Stadtplanung

Potsdam will preiswerten Wohnraum schaffen

Die Schlösser rund um Sanssouci, das Holländische Viertel, die Babelsberger Filmlandschaft, die Universität: Potsdam ist und bleibt ein Magnet - nicht nur für Touristen, sondern auch für Heimatsuchende. Darin sind sich Stadtverwaltung und Landesregierung einig.

Allein die Vorhersagen, wie viele Zuzügler in der Berliner Vorstadt, in Golm oder auf dem Bornstedter Feld bis 2020 einziehen werden, weichen voneinander ab. Rund 167 000 Potsdamer werde die Stadt in zehn Jahren zählen, prognostiziert Erik Wolfram vom Verwaltungsbereich Stadtentwicklung. Die Landesregierung setzt mit künftig 172 000 Potsdamern ihre Einwohnerzahl deutlich höher an.

Schüler, Lehrlinge und Berufsanfänger zwischen 16 und 26 Jahren sind diejenigen, die laut Wolfram in die Stadt drängen, gefolgt von jungen Familien zwischen 26 und 45 Jahren. Die kommen vor allem aus den alten Bundesländern. "Wir saugen nicht das Land Brandenburg aus", sagt Wolfram. Im Gegenteil: "Junge Familien verlassen Potsdam auch, suchen sich im Umland ein neues Zuhause. Um sie in der Stadt zu halten, besteht in den nächsten Jahren Handlungsbedarf."

In Potsdam zu leben kann allerdings ein teures Vergnügen sein. Günstige Wohnungen sind nur schwer zu finden. Ein Problem, das viele der 154 575 aktuell gemeldeten Potsdamer kennen. Die Nachfrage übersteigt längst das Angebot. Laut Mietspiegel 2010 muss der Potsdamer für eine mehr als 90 Quadratmeter große, teilausgestattete Altbauwohnung durchschnittlich 2,96 Euro pro Quadratmeter zahlen, bis zu acht Euro sind in einer kleinen Neubauwohnung mit modernen Energiestandards fällig. Wird saniert, schießen die Kaltmieten in die Höhe.

"Bezahlbarer Wohnraum für unterschiedliche Bedürfnisse muss her." Das ist für Wolfram ebenso wie für seinen Chef, den Baubeigeordneten Matthias Klipp (Bündnisgrüne), keine Frage. Lösungen soll das Stadtentwicklungskonzept aufzeigen. Den zweiten Bericht dazu hat Klipp jetzt vorgelegt. Danach soll es mit Blick auf die nächsten Jahre ausreichende Baulandreserven in Potsdam geben.

Planungsrecht für 4500 Wohnungen

Im Fokus stehen das Bornstedter Feld, die Potsdamer Mitte, der Bereich um den Hauptbahnhof, die Speicherstadt, der Brauhausberg, das Areal am ehemaligen Straßenbahndepot in der Heinrich-Mann-Allee sowie der Ortsteil Eiche. Für 4500 Wohnungen werde derzeit Planungsrecht geschaffen. Die Verwaltung bearbeite die entsprechenden Bebauungspläne mit "höchster Priorität", sagt Wolfram. Der Geschosswohnungsbau stehe besonders hoch im Kurs. Einfamilien- und Reihenhäuser liegen - anders als in der jüngsten Vergangenheit - nicht mehr im Trend.

Dabei ist das Gebiet in der Nähe des Hauptbahnhofs in den Augen der Stadtverwaltung besonders attraktiv. Dort zu wohnen bedeute, zentral und verkehrsgünstig angebunden zu sein, eine hohe Lebensqualität zu genießen, und für die Stadt geringere Erschließungskosten, sagt Baubeigeordneter Klipp. Rund um den Bahnhof könnten daher in den kommenden Jahren bis zu 3000 Wohnungen entstehen. "300 Wohnungen sind bereits in der Babelsberger Straße genehmigt", sagt Verwaltungsmann Wolfram. "Am Voltaireweg sind außerdem 120 Wohnungen geplant, 120 Wohnungen können beim Projekt 'Havelwelle' in der Zeppelinstraße entstehen." 750 Wohnungen, in denen Studenten und Senioren gleichermaßen unterkommen sollen, wolle die Firma Semmelhaack in der ehemaligen Kaserne Eiche realisieren.

Längst mischen auch die Genossenschaften wieder aktiv auf dem Wohnungsmarkt mit. Die mit rund 6600 Wohnungen größte in Potsdam, die Genossenschaft "Karl Marx", baut wieder neu: Im Oktober feierten ihre Mitglieder Richtfest für 70 Wohnungen in der Waldstadt II. Weitere 130 könnten noch einmal am Jagenstein entstehen. 75 Prozent ihres Bestandes hat die "Karl Marx" bislang saniert. Doch schon jetzt ist die Liste derjenigen lang, die eine der vorhandenen Wohnungen beziehen möchten. "Die Nachfrage nach allen Wohnungstypen ist groß", so Wolfram.

Zu wenige Ein- und Zweizimmerwohnungen und knappe Wohnheimplätze machen auch Potsdams Studenten die Suche nach einer Bleibe nicht leicht. Nach Angaben des Studentenwerks leben von den mehr als 23 000 Potsdamer Studierenden nur knapp 5300 in der Landeshauptstadt. Dass Berlin locke, sei nicht nur dem Kulturangebot und dem Nachtleben der Metropole zuzuschreiben. Auch die niedrigen Berliner Mieten spielten bei der Wohnortwahl für Studierende eine Rolle.

Vorhaben wie das Projekt "Green Dorms" auf dem Bornstedter Feld sollen die Lage entspannen. Bis 2012 will der private Träger Green Dorms Potsdam 385 kleine Wohnungen direkt am Campus bauen. "Um die Wohnsituation für Studierende zu verbessern, sind noch weitere Projekte in Planung", sagt Klipp. Deutlich mehr Wohnungen als ursprünglich geschätzt könnten also Am Schragen entstehen. "Statt der angenommenen 700 werden es wohl allein in diesem Baufeld über 1000 sein", sagt der Baubeigeordnete. Das Studentenwohnheim in Golm mit 200 Plätzen sei zudem fast fertig.

Von der Idee, preiswerten Wohnraum zu schaffen, indem die öffentliche Hand in den kommunalen Neubau investiert, hält Klipp nichts. "Wir können im Bestand mit dem gleichen Geld viel größere Effekte erzielen." Stattdessen will die Verwaltung neue Wege bei mietpreis- und belegungsgebundenen Wohnungen gehen. Gemeinsam mit der städtischen Wohnungsgesellschaft Pro Potsdam soll ab Januar 2011 ein bundesweit einmaliges Förderprogramm starten. Das Modellprojekt, das bedürftige Familien unterstützen soll, ist vorerst auf zwei Jahre ausgelegt.

Dabei soll mit Mitteln aus einem "Fonds für flexible Bindungen" die Differenz zur üblichen Hartz-IV-Miete von 5,50 Euro getragen werden. "Kostet eine Wohnung beispielsweise 6,25 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete, wird die Differenz von 0,75 Euro zu 5,50 Euro, die die Kommune in Potsdam für Hartz-IV-Empfänger übernimmt, beglichen. Bei einer Wohnung von 75 Quadratmetern wäre das ein jährlicher Zuschuss von 675 Euro", sagt Erik Wolfram. Die Pro Potsdam werde in den nächsten zwei Jahren den Fonds finanziell bestücken. Mit einem Paket kleinerer Fördermodelle werde die Pro Potsdam ins neue Jahr gehen, kündigt Geschäftsführer Jörn-Michael Westphal an: "Ab 1. Januar müssen Neumieter für ein Kinderzimmer zwei Jahre lang keine Miete bezahlen. Das bedeutet 50 Euro Mietnachlass pro Kind." Mieter, die aus einer größeren in eine kleinere Wohnung ziehen wollen, werden ebenfalls unterstützt.