Dallgow-Döberitz

Streit um Abriss des Offizierscasinos

Mit Dynamit kann man in Dallgow-Döberitz eigentlich umgehen. Des Militärs wegen, das fast 100 Jahre zum Straßenbild der Gemeinde gehörte. Die Armeen, die in der umliegenden Heide einst für den Ernstfall übten, sind zwar längst Geschichte. Anders ist es mit dem "Sprengstoff", den sie hinterlassen haben.

Doch nicht die im Boden noch immer verborgenen großen Munitionsreste sind es, die in der Gemeinde für Streit sorgen: Das unter Denkmalschutz stehende Offizierscasino beschäftigt die Bewohner. Während die Mehrheit der Gemeindevertreter - angeführt von Bürgermeister Jürgen Hemberger (Freie Wähler) - den 1895 errichteten Fachwerkhaus-Bau gern abreißen lassen möchte, kämpft eine kleine Gruppe von Dallgowern mit großem Einsatz für die schätzungsweise vier Millionen Euro teure Rettung des einsturzgefährdeten Gebäudes.

Das Offizierskasino wurde 1895 im Zuge der Errichtung des Truppenstandortes Döberitz gebaut und danach von den Militärs genutzt. Nach Abzug der sowjetischen Truppen übernahm das Bundesvermögensamt die Liegenschaft. 1996 wurde das Casino schließlich der Gemeinde Dallgow-Döberitz übertragen. Seitdem verfällt es. Das Dach ist undicht, die Fußböden sind aufgequollen, Fenster sind zerschlagen. Randalierer und Sprayer haben sich ausgetobt und schwere Schäden verursacht.

Als kürzlich dann ein größeres Stück des südlichen Mauerflügels einbrach, war für Bürgermeister Hemberger der Zeitpunkt gekommen, um zu handeln. Um "Gefahren abzuwehren" ließ er einen Teil des Casinos abtragen, mit dem mittelfristigen Ziel, das Gebäude komplett abreißen zu lassen. Zuvor hatte sich Hemberger Unterstützung von der Denkmalschutzbehörde des Kreises Havelland geholt. Denn die hatte eine Sanierung bereits verworfen. Die Begründung: Wegen des maroden Gesamtzustands des Baus könne selbst bei einer Sanierung kaum noch Originalsubstanz erhalten werden.

Kulturministerium bietet Hilfe an

Aufgeschreckt meldeten sich die Bündnisgrünen zu Wort. Deren Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm befürchtet den unwiederbringlichen Verlust eines der letzten Relikte aus der Kaiserzeit. Beim Brandenburger Kulturministerium warb sie um Hilfe. Mit Erfolg: Jetzt hat sich auch Brandenburgs oberster Denkmalschützer Detlef Karg in den Konflikt eingeschaltet. Sein Vorschlag: Der Gemeinde soll beim Erhalt des Casinos unter die Arme gegriffen werden. Nutzungskonzepte sollen erarbeitet und geprüft sowie nach Fördermöglichkeiten gesucht werden.

"Studenten der Potsdamer Fachhochschule oder der Universität könnten eingebunden werden", schlägt der Landeskonservator vor. Europäische Union, Land und Kreis möchte Karg ebenfalls mit ins Boot holen. Weil das Offizierscasino "aus militärgeschichtlicher, architektonischer und ästhetischer Sicht einen großen Wert hat", hält er den Einsatz für gerechtfertigt. Vorerst ist nun Zeit gewonnen. Sie will ein Förderverein, der gegenwärtig gegründet wird, nutzen. Unterstützer und Geldgeber müssen gefunden werden.

Peter-Paul Weiler hat sich ganz dem Erhalt des Casinos verschrieben. Vor zehn Jahren ist der heute 45-Jährige nach Dallgow gezogen. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern hat sich der gebürtige Niedersachse im Berliner Speckgürtel eine neue Heimat im Grünen geschaffen. An einem Platz, der für ihn - ebenso wie für die nahezu 5000 anderen Zugezogenen - mehr als nur ein Ort zum Wohnen sein soll. "Wer seinen Hauskredit abbezahlt hat und auch beruflich angekommen ist, wünscht sich irgendwann vor der Haustür auch eine rege Sozial-, Kultur- und Freizeitlandschaft", sagt Weiler. Die ist allerdings in Dallgow kaum vorhanden. Nicht zuletzt, weil es an Räumen fehle, so Weiler. Weiler sieht den 400 Quadratmeter großen, neun Meter hohen und mit Parkett ausgelegten Festsaal vor sich, dazu die auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. im norwegischen Stil verzierte Holzveranda und die breite Freitreppe, die einst in den Casino-Park führte. "Kino, Konzerte, Kleinkunst, Abiturbälle, private und Firmen-Feiern wären hier vorstellbar", zählt Weiler auf. "Das Offizierscasino könnte sich auch für Besucher aus Berlin und Potsdam als eine Stätte der kritischen Erinnerung etablieren", ist er überzeugt.

Bürgermeister droht mit Abriss

Gerade diese Erinnerungskultur zieht Bürgermeister Hemberger in Zweifel. "Die Alteingesessenen verbinden das Haus mit der Roten Armee und dem HO-Spezialhandel, dem Russenmagazin." Schöne Reminiszenzen könne er sich da nicht ausmalen. Eine Umfrage der Dallgower CDU im Januar scheint das zu untermauern: Fast 70 Prozent der etwa 200 Befragten sprachen sich gegen die bis zu vier Millionen Euro teure Sanierung aus. Jetzt soll das Haus erst einmal gesichert werden. Das könnte bis zu 300 000 Euro kosten. Hemberger ist skeptisch: "Der Gemeinde soll ja finanziell unter die Arme gegriffen werden." Sollten Landeskonservator und Förderverein mit ihrem Vorstoß scheitern, will der Bürgermeister Bagger und Planierraupen anrücken lassen.