Prozess

Doppelmord in Rathenow: Ankläger fordert "lebenslänglich"

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Zu Beginn des Prozesses waren die Zuschauer im Potsdamer Justizzentrum noch darauf erpicht, das Gesicht des Angeklagten zu sehen. Das änderte sich jedoch im Laufe der Prozesstage - weil es im Gesicht des 28-jährigen René S. keine Regungen gab. Auch nicht, als eine Gerichtsmedizinerin die aufgefundenen Leichenteile seiner Eltern beschrieb.

Oder als Staatsanwalt Gerd Henninger für ihn wegen zweifachen Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe beantragte.

Der schlanke, groß gewachsene Angeklagte hatte schon zu Prozessbeginn gestanden, am 9. Juni 2010 in Rathenow (Havelland) zunächst seinen 68-jährigen Vater mit einem Küchenmesser erstochen und eine halbe Stunde später die 61-jährige Mutter mit einem Fäustel erschlagen zu haben. Anschließend hatte er die Leichen mit einer Kettensäge zerstückelt, teilweise verbrannt oder auch in Plastikfässern versteckt.

Der Berliner Psychiater Alexander Böhle attestierte dem Angeklagten am Dienstag eine schizoid zwanghafte Persönlichkeitsstörung. René S. sei "ein introvertierter, äußerst zwanghafter, unsicherer und kühler Mensch", der kaum "tiefe Schuld- oder Schamgefühle entwickeln" könne und ein geringes Selbstwertgefühl besitze.

Als eine der Ursachen für diese Entwicklung sah Böhle die Situation im Elternhaus des Angeklagten. Die Familie habe sehr zurückgezogen gelebt und kaum Freunde oder Bekannte gehabt. Für die äußerst ehrgeizige Mutter sei es ein großes Problem gewesen, so der Gutachter, das einzige Kind mit Klumpfüßen geboren zu haben. Das habe zu "einer schwierigen Mutter-Kind-Beziehung" geführt. René S. sei "überbehütet", gleichzeitig seien aber die Ansprüche sehr hoch gewesen.

Die Abiturprüfungen hatte René S. noch mit einem Notendurchschnitt von 1,8 abgelegt. Probleme gab es jedoch mit dem Jurastudium, zu dem ihn die Eltern gedrängt hatten. Als er nach 17 Semestern noch immer nicht alle Scheine für das erste Staatsexamen hatte, brach er das Studium ab, wagte sich aber nicht, die Eltern zu informieren. Im November 2009 hatte er sich deswegen sogar die Pulsadern aufgeschnitten. Und erst im Krankenhaus erfuhren die Eltern, dass er die Universität verlassen hatte. Danach bewarb er sich beim Bundesfinanzministerium in Berlin, in Nordrhein-Westfalen und in Hamburg für ein Studium zum Finanzwirt. Zweimal gab es eine Ablehnung. Nur in Hamburg wurde er zu Vorgesprächen eingeladen.

Die Eltern standen diesen Plänen jedoch sehr kritisch gegenüber und sollen gegen den Sohn deswegen auch immer wieder gestichelt und ihn herabgewürdigt haben. Das wurde für René S. am Morgen des 9. Juni besonders deutlich, als ihn der Vater wegen der geplanten Fahrt nach Hamburg mit dem Auto zum Bahnhof bringen sollte. Diese Fahrt habe ja ohnehin keinen Sinn, soll der Vater gesagt haben. Worauf René S. - nach eigener Beschreibung - zum Messer gegriffen und wiederholt zugestochen habe.

Nach Einschätzung des Gutachters Böhle gab es bei René S. in dieser Situation "eine erhebliche Beeinträchtigung seiner Steuerungsfähigkeit". Bei der Tötung der Mutter habe René S. jedoch gewusst, dass er "jetzt Grenzen überschreitet".

Staatsanwalt Henninger sprach in seinem Plädoyer vom "Ende einer höchst problematischen familiären Situation". Die einschüchternde Autorität der Mutter, ständige Demütigungen der Eltern wegen des vermeintlichen beruflichen Versagens des Sohnes und dessen extreme Bindung an das Elternhaus hätten zu einem "eisigen Familienmilieu" geführt. Er wertete beide Tötungen als Mord und nannte als Merkmale Heimtücke. Die Tötung der Mutter könne zudem als Verdeckungsmord gewertet werden.

Die Verteidigung plädierte auf Totschlag im minderschweren Fall und beantragte eine Gesamtstrafe von neun Jahren. Das Urteil des Schwurgerichts wird am Donnerstag verkündet.

"Er ist ein introvertierter, äußerst zwanghafter, unsicherer und kühler Mensch"

Alexander Böhle in seinem psychiatrischen Gutachten über den Angeklagten