Hochwasser

Die Angst vor dem nächsten Regen

Das Oderbruch wird immer mehr zu einem Paradies für Wasservögel. Eine Schar Möwen zieht laut kreischend über riesige Seen hinweg, Schwäne tummeln sich in großen Gruppen auf überschwemmten Feldern. Die Menschen im größten eingedeichten Flusspolder Deutschlands haben für diese Idylle jedoch keinen Blick.

Sie sind viel zu sehr damit beschäftigt, ihr Hab und Gut mit Pumpen und Schläuchen so gut es eben geht vor den Wassermassen zu schützen.

Auch Hans-Jörg Stahnke hat jede Menge Pumpen in seinem Lager. Doch die nützen dem Chef einer Heizungs- und Sanitärfirma aus Manschnow (Märkisch-Oderland) nicht viel. "Wir wissen ja nicht, wohin mit dem ganzen Wasser. Die Gräben sind alle voll", sagt Stahnke und blickt sorgenvoll über seinen überschwemmten Betriebshof. Drei Tage war der trocken, nachdem die Feuerwehr das Wasser mit großem Aufwand abgesaugt und Kilometer weit entfernt wieder laufen lassen hat. Doch nun schwimmen Gipskartonplatten und Dämmstoffe wieder in schmutziger Brühe, das Lager ist nur noch in Wathosen zu erreichen. Gummistiefel helfen längst nicht mehr.

"Seit dem Regen am vergangenen Wochenende ist alles wieder beim Alten. Es kam jede Menge Wasser nach", sagt Annemarie Stahnke und zuckt hilflos mit den Schultern. Die meiste Zeit ist sie am Telefon, um besorgte Anwohner zu beruhigen, die ihre Heizungsanlagen in überfluteten Kellern haben. "Die Leute wissen einfach nicht, wie sie ihre Geräte sichern sollen. Es ist schlichtweg eine Katastrophe", sagt sie. Der Regen - 25 bis 30 Liter je Quadratmeter - habe die Lage tatsächlich verschärft, bestätigt Hans-Adolf Fakler aus Golzow. "Das rauschte nur so von allen Seiten", sagt der Mann, der wie viele seiner Nachbarn seit Monaten mit einem ungewollten Schwimmbecken im Keller lebt.

Nässe drückt durch den Fußboden

"Inzwischen pumpen wir das Wasser quasi von einem Keller in den nächsten", sagt Golzows Bürgermeister Klaus-Dieter Lehmann. Auch die Amtsverwaltung im Ort ist ein Opfer der Fluten geworden. Durch den Fußboden drückte die Feuchtigkeit ins Erdgeschoss, Büros mussten geräumt, Technik und Akten gesichert werden. Und in der Fleischerei Auris in Neutrebbin sorgt der Wasserdruck dafür, dass sich die Fliesen von den Wänden lösen. "Mittlerweise sind nicht nur die Landwirte im Oderbruch existenzbedroht, sondern auch andere Gewerbetreibende", sagt Frank Schütz, Inhaber mehrerer Blumenläden in der Region. Schuld an der Misere ist nach Ansicht vieler Oderbrücher die Landesregierung, die in den vergangenen Jahren nicht ausreichend für eine Pflege des Entwässerungssystems gesorgt hat. "Die dafür verantwortliche Ministerin Tack sollte daraus die Konsequenzen ziehen und ihren Hut nehmen", sagt Schütz.

Wie schnell die Situation bedrohlich werden kann, hat Daniel Gräfling aus der Golzower Siedlung am Bahnhof in den vergangen Tagen erlebt. Das Wasser kam mit Macht über die Felder gelaufen. Feuerwehrleute waren stundenlang damit beschäftigt, einen Sandsackwall aufzubauen, um die dahinter liegenden Anwesen vor der drohenden Flutung zu schützen. "Das war schon der zweite Großeinsatz hier, aber es sickert alles wieder nach", sagt Gräfling. Erst im vergangenen Sommer war der junge Frankfurter mit seiner Freundin in das Siedlungshäuschen auf dem Lande gezogen. "Hätte ich gewusst, dass wir hier absaufen, wäre ich lieber in der Stadt geblieben", sagt er. Nun aber wolle er nicht das Handtuch werfen. "Ich kriege das Anwesen ja nie zu dem Preis verkauft, den ich bezahlt habe." Jedes Mal, wenn es regnet, bekommen es die Bewohner des Oderbruchs mit der Angst zu tun. Zu Recht, wie Martin Porath, Chef des Gewässer- und Deichverbandes Oderbruch (GEDO), bestätigt. "Über Monate ist keine Entspannung in Sicht. Selbst wenn die Wasserstände in den direkten Vorflutern sinken, bekommen wir das Wasser auf den Feldern nicht weg." Die Nässe könne in den vollgesogenen Böden nicht versickern, geschweige denn ablaufen, wo gar keine Gräben sind. "Wir wissen mit den Wassermassen einfach nicht wohin", sagt Porath und zählt Orte auf, in denen Feuerwehr und Technisches Hilfswerk derzeit abpumpen, weil Gefahr für Leib und Leben der Bewohner droht: Golzow, Ortwig, Solikante.

In Manschnow droht erneut eine Überflutung der Bundesstraße 1, einer wichtigen Verbindung zwischen dem Land Brandenburg und Polen. Denn das Wasser läuft schneller nach, als die Pumpen arbeiten können. Dabei ist das Binnenhochwasser im Oderbruch eine mittlerweile fast schon unendliche Geschichte. Seit August vergangenen Jahres leiden viele Oderbrücher unter Überschwemmungen, nassen Kellern und Häusern. Johanna Wurl aus Herzershof ist 84 Jahre alt, im Oderbruch geboren und aufgewachsen. "Ich habe schon viel erlebt, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg", erzählt sie, "aber hierbei die Nerven zu behalten, ist am schwersten."