Tiere

Wolf reißt erneut Wild in Gehege

Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland hat Hans Fehrmann bisher mit wohlwollendem Blick gesehen. Doch seit vier Tagen denkt der 73 Jahre alte Rentierzüchter aus Schwarz (Müritzkreis) anders. "Am Donnerstag hat ein Wolf drei meiner zwölf Tiere getötet und zwei weitere verletzt", sagt Fehrmann.

Der Schreck steckt dem erfahrenen Züchter in den Gliedern. Auf seiner Wiese hinter dem Haus sind noch Blutlachen zu erkennen, Fellbüschel treiben im Wind umher, der Rest der Rentiere ist sehr scheu geworden.

Es war nicht der erste Fall in und an der Kyritz-Ruppiner Heide, rund 100 Kilometer nördlich von Berlin, im Umfeld von Wittstock. Mitte 2010 wurden 24 Tiere in einem Damwildgehege bei Groß Haßlow, erst vor wenigen Tagen 13 von 14 Stücken Damwild eines Züchters in Gadow getötet. Die Besitzer sind ratlos, welche Sicherungsmaßnahmen sie ergreifen sollen. "Es gibt Einzeltiere, die gelernt haben, dass Wildtiere hinter Zäunen sehr leichte Beute sind", sagt Wolfsexperte Norman Stier, der seit Jahren die Wolfsansiedlung in Deutschland begleitet und für die dafür erarbeiteten Wolfsmanagementpläne mehrerer ostdeutscher Bundesländer verantwortlich ist.

Etwas drastischer drückt das der Sprecher des Landesjagdverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Achim Froitzheim, aus: "Solche Tiere auf der Weide, das ist für einen Wolf wie ein Schnellimbiss." Was diesen Wolf betreffe, sei sein Verhalten aber trotzdem untypisch für solch ein Raubtier. "Normalerweise verhalten sich Wölfe sehr ökonomisch und töten nur so viel, wie sie brauchen." Man dürfe sich nichts vormachen: "Den Wölfen soll die Rückkehr ermöglicht werden, aber sie finden nicht den Kulturraum vor, in dem sie vor 200 Jahren ausgerottet wurden." Da die Wölfe streng geschützt seien, sind die Jäger in diesen Fällen "außen vor."

Schutzmaßnahmen für Gehege

Trotzdem regt Froitzheim an, in diesem Fall zu prüfen, ob es sich um ein "verhaltensauffälliges Tier" handele. Das sieht Wolfsexperte Stier noch nicht so. "Generell frisst ein Wolf mehr in der freien Wildbahn, das bekommt aber kaum jemand mit." In der Lausitz, wo schon länger Wolfsrudel leben, sei erst einmal ein Wildgehege betroffen gewesen. "In der Region nördlich von Wittstock haben wir nach den letzten beiden Fällen schon so was wie in Schwarz erwartet", sagt Stier. Eine Lösung, wie große Gehege geschützt werden können, gebe es noch nicht.

So traf es Fehrmanns zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. "Seit elf Jahren haben wir die Tiere hier, die Muttertiere sind tragend", berichtet der Züchter. Der Wildschutzzaun sei nach Vorschrift gebaut worden, aber der Wolf habe sich unten durchgegraben. Dann habe er zwei Jungtiere und ein Muttertier gerissen und einen Teil der Tiere gefressen. "Wir wissen nicht, ob die anderen Muttertiere nach dem Schreck vielleicht Totgeburten haben werden", sagt Fehrmanns Sohn Peter. Die Zucht sei über Jahre zurückgeworfen.

"Ich halte diese Wiederansiedlung bei der hiesigen Dichte von Tieren und Gehegen für eine romantische Illusion", betont Peter Fehrmann. Er plädiere dafür, die Raubtiere dort zu schützen, wo sie genügend große Reviere fänden. Weil die Politik das bisher anders entschieden habe, bleibt den Fehrmanns nichts weiter übrig, als den gesamten Zaun nun noch mal extra mit Strom zu sichern und zu hoffen, dass der Wolf nicht wiederkommt.