Verkehrsplanung

Potsdam erhält Radrouten-Netz

In Potsdam sollen künftig mindestens 27 Prozent aller Verkehrsteilnehmer Radfahrer sein. Bis 2012 will die Stadt dieses Ziel erreicht haben. Vorbild sind die Niederlande. Im traditionellen Fahrradland sind 27 Prozent Radfahreranteil der bereits erreichte nationale Durchschnittswert.

"Für uns ist das ein ehrgeiziges aber durchaus realistisches Vorhaben", sagt Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Bislang kommt die Stadt auf einen Anteil von 20 Prozent. Zum Vergleich: Im Land Brandenburg bilden die Radfahrer durchschnittlich 16 Prozent des Verkehrsaufkommens, im Bund sind es nur neun Prozent.

Künftig sollen jährlich etwa fünf Euro pro Bürger der 151 000-Einwohnerstadt im Haushalt zurückgelegt werden, unter anderem, um Radwege auszubauen und die Ausschilderung zu verbessern. Insgesamt soll das Fahrrad als gesundes und umweltfreundliches Verkehrsmittel, nicht allein für Touristen, sondern für den Alltagsgebrauch populärer werden. "Unser Ansatz war die Frage: Was hält die Menschen eigentlich noch davon ab, mit dem Fahrrad zu fahren?", sagt Stadtplanungschef Andreas Goetzmann.

Klar ist, es fehlt an deutlich erkennbaren, die Stadt überspannenden Verbindungsrouten. Zusätzlich muss einiges für die Sicherheit der Radfahrer getan werden. Eines der Hauptziele des mehrjährigen Aufbauprojekts "FahrRad in Potsdam" ist demnach der Bau eines klar ersichtlichen Radrouten-Netzes. In den nächsten Jahren will die Verwaltung je drei "radial" beziehungsweise "tangential" durch das Stadtgebiet verlaufende Routen ausbauen und markieren. Sie genießen "Priorität". Später sollen weitere Verbindungsachsen dazu kommen.

Radeln am Jungfernsee

Die Verhandlungen der Verwaltung mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) kommen voran. So soll der Uferweg am Jungfernsee für Radfahrer ausgebaut werden. Beide Seiten vereinbarten zudem, die für Radfahrer durch massiven Autoverkehr gefährliche Strecke entlang des Neuen Gartens provisorisch auf Stiftungsgelände umzulenken. In der zweiten Jahreshälfte soll der Bauauftrag erfolgen, 2010 der neue, sichere Weg fertig sein.

Im Haushalt 2009 sind deutlich mehr Finanzmittel reserviert für eine bessere Radfahr-Infrastruktur. In diesem Jahr wird die Grenze zur Million knapp überschritten. Gut 600 000 Euro hatte die Verwaltung bereits für radverkehrsrelevante Vorhaben eingeplant, weitere 385 000 Euro sattelte sie im Sinne des neuen Konzepts darauf. Künftig sollen jährlich 750 000 Euro fürs Radwegekonzept zur Verfügung stehen. Doch nicht überall werden sofort die Bagger rollen, um fehlende Radwege zu ergänzen. Zunächst will die Verwaltung bis 2010 mit einem Paket von mehr als 200 kleineren Sofortmaßnahmen die Verkehrssicherheit und den Fahrkomfort die Radfahrer erhöhen. Hindernisse wie ungünstig gesetzte Sperrpoller oder Schilderpfähle sollen fallen, zusätzliche Fahrspuren durch Markierungen abgeteilt werden.

Daneben warten auf die Verkehrsplaner ungelöste Aufgaben, die mehr Geld und Zeit erfordern. Geplant ist die Montage von bis zu einem Meter langen, weiß-grünen Richtungsschildern. Sie werden mit Pfeilen, Kilometerangaben und Piktogrammen ausgestattet. So wie das im Rest des Landes und in Berlin bereits Standard ist. Dazu kommen touristische Hinweistafeln mit Sehenswürdigkeiten und internationalen Routenbezeichnungen. Der Radfahrer soll, wie der Autofahrer, das gleiche Recht auf unmissverständliche Wegweiser haben. "Außerdem wird Autofahrern dadurch deutlicher, dass sie ihr Ziel genauso gut mit dem Fahrrad ansteuern können", sagt Axel Dörrie, der städtische Projektleiter für den Ausbau des Fahrradverkehrs. Unterstützung erhält die Stadt auch vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC): "Die heute beginnende Fahrradaktionswoche ist ein wichtiger Baustein bei den gemeinsamen Anstrengungen mit der Stadtverwaltung auf dem Weg zu einem fahrradfreundlichen Klima", sagt ADFC-Vertreter Georg Michaelis.

Andere Projekte sind noch Zukunftsmusik. Zum Beispiel ein größeres Fahrradparkhaus in der Nähe des Hauptbahnhofes - Fahrradwerkstatt und Ersatzteilhandel inklusive. Bislang gibt es aber nur Hoffnung auf eine vom Land kofinanzierte Machbarkeitsstudie. "Wir haben einen Traum. Aber wir träumen stufenweise", sagt Stadtplaner Goetzmann.

Unklar ist auch, wie das extrem holprige, aber durch Beschlüsse geschützte Kopfsteinpflaster in der Stadt als "Radfahrer-Schreck" neutralisiert werden kann. Die Grünen in der Stadtverordneten-Versammlung haben vorgeschlagen, ins Pflaster integrierte geglättete Wege zu bauen. Derzeit grübeln die Experten der Stadt über Lösungswege.

Dass die Verwaltung die Offensive startet, hat auch mit der Umweltdebatte zu tun. Der Feinstaubanteil in Potsdam muss dringend reduziert werden, um den sich schrittweise verschärfenden EU-Auflagen gerecht zu werden. Mehr Fahrradverkehr kann dabei helfen. Es entsteht weniger Reifenabrieb, Abgase gibt es gar keine. Ein angenehmer Nebeneffekt: Auch die Lärmbelastung für die Einwohner sinkt.

Im Vergleich zu den übrigen kreisfreien Städten Brandenburgs liegt Potsdam beim Thema Radkonzept im Rückstand. Frankfurt (Oder) etwa hat bereits seit 1998 ein vollwertiges Fahrrad-Verkehrskonzept. 2006 schrieb die Frankfurter Verwaltung das Konzept fort. "Allein in diesem Jahr investieren wir in den Radverkehr 1,5 Millionen Euro inklusive Fördermittel", sagt Stadtentwicklungsleiter Wilfried Redlich. Von 2010 bis 2012 sollen insgesamt weitere gut drei Millionen Euro für den Radverkehr aufgebracht werden.

Auch Cottbus verfügt über ein detailliertes Radverkehrskonzept, die Verwaltung sieht die Stadt bereits jetzt als führend bei der Nutzung des Fahrrades. Derzeit steht das Thema jedoch im Schatten eines Streites um das Gesamtverkehrskonzept für die Stadt Cottbus.