Archäologen am Potsdamer Alten Markt

Germanen siedelten am Stadtschloss

Glückstreffer für die Archäologen am Alten Markt in Potsdam: Sie entdeckten unerwartet Reste einer germanischen Siedlung unterhalb der einstigen Schlossfundamente. Doch nicht nur hierbei waren die Experten erfolgreich.

- Trotz frostbedingter Zwangspausen im vergangenen Winter werden sie voraussichtlich dennoch pünktlich zum Jahresende ihre Grabungen abschließen. Sie machen Platz für den Bau des rekonstruierten Potsdamer Stadtschlosses, künftig neuer Sitz des brandenburgischen Landtags. Gestern zogen die Archäologen vor den Augen von Brandenburgs Finanzminister Rainer Speer, Landtagspräsident Gunter Fritsch und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (alle SPD) eine erste Bilanz. Von den insgesamt etwa 14 000 Quadratmetern Grabungsfläche haben die 20 Forscher bereits 75 Prozent mit Bagger und Pinsel "aufgedeckt", wie es in der Fachsprache heißt. 3200 Quadratmeter werden unterhalb des künftigen Landtagsbaus dauerhaft erhalten, zum Beispiel als konservierte Fundamentreste innerhalb des geplanten Parkhauses. Wie und auf welche Weise diese Reste vom Kern des einstigen Schlosses - etwa hinter Glas - öffentlich besichtigt werden können, ist noch unklar. "Die Experten sollen ein schlüssiges Konzept vorlegen", sagte Finanzminister Speer als Bauherr.

Die Archäologen dokumentierten mittels einer speziellen Fotoerfassung seit ihrem Arbeitsbeginn im September 2006 tausende von Einzelfunden wie Tonscherben oder Schmuck, dazu etwa 5800 "Befunde". Hinter dem nüchternen Wort stecken Baureste wie der Kalksteinfußboden des Weinkellers von Friedrich Wilhelm I..

"Besonders bemerkenswert ist das germanische Bauerngehöft aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, das wir als Teil einer ganzen Siedlung nachweisen konnten. Das die Besiedlung zu dieser Zeit hier so stark war, ist uns vorher nicht bekannt gewesen", freute sich Grabungsleiter Jonas Beran. Mitten im Jubiläumsjahr der Varusschlacht sei der Fund aus dieser Epoche besonders erfreulich. Bislang waren solche Germanendörfer nur aus dem Havelland bekannt.

Doch die frühesten Funde stammen etwa aus der Altsteinzeit um 12 000 vor Christus. Es sind Pfeilspitzen aus Feuerstein. "Diese Fläche war in der ausgehenden Eiszeit eine Tundra, wo Rentiere lebten. Jäger haben die Spitzen wohl verloren", sagte Grabungsleiter Beran.

In der Jungsteinzeit wurden hier erste Menschen sesshaft. Reste einer Burganlage um 4000 vor Christus haben Beran und seine Kollegen kartiert, dazu die Spuren einer nur 1000 Jahre jüngeren Doppelpalisade aus Holz. Erdverfärbungen hatten die einstige Lage verraten.

Gefunden hat der Grabungstrupp auch Einzelgräber und einen kompletten Friedhof, angelegt etwa 5000 vor Christus. "In zwei Gräbern haben wir Bernsteinschmuck entdeckt, in anderen Gefäße und Feuerstein-Werkzeuge", sagt Beran.

Doch auch Fundstücke der frühen Neuzeit haben die Archäologen geborgen. Darunter Glasscherben von königlichen Gefäßen mit dem Monogram FR für "Fridericus Rex", eine grünglasierte Ofenkachel mit Kreuzigungsszene und ein Tontopf mit Brezel-Motiv.

Was das Stadtschloss betrifft, so belegt die Lagekarte eine nahezu chaotisch anmutende, chronische Umbaufreude der Vorväter. Viele Anbauten bildeten ein Geflecht von Elementen aus vielen Epochen.

Was Anfang des 16. Jahrhunderts mit einer sogenannten Renaissance-Burg des Kurfürsten Joachim I. begann, wurde ab 1662 im barocken Stil "aufgehübscht". In den folgenden 20 Jahren dehnte sich das Ensemble auf seine spätere Größe nach Norden aus. Alle Hausherren waren auch Bauherren und ließen immer wieder mauern.

Der"Alte Fritz" konnte das preußische "Patchwork-Schloss" dann wohl nicht mehr sehen. Er gab 1745 das Signal zur aufwendigen Neugestaltung aller Fassaden und Dächer. Dieses Schloss war es auch, welches, vom Zweiten Weltkrieg schwer ramponiert, von den SED-Machthabern 1959/60 ohne Not komplett beseitigt wurde. Landesarchäologe Franz Schopper erinnerte daran, dass der Alte Markt trotz Schlossbebauung ein bürgerlicher Ort sei. Im 12. Jahrhundert war es die planmäßig angelegte Kleinstadt Potsdam, deren Häuser erst vier Jahrhunderte später den Schlossanlagen zum Opfer fielen. "Hier wurde zuerst normal gesiedelt. Erst später hat der Adel das Gelände zunehmend für sich beansprucht. Und jetzt holt es sich die Bürgerschaft als Bauplatz der Demokratie zurück", so Schopper.

Jetzt sind in der Baugrube neben alten Fußböden und Mauerresten vor allem Sandhügel zu sehen. Denn bereits Ausgegrabenes wurde zum Schutz vorläufig wieder zugeschüttet.

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