Baupläne

Leben unter Hochspannungsleitungen

"Der Krebs hat in meine Familie eine Schneise geschlagen", sagt Elvira Starbati. Sie denkt dabei an das starke elektromagnetische Feld, dem Großeltern, Eltern, Bruder, auch sie selbst seit Jahrzehnten ausgesetzt waren oder noch sind.

Seit 1936 ziehen sich dicke Freilandleitungen über ihr Grundstück am Eschenweg. Rund 28 Häuser mitten in Marquardt sind betroffen. Anders als Starbatis, deren Haus seit 100 Jahren steht, haben etliche Zuzügler trotz der 110-Kilovolt-Trasse über ihren Köpfen in dem Potsdamer Ortsteil gebaut. Rund 1000 Einwohner sind es heute.

"Dass sich die Strahlung der Freilandleitungen negativ auf die Gesundheit auswirken kann, hat vor Jahrzehnten noch keiner geglaubt", sagt Starbati, die bis zur Rente als Ärztin tätig war. Längst hat Protest gegen den Netzbetreiber E.on edis eingesetzt. Der plant nach eigenen Aussagen eine "Rekonstruktion" der Leitung zwischen Geltow und Wustermark auf einer Strecke von 23 Kilometern. Höhere, stabilere Masten sollen die alten ersetzen. "Ein befürchteter Umbau auf eine höhere Spannungsebene ist weder geplant noch im Rahmen der bestehenden Rechte möglich oder zulässig", sagt Unternehmenssprecher Horst Jordan. In Marquardt definiert man das Vorhaben jedoch als Erneuerung. Und somit als Fall für ein Planfeststellungsverfahren, das den Bürgern ein Mitspracherecht einräumte.

Ortsvorsteher Wolfgang Grittner sagt: "Störungen bei Herzschrittmachern und Diabetikerpumpen sind erwiesen." Unter Übelkeit, Kopfschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen leidet auch Elvira Starbati. Schon 2007 wandte sie sich deswegen an E.on edis. Ohne Antwort. Doch nicht nur Starbati meint, dem heutigen Erkenntnisstand müsse Rechnung getragen werden. Dies haben mehr als 200 Bewohner seit November mit ihrer Unterschrift bekräftigt. Eine Erdverkabelung, eine Freilandleitung außerhalb des Ortes oder eine Kombilösung mit der vorhandenen Bahnstromtrasse kann sich auch Josef Grütter vorstellen. Der ehemalige Ingenieur für Elektro- und Kraftwerkstechnik sagt: "Das Energieunternehmen hätte kurz nach der Wende diese Altlast nicht einfach übernehmen dürfen."

In ihrem Protest werden die Marquardter von der Stadt unterstützt. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) lehnt die aktuellen Pläne der E.on edis ab und fordert Gespräche mit dem Land und Energieunternehmen. Jakobs hat auch die Zukunft des Wissenschaftsparks Golm im Blick. Die Gesetzeslage steht ihm dabei allerdings im Weg. Auf die beruft sich E.on edis. Denn dem Wunsch nach Erdverkabelung muss der Netzbetreiber beispielsweise zustimmen. Übersteigen die Mehrkosten einer Erdverkabelung gegenüber einer Freileitung den Faktor 1,6, ist der Netzbetreiber im Hochspannungsbereich zu nichts verpflichtet. Eine Problematik, die derzeit auch den Potsdamer Landtag beschäftigt. Bündnisgrüne und FDP arbeiten an einem gemeinsamen Gesetzentwurf, wonach 110-kV-Hochspannungsleitungen nur noch unterirdisch verlegt werden dürfen. Höchst- und Hochspannungsleitungen liegen in der Verantwortung des Bundes. Was Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) gern ändern würde, zumindest im 110-kV-Bereich. "Der Minister möchte ein von Brandenburg ausgehendes Landeserdkabelgesetz schaffen", so sein Sprecher.

Brandenburg ist Spitzenreiter bei den erneuerbaren Energien. Doch Solar- und Windstrom erfordern neue, belastbarere Stromnetze. Bei 110-kV-Leitungen seien es in Brandenburg rund 1200 Kilometer, bei 380 bis 400 kV bis zu 600 Kilometer, sagt Harald Schwarz von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus. Bewohner der Uckermark und der Prignitz, des Havellandes, in Märkisch-Oderland, Teltow-Fläming und Potsdam-Mittelmark kämpfen längst mit den Folgen. "Hochspannung tief legen" nennt sich deshalb die Prignitzer Bürgerinitative (BI). Doch auch Naturschutzverbände, Kirche, Landes- und Kommunalpolitiker aller Parteien machen E.on edis Druck. Ihr Forderung: Die vom Unternehmen geplante 60 Kilometer lange Freilandleitung (110 kV) zwischen Perleberg, Wittstock und Gantikow soll unter die Erde. "Die Mehrkosten, die dem Endverbraucher durch eine Erdverkabelung entstehen, bewegen sich für jeden Privathaushalt im Cent-Bereich", sagt BI-Chef Rainer Schneewolf unter Berufung auf eine Studie der Rheinisch-Westfälischen TH Aachen. Schneewolf hofft auf Brandenburgs Wirtschaftsminister. Die 60 Kilometer lange Strecke könnte als Referenzobjekt für die Erdverkabelung in Brandenburg dienen. Land und Bund müssten die Mehrkosten tragen.

Eine öffentliche Diskussion zur Erneuerung der Hochspannungsleitung Geltow-Wustermark findet am Mittwoch, 18.30 Uhr, in der Kulturscheune Marquardt, Fahrländer Straße 1c, statt.

"Störungen bei Herzschrittmachern sind erwiesen"

Wolfgang Grittner, Ortsvorsteher