Instrumentenbauer

240 Arbeitsstunden für eine Geige

Gerald Labitzke liebt Musik. Seit der Kindheit spielt der 27-Jährige Cello, erst an der Frankfurter Musikschule in Brandenburg, später im deutsch-polnischen Jugendorchester und heute beim Orchester der Frankfurter Musikfreunde. "Doch irgendwann musste ich einsehen, dass mein Talent nicht ausreicht, die Musik im eigentlichen Sinne zum Beruf zu machen", gibt der groß gewachsene Mann rückblickend zu.

Dann eben etwas tun, was mit Musik und Instrumenten zu tun hat, dachte sich Labitzke und wurde Geigenbauer. Ein Beruf mit Zukunft, glaubt der gebürtige Frankfurter, der heute im nördlich der Stadt gelegenen Lebus lebt. "Deutsches Handwerk wird geschätzt, gerade im Instrumentenbau, wo sich an der Herstellung seit Stradivaris Zeiten nicht viel verändert hat", ist er überzeugt. Drei Jahre lernte Labitzke an der Berufsfachschule "Vogtländischer Musikinstrumentenbau" im sächsischen Klingenthal, wo jedes Jahr nur vier bis sechs Auszubildende angenommen werden. Er war froh, dass er einen Ausbildungsplatz bekommen hatte. Anschließend arbeitete Labitzke zwei Jahre lang in einer Hamburger Geigenbauwerkstatt. Nicht nur Geigen kann Labitzke nun bauen, reparieren oder restaurieren, sondern auch Bratschen, Celli und andere Streichinstrumente.

Im vergangenen Jahr zog es den Pfarrerssohn zurück an die Oder nach Brandenburg. Auf dem Grundstück seines Onkels in Lebus hat er sich eine eigene Werkstatt eingerichtet. Der Weg in die Selbstständigkeit sei für einen Berufsanfänger nicht einfach, erzählt er. "Man muss sich erst einen Namen erarbeiten", sagt Labitzke, dem sein musikalisches Gehör im Beruf hilft. Ihm ist bewusst, dass Geigenbauer in Brandenburg nicht traditionell beheimatet sind. Doch auch hier gibt es Musikschulen, Orchester sowie Sammler und Liebhaber - laut Labitzke also einen Markt für Instrumentenbauer.

Der neue Trend

Geigespielen liegt seiner Ansicht nach im Trend - nicht zuletzt durch populäre Musiker wie David Garrett, der die Schlagzeilen bestimmt und Tausende in seine Konzerte lockt. Ein erfahrender Geigenbauer aus Potsdam wurde der Mentor von Labitzke, bei dem sich der Berufseinsteiger fachlichen Rat holt. Mehr als 10 000 Euro hat der junge Geigenbauer nach eigenen Angaben bisher in seine Ausrüstung unterschiedlicher Schleif-, Bohr- und Sägemaschinen gesteckt. Bevor er weiteres Präzisionswerkzeug anschaffen kann, muss er Geld verdienen.

Labitzke nutzt dafür seine Kontakte in der Frankfurter Musikszene, stellt sich bei Tagen der offenen Tür in Musikschulen der Region vor. "Mein Service spricht sich rum", sagt der Geigenbauer. Die meisten seiner Aufträge betreffen bisher die Restaurierung oder Reparatur von Geigen, Kontrabässen, Bratschen oder Violinen. Da müssen Stege und Wirbel ausgewechselt, Griffbretter abgehobelt und der Lack ausgebessert sowie neu poliert werden. "Es sind ja genügend alte Instrumente auf dem Markt. Und die müssen gewartet werden", erklärt er.

Die eigentliche Herausforderung ist laut Labitzke allerdings der Neubau von Instrumenten. Schon das Auswählen des richtigen Tonholzes erweist sich als eine Wissenschaft für sich. "Im Laufe der Jahrhunderte hat sich etabliert, welche Holzart für welches Teil des Streichinstruments verwendet wird, um optimalen Klang und die nötige Statik zu erreichen", erläutert der junge Geigenbauer. Für Hals, Boden und Zargen ist demnach Ringelahorn optimal, die Decke besteht idealerweise aus Fichte, und für das Griffbrett verwenden renommierte Instrumentenhersteller Edelhölzer.

Wenn das Material außerdem mindestens zehn Jahre nach dem Fällen des jeweiligen Baumes luftgetrocknet ist, steht dem richtigen Klang laut Labitzke kaum noch etwas im Wege. "Dafür gibt es spezielle Tonholz-Händler", sagt er und weist auf einen sogenannten Rohling, aus dem er gerade den Hals einer Geige schnitzt. Auch der Korpus wird aus so einem Holzblock gefertigt, mit Hohleisen und sogenannten Wölbungshobeln gewölbt. Der Lebuser Geigenbauer benutzt filigranes Werkzeug, das er sich zum Arbeiten auf den Finger steckt.

Arbeiten für einen Profi

Rund 240 Arbeitsstunden seien für den Bau eines Instruments nötig, sagt er. Anhand von Aufwand und Material lässt sich der Preis für eine neue Geige ableiten. "Los geht es bei etwa 3000 Euro. Nach oben hin ist keine Grenze gesetzt", sagt Labitzke. Er träumt davon, sein erstes Instrument für einen professionellen Musiker bauen und stimmen zu können. "Da sind die Qualitätsstandards, Kundenwünsche und Anforderungen besonders hoch", sagt der 27-Jährige.