"Reichsautobahn"

Auf den Spuren einer Bauruine

Mit respektvollem Blick berührt Torsten Kahlbaum den imposanten Brückenpfeiler, der hoch und breit vor ihm aufragt. Der Betonkoloss wirkt weitaus verwitterter als ein angrenzendes, augenscheinlich neu gebautes Stück, aber solider.

- Kein Wunder, steht er doch seit fast sieben Jahrzehnten nahezu unbeschädigt und ungenutzt in der Landschaft.

Dieser besonderen Hinterlassenschaft des Dritten Reiches östlich der Oder, hinter der Autobahn Frankfurt (O.)-Poznan (Posen) gilt die Aufmerksamkeit einer ganzen Reisegruppe, zu der auch der Berliner Kahlbaum und seine Ehefrau Bärbel gehören.

Eigentlich sollten die historischen Brückenpfeiler die verlängerte "Reichsautobahn" stützen. Doch die wurde nie gebaut. Stattdessen errichteten die polnischen Behörden nach 1945 eine lediglich zweispurige und damit viel schmalere Straße - die alten Brückenpfeiler ragen teilweise ungenutzt in die Luft. "Faszinierend sind sie trotzdem - auch weil ihre Geschichte so unbekannt ist", sagt Kahlbaum. Einer, der sich darin sehr gut auskennt, ist Reiseleiter Matthias Diefenbach. Der Absolvent der Europa-Universität Viadrina hat seine Bachelor-Arbeit über die Historie entlang der alten "Reichsautobahn"-Trasse geschrieben und sie nun zum Gegenstand einer "HeimatReise" ins binationale Grenzgebiet gemacht.

Geschichten über die Bauarbeiten

"HeimatReise" nennt sich auch die deutsch-polnische Reiseagentur, die einst aus einer Studenteninitiative entstand. Auf der Autobahntour gibt es außer den Brückenpfeilern nicht viel Spektakuläres zu sehen - was der 40 Jahre alte Kulturwissenschaftler allerdings bei seinen Recherchen herausgefunden hat, ist um so spannender: Juden aus dem Getto von Lodz wurden als Zwangsarbeiter für die "Reichsautobahn" eingesetzt. Denn gebaut wurde durchaus lange Zeit an der Trasse, wie Brückenpfeiler, noch heute erkennbare Berge zurückgeschobenen Mutterbodens oder auch historische Dokumente belegen. Planungen zur Fortsetzung der "Reichsautobahn" gab es bereits 1937. Begonnen wurde mit den Bauarbeiten jedoch erst 1939. Bis nach Minsk sollte sie führen.

Als billige Arbeitskräfte sollten zunächst polnische Kriegsgefangene dienen. "Die wurden allerdings für die deutsche Ernte gebraucht, denn die war im Krieg wichtiger als ein Autobahnbau", erzählt Reiseführer Diefenbach. Entlang der Trasse, in unmittelbarer Baustellennähe, entstanden zwischen Frankfurt und Posen mehr als 16 Arbeitslager. 1942 wurden die Arbeiten wieder eingestellt - Kräfte und Material wurden für den Krieg gebraucht.

Aufgrund der großen Resonanz begibt sich Diefenbach am morgigen Sonntag noch einmal auf Spurensuche "Entlang der Reichsautobahntrasse". Anmeldungen im Internet unter www.heimatreise.eu oder unter Tel. 0335/2802358.