Flugrouten

"Gretchenfrage Blankenfelde"

Die Deutsche Flugsicherung hat für die 17 Flugroutenvarianten, die sie am Montag der Fluglärmkommission vorgelegt hat, jetzt auch die jeweilige Anzahl der vom Lärm betroffenen Anwohner errechnet. Grenzwert für die Berechnung war eine Lärmbelastung von 45 Dezibel.

Lärmwerte, die darunter lagen, gingen nicht in die Untersuchung ein.

Danach ist die umstrittene Route von der Nordbahn des künftigen Hauptstadtflughafens BBI in Richtung Westen, die über die im Süden Berlins gelegenen Gemeinden Teltow, Stahnsdorf und Kleinmachnow sowie Wannsee führt, mit 55 300 Betroffenen die ungünstigste Variante. Besser schneiden hier alle anderen Varianten von der Nordbahn Richtung Westen ab (siehe Karte Variante West). Gut schneidet auch die als Favorit geltende 90-Grad-Kurve von der Südbahn Richtung Osten ab (siehe Karte Variante Ost). Diese Abflugroute allerdings könnte mit Anflügen kollidieren. Auch wird die Route massiv von der Rangsdorfer Bürgerinitiative Schallschutz abgelehnt.

Kommission muss jetzt abwägen

Die Flugsicherung weist im Hinblick auf ihre Berechnung darauf hin, dass die Betroffenenzahlen allein noch nicht viel aussagen, da es darauf ankommt, in welchem Maß die Anwohner dem Lärm ausgesetzt sind. Hier muss die Fluglärmkommission jetzt abwägen, um sich auf Routen zu einigen. Ihre nächsten Sitzungen sind am 14. und 28. März.

"Ich denke schon, dass wir zu einer Entscheidung kommen werden", sagte am Mittwoch der Vorsitzende der Schutzgemeinde Umlandgemeinden und Großbeerener Bürgermeister, Carl Ahlgrimm. Wichtig sei jetzt, wo man wisse, wie viele Menschen je nach Routenvariante Lärm ausgesetzt sind, dass man die unterschiedliche Lärmbetroffenheit auch bewerten kann. "Die Frage ist jetzt, ob man eine höhere Anzahl schwach betroffener Anwohner in Kauf nimmt, um eine geringere Anzahl stark Betroffenen zu entlasten oder umgekehrt. Das ist die künftige Aufgabe der Fluglärmkommission." Das Brandenburger Umweltministerium habe aber bereits eine Bewertungsmethode vorgelegt.

Konkret geht es dabei vor allem um die unmittelbar westlich des neuen Flughafens gelegene Gemeinde Blankenfelde. DFS-Routenplaner Robert Ertler nennt es denn auch eine "Gretchenfrage", die sich jetzt der Fluglärmkommission stellt. "Entweder entlastet die Kommission das stark belastete Blankenfelde und nimmt damit in Kauf, 60 000 Menschen im Süden von Berlin zu belasten, die allerdings weit weniger Lärm ausgesetzt sind, oder Blankenfelde bekommt den vollen Lärm ab, um die 60 000 Menschen zu verschonen." Zu bedenken sei dabei, dass Blankenfelde in jedem Fall auch noch den vollen Lärm der Anflüge abbekommt.

Die Deutsche Flugsicherung will nach den Beratungen in der Fluglärmkommission und der Abwägung im Juli 2011 einen finalen Flugroutenvorschlag vorlegen und diesen dann am 25. August zur Genehmigung beim Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (Baf) einreichen. Bis dahin muss die Fluglärmkommission sich auf schlüssige Routen einigen.

Sollte der Kommission dies nicht gelingen, entscheidet die DFS. Nach Angaben von DFS-Routenplaner Robert Erler stehen noch keine Routen fest. Für Abflüge von der Nordbahn Richtung Westen aber könnte es auf den Geradeausflug mit einem leichten Schwenk nach Norden in Höhe von Ludwigfelde hinauslaufen. Westlich der B 101 würden dann die Jets, die nach Norden oder Osten wollen, in Richtung Berlin abdrehen.

Vorteil dieser Variante: Ludwigsfelde, Teltow, Stahnsdorf und Kleinmachnow werden vom Fluglärm startender Maschinen verschont. Um die Wannseer und Potsdamer vor Lärmbelastungen zu schützen, könnte nach Angaben der Flugsicherung bereits in Höhe von Ludwigsfelde ein Punkt festgelegt werden, wo Maschinen eine Höhe von mindestens 2000 Meter erreicht haben müssen, um dann Richtung Berlin zu drehen.

"Wer die Höhe nicht schafft, muss dann westlich von Potsdam oder sogar der Gemeinde Schwielowsee vorbeifliegen", sagte Ertler. "Es gibt aber nur eine verschwindend geringe Zahl von Fliegern, die die Höhe nicht schaffen." Grundsätzlich aber gilt, dass noch nicht alles entschieden ist. Der Kommunikationschef bei der DFS, Michael Kraft, weist daher auch darauf hin, dass die umstrittenen Routen vom 6. September "nicht vom Tisch" seien. Wer das behaupte, mache ein politische Aussage. "Von uns stammen solche Äußerungen nicht. Denn wir müssen nach unserem gesetzlichen Auftrag die Routenvorschläge erst einmal gegeneinander abwägen." Der Staatssekretär im Brandenburger Infrastrukturministerium, Rainer Bretschneider, hatte am Montag nach der Sitzung der Fluglärmkommission gesagt, die Routen vom 6. September würden definitiv nicht kommen.

In der Frage, wer für das Berliner Flugrouten-Dilemma Verantwortung trägt, sieht der Chef der Deutschen Flugsicherung, Dieter Kaden, die Flughafengesellschaft und das Brandenburger Infrastrukturministerium in der Verantwortung. "Uns war nicht bekannt, dass der Flughafen die ganze Zeit gradlinige Routen veröffentlicht hat", sagte Kaden vor der Presse in der DFS-Zentrale in Langen bei Frankfurt/Main. "Die gradlinigen Routen sind nicht von uns. Diese Karten, die von der Flughafengesellschaft veröffentlicht wurden, stammen nicht von uns." Kaden sagte aber auch, dass die DFS aus der Situation in Berlin gelernt habe. "Wir werden mit Informationen sensibler umgehen und beteiligte Gruppierungen vernünftig in die Prozesse einbinden."

Parallelstarts sind notwendig

Die Flugsicherung hat nach Angaben ihres Sprechers Axel Raab auf ihren Brief von 1998 vertraut, in dem die Flughafengesellschaft darauf hingewiesen wurde, dass bei unabhängigem Parallelbetrieb abknickende Routen Vorschrift sind. "Wir haben von vornherein gesagt, dass die Routen um 15 Grad divergieren müssen", sagte Raab. "Das war allen Beteiligten klar. Wir wussten nicht, dass die Bürger falsch informiert wurden."

Zur Diskussion um die Notwendigkeit des unabhängigen Parallelbetriebs und damit auch der Drehkreuzfunktion des BBI sagte Kaden, dass es der Auftrag der DFS sei, diesen zu gewährleisten. Das schreibe die Planfeststellung für den BBI vor. Die zulässigen 360 000 Flugbewegungen pro Jahr seien gar nicht anders zu bewältigen als mit gleichzeitigen Starts von beiden Bahnen.

Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sprach sich am Mittwoch erneut für eine Drehkreuzfunktion des künftigen Hauptstadtflughafens aus. Die Entwicklung des BBI zu einem internationalen Hub sei notwendig zur Stärkung des Wirtschafts- und Luftfahrtstandorts Berlin. Wolf verwies auf die Unternehmensstrategie der Fluggesellschaft Air Berlin, die in Vorbereitung auf die für Juni 2012 geplante Inbetriebnahme des BBI eine Drehkreuzstruktur in Tegel etabliere. Auch die Lufthansa habe Überlegungen angekündigt, ihr Engagement in Berlin entsprechend zu verstärken, sagte der Senator.

Die Grünen-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl, Renate Künast, hatte am Dienstag am Rande einer Wirtschaftsveranstaltung "internationale und interkontinentale Verbindungen am BBI" befürwortet. Voraussetzung seien ein Nachtflugverbot sowie ein akzeptabler Lärmschutz für betroffene Anwohner.