Birthler-Außenstelle Frankfurt

1000 Seiten Stasi-Akten zum Halbleiterwerk rekonstruiert

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Bei der Verabschiedung von Sandra A. fotografiert ihr Kollege Hendrik B. (Namen geändert) eifrig. Akribisch wird jeder auf Zelluloid gebannt, der bei der letzten Party mit der bisherigen Mitarbeiterin im Frankfurter Halbleiterwerk dabei ist. Die Fotos landen nicht etwa in privaten Alben, sondern beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS), Bezirksdienststelle Frankfurt.

Denn die Kollegin A. hatte erfolgreich einen Ausreiseantrag in den Westen gestellt. Und die Stasi interessierte sich stark dafür, wer mit der "Abtrünnigen" feiert. Hendrik B. wusste ganz genau, was für Informationen die MfS-Schnüffler wollten. Seit 1971 stand er in Stasidiensten, hatte über Pausengespräche der Kollegen zu Ausreisechancen über Ungarn ebenso berichtet wie über die Meinung der polnischen Mitarbeiter zur verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc.

Besonders brisant: 1987 kaufte das Halbleiterwerk nach Informationen des IM zwei Atari-Rechner - Stückpreis 40 000 Mark - auf dem illegalen Computermarkt, um einfach mal abzugucken. Alles - selbst streng vertrauliche Sachen wie ernst zu nehmende Havarien - hatte der Spitzel, dessen Klarname der Birthler-Behörde inzwischen bekannt ist, handschriftlich notiert und beim MfS abgeliefert. Seiner Schreibwut verdankt die Frankfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde mehr als 1000 Seiten neue Erkenntnisse zum Halbleiterwerk - dem einst größten Mikroelektronik-Produzenten der DDR.

Wer sich für diese Zeit interessiert: Am diesem Sonnabend lädt die Außenstelle der Birthler-Behörde zum Tag der offenen Tür. Zwischen 10 und 19 Uhr gibt es an der Fürstenwalder Poststraße 87 Führungen durch Archiv und Ausstellungen sowie Vorträge. Außerdem können Anträge auf Akteneinsicht gestellt werden.

"Interna der sozialistischen Volkswirtschaft aus diesem Vorzeige-Betrieb hatten wir bisher kaum", freut sich Außenstelleleiter Rüdiger Sielaff über das brisante Material zum Halbleiterwerk. Dass es erst jetzt, 20 Jahre nach der Wende, aufgetaucht ist, liegt daran, dass die Akten bereits "vorvernichtet" waren, wie es bei der Birthler-Behörde heißt. Gemeint ist damit, dass die Seiten aus den Aktenordnern genommen, zerrissen und in große Müllsäcke gestopft worden waren.

"Dass die Blätter nur zweimal durchgerissen sind, zeugt davon, in welcher Windeseile die Stasi-Mitarbeiter 1989 versuchten, Zeugnisse ihres Spitzelsystems verschwinden zu lassen", sagt Sielaff. Seinen Angaben nach handelt es sich um jene Spitzelangelegenheiten, die die Stasi-Mitarbeiter 1989 aktuell auf dem Tisch hatten, als Bürgerrechtler die MfS-Verwaltungen stürmten. "Keiner der in den wieder zusammengesetzten Akten erwähnten Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) hatte seine Zusammenarbeit mit dem MfS vor der politischen Wende beendet." Das nur flüchtige Zerreißen in lediglich vier Teile pro Seite ermöglicht seinen Mitarbeitern nun ein relativ unkompliziertes Wieder-Zusammensetzen der Unterlagen. "Da muss man kein großer Puzzle-Experte sein", sagt der 52 Jahre alte Historiker, der sich in seinen Vermutungen bestätigt sieht, dass die Säcke mit den Papierschnipseln äußerst brisante Informationen enthalten.

Nur eine Anlaufstelle

1550 davon gibt es im Bestand der Frankfurter Außenstelle, der einzigen Behörde für die Stasi-Unterlagen im Land Brandenburg. So wie aus den Schnipseln wieder ein komplett lesbares Dokument entsteht, vervollständigen die zusammengesetzten Seiten Erkenntnisse über Opfer, Spitzel oder den organisatorischen Aufbau der Stasi-Bezirksverwaltung Frankfurt. Allerdings ist die Rekonstruktion nur der Anfang, die eigentliche Arbeit beginne erst danach, sagt Sielaff. Denn dann ist es Sache der Archivare, Originalakten wieder zusammenzusetzen und zu prüfen, ob die Dokumente Ergänzungen zu vorhandenen Akten oder komplett neu sind.

Wie wichtig die Stasi-Aufarbeitung immer noch ist, zeigt sich an der ungebrochenen Antragsflut auf Akteneinsicht. "Auch 2010 sind wieder mehr als 4300 dieser Anträge bei uns eingegangen. Damit bestätigt sich der Trend der vergangenen Jahre", sagt Sielaff. Zwei Drittel der Antragsteller wenden sich erstmals an die Birthler-Behörde. Bei Wiederholungs-Anträgen setzten die Absender auf die weitere Erschließung der Stasi-Unterlagen. "Die Wahrscheinlichkeit besteht durchaus, dass nun plötzlich doch Akten zu einem Antragsteller vorhanden sind." Auch bei der Entschlüsselung von Decknamen früherer IM's komme die Behörde durch die Aktenerschließung voran, sagt Sielaff.