen." An Verständnis für die Pädagogen fehlt es ihm nicht. "Lehrer haben einfach zu wenig Rechte. Werden sie aktiv, erhalten sie sofort Feuerwerk von empörten Eltern. Kein Wunder, dass Lehrer resignieren." Die Elternvertreterin sieht das kritischer: "Warum hat Florian seinen Lehrern nicht erzählt, dass er drangsaliert wird. Wovor hatte er Angst?"

Hat niemand etwas gemerkt?

Bei der von der Schule einberufenen Elternvertreterkonferenz sei es um die Fehltage und Schulnoten von Florian gegangen. Alles säuberlich in Listen notiert, erinnert sich die Mutter. "Die Noten waren anfangs gut. Plötzlich wird der Junge immer sonntags krank, schwänzt die Schule. Das ist doch auffällig. Warum hat keiner nachgehakt?" Die Elterngruppe nickt zustimmend. "Die Täter gehen zwar jetzt auf andere Schulen. Aber beim Übergang auf eine weiterführende Schule könnten sich die Kinder ja wieder begegnen."

Die Elternvertreterin sagt, ihre Tochter, eher schüchtern, besuche die zehnte Klasse eines Gymnasiums, zuvor sei sie auch zur Friedrich-Ebert-Schule gegangen. "Sie kennt die Täter, mein kleiner Sohn kennt die auch - trotz des Altersunterschiedes." Die Mutter neben ihr, eine stille Braunhaarige, schaut kurz auf. "Meine Tochter weiß auch, wer die Schläger sind. Und sie geht erst in die zweite Klasse."

Auf der anderen Straßenseite wartet ein älterer Mann. Seine Frau ist bei der Physiotherapie. Die Schule kennt der 70-Jährige gut. Die Enkeltochter habe er früher regelmäßig zum Unterricht gebracht. "Die Justiz, aber auch die Schulen, greifen zu wenig durch", sagt er empört. Kurt Stephan heiße er und das Wort lasse er sich nicht verbieten, die Zeiten seien vorbei. "Täter können der Justiz heute auf der Nase herumtanzen. Eltern beschäftigen sich - vielleicht auch aus beruflichen Gründen - nicht mehr genügend mit ihren Kindern. Pädagogen sind überfordert. Die Schule hat zu wenige Angebote, und die Kinder landen am Nachmittag vor dem Computer, um Gewalt zu konsumieren."

Im Brandenburger Bildungsministerium nimmt man die Vorfälle an der Schule ernst. Die neue Ministerin Martina Münch (SPD) hat eine schnelle und umfassende Aufklärung angekündigt. Berichte über weitere Gewalt- und Mobbingvorfälle sowie Kritik am Umgang von Lehrkräften damit würden sehr ernst genommen und aufgearbeitet. Die Mutter eines 13-Jährigen hatte den Lehrern der Grundschule Pflichtverletzung vorgeworfen. "Sie war unterdessen beim Schulrat, hat ihre Aussage zurückgenommen", sagt Ministeriumssprecher Stephan Breiding.

Nach seiner Auffassung hat sich das Luckenwalder Kollegium völlig korrekt verhalten. "Die Schule hat sofort die Schulaufsicht eingeschaltet und eine Lehrer- und eine Elternkonferenz einberufen." Ein Täter-Opfer-Ausgleich zwischen Florian und seinen Peinigern sei geplant. "Die Ordnungsmaßnahmen haben umgehend gegriffen. Die Schüler wurden suspendiert und sind mit Einverständnis ihrer Eltern auf vier verschiedene Schulen verwiesen worden."

Dem Druck der Öffentlichkeit hat die Rektorin der Friedrich-Ebert-Grundschule, Evelin Bendel trotz allem nicht Stand gehalten. Am Montag ist sie zusammengebrochen - unter dem Druck von Drohbriefen und Beschimpfungen am Telefon. Die Schule habe die Polizei eingeschaltet, sagt Breiding. Auch die Potsdamer Staatsanwaltschaft ist in Sachen Florian aktiv geworden. Es werde geprüft, ob Lehrer ihre Aufsichtspflicht verletzt haben.