Fürstenwalder Projekt Alreju

Allein im fremden Deutschland

Arif kann sich noch gut daran erinnern, wie er vor gut einem Jahr auf dem Flughafen Schönefeld ankam: Hungrig, ängstlich und frierend stand der damals 16-Jährige allein in der Fremde - umringt von Bundespolizisten und anderen Amtspersonen. Der junge Afghane verstand die Sprache der Beamten nicht, fühlte sich bedrängt, wurde untersucht, misstrauisch beäugt.

Doch Arif ließ sich nicht beirren, war überzeugt, das Richtige getan zu haben: Der Krieg hatte ihm die Eltern genommen. Er wollte in der Ferne sein Glück versuchen, sich eine neue Zukunft aufbauen, später die jüngeren Geschwister nachholen.

"Ich kannte die Deutschen aus Afghanistan. Sie erzählten von ihrer Heimat, und ich wollte dorthin." Über Details seiner abenteuerlichen Flucht verliert der heute 17-Jährige kein Wort. Das Wichtigste für Arif: Er ist in Deutschland angekommen und hat im Fürstenwalder Jugendprojekt Alreju des Diakonischen Werks ein neues, zeitweiliges Zuhause gefunden. Alreju steht für "Alleinreisende Jugendliche" und betrifft minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung erwachsener Angehöriger irgendwo in Brandenburg aufgegriffen wurden. Laut Gesetz dürfen sie bis zum Erreichen der Volljährigkeit nicht einfach abgeschoben werden. Das Land Brandenburg startete 1993 ein nach wie vor deutschlandweit einmaliges Modellprojekt zur Unterbringung und Betreuung der jungen Ausländer.

Ankunft in Schönefeld

Die meisten von ihnen, sagt Alreju-Leiterin Mathilde Killisch, landen so wie Arif in Schönefeld. Ihren Angaben nach kommen seit gut einem Jahr wieder mehr Flüchtlinge nach Deutschland. "Viele von ihnen waren in Griechenland unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert. Die Organisation Pro Asyl hat das öffentlich gemacht, und die Europäische Union musste reagieren", sagt sie. Seitdem dürften die Flüchtlinge weiterreisen, kommen über den Balkan nach Westeuropa. "Vor allem Afghanen verlassen ihre kriegsgebeutelte Heimat. Das merken wir auch an der steigenden Zahl von Jugendlichen", sagt die Alreju-Chefin.

53 minderjährige Flüchtlinge aus zwölf Nationen leben unter dem Alreju-Dach. Sie haben zum Teil Muttersprachler als Betreuer. "Unsere Mitarbeiter aus dem Iran, dem Irak, aus Vietnam und Afghanistan sind als Bezugspersonen wichtig, um die Jugendlichen aus ihren seelischen Albträumen zu holen und ihre kulturell bedingten Eigenheiten zu verstehen." In den Fällen, in denen dieses Angebot nicht ausreicht, arbeitet die Fürstenwalder Einrichtung mit einer Praxis für Psychotherapie sowie mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin zusammen.

Oftmals wurden die Flüchtlinge von ihren Familien auf die Reise geschickt, um sie vor Bürgerkrieg, Armut, Prostitution oder der Rekrutierung zum Kindersoldaten zu bewahren. Andere wurden während der monatelangen Odyssee nach Deutschland von ihren Angehörigen getrennt. Dann gibt es noch Waisen, so wie Arif. Seine Mitbewohner - vor allem die eigenen Landsleute - sind für ihn zur neuen Familie geworden. Allerdings: "Deutsch ist schwer, und untereinander sprechen wir immer persisch", gibt er zu. Kontakt in die Heimat hat er kaum. "Meine Tante, bei der mein Bruder und meine Schwester leben, hat kein Telefon."

Zurück in die alte Heimat will er nur noch, um die beiden zu sich zu holen. Das geht den meisten jungen Flüchtlingen so, sagt Killisch. "Keiner von ihnen will wieder zurück, mag das Heimweh auch noch so groß sein." Im Alreju-Heim gibt es neun Plätze in der Clearingstelle für Neuankömmlinge. Dort bekommen die Minderjährigen Kleidung und Schulsachen, den ersten Deutschunterricht und werden medizinisch untersucht. Später finden die Jugendlichen Aufnahme in einer von sechs Wohngruppen mit insgesamt 35 Plätzen. Und schließlich gibt es noch vier Plätze für junge Volljährige.

Die Alreju-Schützlinge gehen in Fürstenwalder Schulen. Nach Aufbaukursen in Deutsch, Mathematik und Landeskunde werden sie in normale Klassen eingegliedert. "Es gibt einen Integrationsbeirat, der sich um die Jugendlichen aus dem arabischen Raum kümmert, gute Kooperationen mit Grund- sowie Oberschule, dem Oberstufenzentrum und der Kirchengemeinde." Anfeindungen seien seltener geworden. Arif hat Ablehnung durch Deutsche nach eigenen Angaben noch nicht kennengelernt. Er geht gern zur Schule, lieber aber spielt der 17-Jährige Volleyball.