Angela, die Ausnahmeschülerin

Templin - Templin liegt hoch im Landesnorden und tief in der Provinz. Autobahnen und Bundesstraßen machen einen weiten Bogen um den uckermärkischen Kurort. Abgeschieden lebt man hier, beschaulich. Seit einer Woche aber kommt die Kleinstadt nicht zur Ruhe. Fernsehteams durchstreifen sie und interviewen Einwohner; die Sekretärin des Bürgermeisters blockt Gesprächswünsche von Reportern mit dem Chef am liebsten ab ("er muß doch auch noch seine normale Arbeit machen"), und beim Ehemaligentreffen des Gymnasiums ist die Frau, um die sich in diesen Tagen alles dreht, Thema Nummer eins: Angela Merkel, CDU-Vorsitzende und - es gilt als ausgemacht - von heute an offiziell Kanzlerkandidatin der Union. Vor 50 Jahren in Hamburg geboren hat sie als Angela Kasner von 1954 bis 1973 in der damaligen Kreisstadt gelebt, bevor sie zum Studium nach Berlin ging. Heute noch kommt die Politikerin gern zurück, wenn auch seltener, auf ihr Wochenendgrundstück im Ortsteil Hohenwalde. Auch zu offiziellen Terminen zieht es sie in die Heimat, zur Eröffnung der Kurtherme im Jahr 2002 beispielsweise oder im vergangenen Bundestagswahlkampf für den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber.

Irgendwie sind alle in Templin ein wenig stolz auf Angela Merkel. Hans-Ulrich Beeskow zum Beispiel, ihr ehemaliger Mathematiklehrer. "Angela war immer sehr konsequent, analytisch und zielgerichtet", sagt der Pensionär, der die begabte Schülerin in der 7. und 8. Klasse unterrichtete. Er würde sich auch an sie erinnern, wenn sie heute nicht Spitzenpolitikerin wäre: "Sie war eine Ausnahmeschülerin, nicht nur sehr begabt in Mathematik, sondern auch in Russisch." Naturwissenschaftliche und sprachliche Begabung gingen doch nur in sehr seltenen Fällen einher. In beiden Fächern nahm Angela Kasner an "Olympiaden" teil, brachte es in Mathe bis zum DDR-Ausscheid, in Russisch gar zum internationalen Vergleich in Moskau.

"Es hätte auch sein können", sagt Beeskow, "daß sie sich als Tochter eines Pfarrers in eine Nische zurückzieht." Das war aber nicht der Fall. "Sie hat alles, was üblich war, mitgemacht", erzählt der Pädagoge. Er sieht darin eine Stärke ihres Elternhauses, das es den Kindern ermöglicht hat, im Konsens auch mit dem politischen Umfeld zu leben. So war "Kasi", wie sie von ihren Mitschülern genannt wurde, ganz selbstverständlich in der FDJ, wo sie es bis zur Sekretärin brachte. Über die steile politische Karriere, die in der Wendezeit begann, war Beeskow, selbst CDU-Stadtverordneter, denn doch sehr überrascht. "Sie hat sich eingebracht, als man spürte, daß man die DDR verändern kann", sagt er.

Während sich Angela Merkel während der Wende in der Bewegung "Demokratischer Aufbruch" um Rainer Eppelmann und Wolfgang Schnur engagierte, trat ihre Mutter Herlind Kasner in die damalige SDP um Steffen Reiche und Markus Meckel ein; für die Sozialdemokraten war Herlind Kasner Vorsitzende des Kreistages Templin und später Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, "am engagiertesten und immer am besten vorbereitete ", sagt der Templiner Bürgermeister Ulrich Schoeneich heute. Wie es heißt, würde sie am liebsten aus der Partei austreten, fürchte jedoch den Rummel, der entstünde, wenn die Mutter der CDU-Kanzlerkandidatin mit der SPD bräche.

Schoeneich, selbst ehemaliger SPD-Mann, findet es als Bürgermeister "eine tolle Sache", daß ein wenig Glanz der Merkelschen Bewerbung um das Kanzleramt auf ihre und seine Heimatstadt fällt. "Eine bessere Werbung können wir uns gar nicht vorstellen."

Die Person Angela Merkel sieht er etwas anders: "Man mußte in der DDR nicht FDJ-Sekretärin werden, wenn man das nicht wollte." Ein Pfarrer, der weiß, daß die SED den Atheismus predigt, lasse seine Tochter nicht zur FDJ, während seine Frau, eine Lehrerin, mit Berufsverbot belegt war. "Das war vielleicht nicht hundertprozentig ehrlich", sagt Schoeneich, der keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Pfarrersfrau macht und über deren Tochter sagt: "Sie kommt eher nach ihrem Vater." Viele, die mit Angela Kasner vor mehr als 30 Jahren zur Schule gingen, sind im Laufe der Zeit fortgezogen. Harald Löschke, heute der Polizeichef von Templin, und Bodo Ihrke, heute Landrat des Kreises Uckermark, sind dageblieben, auch Manfred Zülow. Er war mit "Kasi" im Kreisklub junger Mathematiker. Heute betreibt er ein kleines Softwareunternehmen mit zehn Mitarbeitern. "Angela war einfach unglaublich gut", sagt er, "sie kann klar und logisch denken - und dabei ein total nettes, ganz normales Mädchen."

Daß eine Physikerin und promovierte Naturwissenschaftlerin jetzt nach dem höchsten Regierungsamt in Deutschland greift, findet Zülow gut. "Das unterscheidet sie doch von den meisten unserer Politiker, die Anwälte oder Lehrer sind."