Pilze

Hochgiftige Verwechslungsgefahr

Den sieben Brandenburgern, die vergangene Woche wegen schwerer Pilzvergiftungen in die Berliner Charité eingeliefert worden sind, geht es wieder deutlich besser. Charité-Sprecherin Claudia Peter sagte der Berliner Morgenpost gestern, alle Patienten seien wieder ansprechbar.

"Klinisch gesehen geht es ihnen gut. Sie leiden nicht mehr unter den Vergiftungssymptomen wie Durchfall und Erbrechen." Die vier Frauen und drei Männer im Alter von 21 bis 87 Jahren hatten versehentlich giftige Knollenblätterpilze verzehrt, die den essbaren Wiesenchampignons ähneln.

Sechs der Betroffenen hatten die Giftpilze in Wäldern bei Oranienburg (Oberhavel), Frankfurt (Oder) und im Spreewald gefunden. Eine 60-jährige Frau hatte sie von ihrer Nachbarin geschenkt bekommen. Laut Peter hat wohl keines der Opfer, wie anfangs befürchtet, einen hochgiftigen Grünen Knollenblätterpilz gegessen. "Dessen Gift fängt nach etwa zwölf Stunden an zu wirken und führt nach drei bis vier Tagen zu irreparablen Leberschäden", so die Charité-Sprecherin. "Da kann nur noch eine Lebertransplantation helfen, sonst droht der sichere Tod."

Bei den sieben Patienten normalisierten sich die zunächst erhöhten Leberwerte aber wieder, sagte Peter. "Wir können noch keine völlige Entwarnung geben, aber es sieht gut aus." So seien vier der Patienten von der Intensivstation zur normalen stationären Behandlung verlegt worden. Von den drei anderen werde besonders die älteste Betroffene, eine 87-jährige Frau, intensiv beobachtet. Alle sieben Vergiftungsopfer könnten, so die Prognose der Ärzte, Ende dieser Woche entlassen werden.

"Dass so viele Menschen auf einmal wegen Pilzvergiftungen behandelt werden, ist außergewöhnlich", sagte Peter. Sie verwies auf den Giftnotruf Berlin, Tel. 030-192 40. Menschen in Berlin und Brandenburg, die sich nach dem Verzehr von Pilzgerichten unwohl fühlen, bekommen dort rund um die Uhr Hilfe. Die Charité-Sprecherin appellierte erneut an alle Sammler, unbekannte Pilze im Zweifelsfall nicht mitzunehmen - oder Experten um Rat zu fragen. So wie Heinz Werner, Pilzsachverständiger der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. "Man muss schon ein geübtes Auge haben, um die Unterschiede zwischen Knollenblätterpilzen und Champignons erkennen zu können", sagte der 76-jährige Berliner. Besonders ähnlich sähen sich dabei der Wiesenchampignon und der Weiße Knollenblätterpilz.

Pilzesammlern empfiehlt Werner, auf drei Unterschiede zwischen Knollenblätterpilzen und Champignons zu achten. "Bei jungen Champignons sind die Lamellen, also die sporenhaltigen Blätter unterhalb des Huts, rosafarben, später werden sie dunkelbraun", so Werner. Bei Knollenblätterpilzen seien die Lamellen dagegen weiß. Das zweite Unterscheidungsmerkmal ist laut Werner der Übergang von der Knolle, in der ein Pilz Nährstoffe speichert, zum Stiel. "Der Knollenblätterpilz hat oberhalb der Knolle eine gut sichtbare, vom Stiel abgesetzte Tasche." Dagegen erinnere der Übergang von Knolle zu Stiel beim Champignon an eine Lauchzwiebel: Er sei weiter unten verdickt und werde nach oben schmaler.

Drittens empfiehlt Werner Sammlern, vor dem Pflücken an den Pilzen riechen. "Sowohl der Grüne als auch der Weiße Knollenblätterpilz verströmen ein süßlich-nussartiges Aroma", so Werner. "Der Geruch von Wiesenchampignons erinnert dagegen leicht an frisch gesägtes Holz."

Pilzsammler, die sich in der Praxis Expertenwissen aneignen wollen, können sich an Dieter Honstraß wenden. Der Pilzsachverständige betreibt den "Pilzfreundetreff" ( www.pilzschule.de ) - eine Schule, die den Teilnehmern beibringt, wie sie zwischen Speise- und Giftpilzen unterscheiden können. Honstraß bietet die einwöchigen Intensivseminare unter anderem vier Mal pro Jahr im Berliner Grunewald an. "Dabei gehen wir in den Wald und machen Praxisübungen", sagte Honstraß. So lernten die Teilnehmer die wichtigsten Speise- und Giftpilze kennen - wenn auch nicht alle: "Die Artenvielfalt ist enorm. Allein in Berlin und Brandenburg gibt es mehr als 2500 Pilzarten", so Honstraß. "Daher ist es wichtig, dass man stets im Hinterkopf behält, dass etwa 200 davon giftig sind."