Interview mit Sabine Kunst

"Ich hatte eine andere Lebensplanung"

Die designierte Brandenburger Wissenschafts- und Kulturministerin Sabine Kunst (56, parteilos) sagt von sich: "Schnellschüsse sind nicht meine Sache." Dennoch musste sich die Präsidentin der Universität Potsdam innerhalb von Stunden entscheiden, ob sie das Ministeramt annimmt. Mit ihr sprach Gudrun Mallwitz.

Berliner Morgenpost: Frau Kunst, noch beim Neujahresempfang Ihrer Universität Potsdam vor nicht einmal zwei Wochen haben Sie gesagt, Sie wünschten sich mehr Muße.

Sabine Kunst: Ja. (lacht) Das war ein schöner Plan.

Berliner Morgenpost: Ministerpräsident Matthias Platzeck will Sie "aus dem Flugzeug geholt" haben, als er Ihnen das Amt der Kultur- und Wissenschaftsministerin anbot. Wo waren Sie tatsächlich in diesem Moment?

Sabine Kunst: Ich war im Auto auf dem Weg nach Schönefeld. Dort wollte ich am späten Mittwochabend in die Maschine nach Kapstadt steigen. Es handelte sich um eine Reise als Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Der Ministerpräsident hat mich in dem kurzen Telefonat gebeten, nicht zu fahren. Er schilderte die Situation und fragte mich, ob ich bereit wäre, das Amt zu übernehmen. Also kehrte ich erst einmal um.

Berliner Morgenpost: Was war Ihr erster Gedanke, als er Ihnen den Ministerinnenposten anbot?

Sabine Kunst: Ich war völlig überrascht. Meine Lebensplanung war eine andere. Es war eine erstaunliche Anfrage und Wendung.

Berliner Morgenpost: Wie lange haben Sie überlegt?

Sabine Kunst: Die Zeit, die man sich nehmen muss. Einige Stunden.

Berliner Morgenpost: Immer mehr Spitzenpolitiker ziehen sich aus dem politischen Geschäft zurück. Ronald Koch in Hessen, Ole von Beust in Hamburg, jetzt auch Peter Müller im Saarland. Was reizt nun eine Universitätsprofessorin wie Sie an der Politik?

Sabine Kunst: Es ist für mich ein neues Feld, und ich bin ein Mensch, der gerne Herausforderungen annimmt. Es gibt eine immer stärkere Annäherung zwischen der Wissenschaft und der Politik. Ich bin davon überzeugt, dass gerade meine Erfahrung als Hochschulmanagerin für die Politik von Vorteil sein wird. Es geht letztendlich darum, wie unter Sachzwängen anhand von klugen Entscheidungen die maximale Förderung für die Wissenschaft und auch für die Kultur ermöglicht werden kann. Ich will nicht verhehlen, dass es mir sehr viel Spaß macht, für so ein Ziel zu arbeiten.

Berliner Morgenpost: Die Politik hat mit einem enormen Glaubwürdigkeitsverlust zu kämpfen. Was muss sich ändern, damit sie bei den Bürgern wieder auf mehr Akzeptanz trifft?

Sabine Kunst: Ich denke schon, dass die Politik neue Wege gehen muss. Der Kompromiss des Machbaren gehört besser vermittelt und der öffentliche Diskurs intensiver geführt. Seiteneinsteiger wie ich können dazu sicherlich ihren Beitrag leisten. Ihre Chance ist es, ein weites Repertoire an Wissen und Erfahrung einzubringen. In meinem Fall sind es die besonderen Kenntnisse als Hochschulmanagerin.

Berliner Morgenpost: Ihr berufliches Leben ist geprägt von vielen Kontakten im Ausland. Nun werden Sie ab Ende Februar statt in der weiten Welt vor allem im ländlichen Brandenburg unterwegs sein. Fürchten Sie diese Umstellung nicht etwas?

Sabine Kunst: Ich bin auch nach meinen vielen internationalen Erfahrungen und Reisen ins Ausland immer wieder gern nach Deutschland zurückgekehrt. Es ist ein tolles Land, und ich bin gern in Brandenburg zu Hause. Sicher werde ich einiges aus meinem bisherigen Leben vermissen. Aber ich bin bereit, das für diese neue Aufgabe als Ministerin aufzugeben. Dazu zählt auch mein Amt für den Deutschen Akademischen Austauschdienst, das ich wirklich sehr gern ausgeübt habe.

Berliner Morgenpost: Bislang haben Sie als Präsidentin der Universität Potsdam die Hochschulpolitik häufiger kritisiert. Jetzt wechseln Sie die Seiten. Wird es auch unter Ihnen die geplanten 27 Millionen Euro Kürzungen im Kultur- und Wissenschaftsbereich geben?

Sabine Kunst: Das Kabinett hat die Eckwerte für den nächsten Haushalt ja schon beschlossen. Ich werde mich dem stellen müssen. Mein Herz schlägt für Wissenschaft und Kultur. Und deshalb werde ich alles tun, um bei allen Sachzwängen kreative Lösungen zu finden. Es geht darum, die Sachzwänge zu prüfen, sie zu bewerten und das Beste für alle beteiligten Bereiche herauszuholen. Es darf dabei keine Denkverbote geben. Und die brandenburgischen Wissenschaftler und Kulturschaffenden haben schon mehr als einmal ihre Kreativität und ihre Kraft im Umgang mit schwierigen Situationen bewiesen.

Berliner Morgenpost: Was würden Sie als Erstes gern an den Universitäten ändern?

Sabine Kunst: Da fällt mir ganz viel ein. Sehr wichtig finde ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt, die Betreuung der Studierenden - gerade auch an den sehr nachgefragten Universitäten wie der Potsdamer - zu verbessern.

Berliner Morgenpost: In Brandenburg sind fast ein Drittel der Studenten aus Berlin. Umgekehrt studieren viele Märker in der Hauptstadt. Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf in der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern?

Sabine Kunst: Die Kooperation im Wissenschaftsbereich läuft sehr gut. Die Hochschullandschaft Brandenburgs ergänzt sich perfekt mit der Berlins. Aber sicherlich lässt sich auch noch vieles verbessern. Was die Studierenden angeht: Ich finde es gut, wenn sich junge Menschen den Wind ein bisschen um die Nase wehen lassen und sich gegen ein Studium vor der unmittelbaren Haustür entscheiden. Das hilft beim Erwachsenwerden und beim Sammeln wichtiger Erfahrungen.

Berliner Morgenpost: Würde eine Länderfusion Berlin-Brandenburg nicht viele Probleme lösen?

Sabine Kunst: Wie gesagt, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern läuft gut.

Berliner Morgenpost: Sie sind parteilos. Andere Seiteneinsteiger wie die frühere Wissenschaftsministerin waren das nicht lange, nachdem Sie das Ministeramt in Brandenburg angetreten hatten.

Sabine Kunst: Ich bin parteilos und ein auf die Sache konzentrierter Mensch. Ich sehe keine Veranlassung, daran etwas zu ändern.

Berliner Morgenpost: Welcher Politikstil ist von der neuen Wissenschafts- und Kulturministerin zu erwarten?

Sabine Kunst: Ich höre zu und wende dann die Dinge lange in mir hin und her. Schnellschüsse sind nicht meine Sache. Ich bin jemand, der abwägt.

Berliner Morgenpost: Ihre neue berufliche Zukunft haben Sie innerhalb von Stunden entschieden. Wie geht es Ihnen jetzt dabei?

Sabine Kunst: Ich bin überzeugt, ich habe das Richtige getan.