Urteil

Mysteriöser Tod eines Studenten bleibt ungesühnt

Im Oktober 2005 war die Leiche eines 19 Jahre alten Studenten aus Berlin in einem Wald bei Zerpenschleuse (Barnim) entdeckt worden. Sie war bereits verwest. Mehr als vier Jahre später endet der Mordprozess in diesem Fall mit einem Freispruch und einer Geldstrafe.

"Schuld ist die Katze", sagt ein Prozessbeobachter sarkastisch, nachdem vom Schwurgericht Frankfurt (O.) das Urteil verkündet worden ist: Freispruch für Klaus K. Dem 44-Jährigen war vorgeworfen worden, den Tod eines 19-Jährigen versursacht zu haben. Die Kammer verurteilte den Angeklagten stattdessen wegen unerlaubten Erwerbs und Veräußerung von Betäubungsmitteln zu 900 Euro Geldstrafe.

Der Beobachter ist ein Angehöriger des Toten. Er ist enttäuscht, ratlos. "Ich bin sicher", sagt er, "dass hier ein Schuldiger freigesprochen wurde." Mit dem Urteil, das am Donnerstag rechtskräftig wurde, kam die Kammer im Schuldspruch zu dem gleichen Ergebnis wie eine andere Kammer des Landgerichts Ende 2007.

Begonnen hatte das umstrittene Verfahren Anfang Oktober 2005, nachdem in einem Waldstück unweit von Zerpenschleuse im Landkreis Barnim die stark verweste Leiche des aus Berlin stammenden Studenten Julius P. gefunden wurde. Die Obduktion gab keine genauen Hinweise auf die Todesursache.

Ketten und andere Utensilien für sadistisch-masochistische Spiele

Die Polizei stieß bei ihren Ermittlungen auf einen Kellner einer Berliner Szene-Bar. Klaus K. hatte mit dem Studenten unmittelbar vor dessen Tod sechs Mal telefoniert. Und es gab weitere Indizien: Zeugen berichteten, dass der homosexuelle K. auf den heterosexuellen Julius P. "scharf gewesen" sei. "Den kriege ich schon in mein Bett", soll K. gesagt haben. Zudem wurden in dessen Wohnung in Prenzlauer Berg Handfesseln, Ketten und andere Utensilien für sadistisch-masochistische Spiele gefunden. Letzte Zweifel waren beseitigt, als Leichensuchhunde in der Wohnung die Fährte des toten Julius aufnahmen.

Klaus K. wurde verhaftet. Seinen Schilderungen zufolge hatten er und Julius P. sich nur flüchtig gekannt. Am 25. September 2005 sei der Student zu ihm gekommen, um bei ihm Marihuana gegen die Party-Droge GHB einzutauschen. Anschließend hätten sie Bier getrunken, Marihuana geraucht und seien eingeschlafen.

Als er Stunden später aufgewacht sei, so K., habe P. leblos auf der Couch gelegen. Er habe ihn geschüttelt, zur Badewanne geschleppt, ihn kalt abgeduscht. Als im klar wurde, dass der junge Mann tot war, sei er panisch geworden, habe blaue Plastiksäcke und Klebeband gekauft, die Leiche verpackt und sie mit einem geliehenen Transporter in den Wald bei Zerpenschleuse gebracht.

Am 30. Juni 2006 erhob die Staatsanwaltschaft des Landgerichts Frankfurt (O.) Anklage wegen Mordes; K. soll seinem Gast sogenannte K.-o.-Tropfen verabreicht haben, um ihn gefügig zu machen. Anschließend habe K. ihn aus seiner sexuellen Erregung heraus vermutlich zu Tode gewürgt.

Wieder vergingen Monate, wieder ging alles vor vorn los

Zwei Monate später erklärte sich die 2. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt (O.) für "örtlich nicht zuständig". Da sich der vermutete Tatort in Berlin befinde, müsse dort verhandelt werden. Das Brandenburgische Oberlandesgericht (OLG) wies das zurück. So wanderten die Akten erneut in das Frankfurter Justizzentrum. Dort wurde von der 2. Strafkammer erneut die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt. Diesmal nicht aus Gründen der Zuständigkeit, sondern weil dem Angeklagten nach dem Ergebnis der Ermittlungen weder ein Mord noch eine Körperverletzung angelastet werden könne. Die Kammer reduzierte den Vorwurf auf einen "Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz" und verwies den Fall an das Amtsgericht Eberswalde.

Der Haftbefehl wurde aufgehoben. Wieder folgte eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft beim OLG. Erneut wurde der Fall an das Landgericht verwiesen. Versehen mit der Einschätzung: "Es besteht ein hinreichender Tatverdacht für einen versuchten Mord durch Unterlassen." Was bedeutete: Die Richter hielten es für wahrscheinlich, dass Klaus K. sah, dass Julius P. stirbt, aber keine Hilfe holte, weil seine Drogengeschäfte nicht auffliegen sollten. Am 21. November 2007 begann schließlich der Prozess gegen K. Er endete 14 Tage später mit einem Freispruch. Verurteilt wurde K. lediglich wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Dafür bekam er eine Geldstrafe. Die Staatsanwaltschaft und die Mutter von Julius P. gingen gegen dieses Urteil in Revision. Tatsächlich hob der Bundesgerichtshof am 18. September 2008 das Urteil in allen Punkten auf.

Zeugenaussagen werden mit der Zeit immer verschwommener

Wieder vergingen Monate. Wieder ging alles vor vorn los. Diesmal vor einem anderen Schwurgericht, das den Fall sehr genau prüfte. Doch seit Auffinden der Leiche sind Jahre vergangen. Zeugenaussagen werden mit der Zeit immer verschwommener. Und die Beweislage ist in diesem Verfahren ja ohnehin von Anfang an sehr dünn.

So kommt auch das zweite Schwurgericht am Ende zu einem Freispruch. Es sei vielen Fragen offen geblieben, resümiert der Vorsitzende Richter. "Warum hatte der Angeklagte nicht einfach zum Telefon gegriffen und die Rettung alarmiert, als er seinen Gast reglos auf der Couch liegen sah?" fragt er rhetorisch. "Und warum hat er die Wohnung gereinigt, konspirativ ein Auto besorgt, die Leiche mit Plastikfolien verklebt und im Wald abgelegt?" Es spreche vieles dafür, dass es Sexualkontakte gegeben und Klaus K. seinen Gast dafür mit Drogen betäubt habe. Letztlich habe sich das aber nicht beweisen lassen. Und auch die Todesursache sei noch immer offen.

Als Erklärung geblieben ist dafür nur die Geschichte mit der Katze von K., die in dessen Wohnung ihre Spuren hinterlassen hatte. Auch auf der Couch, auf der K. seinen Gast leblos gefunden haben will. P. hatte eine Katzenallergie. Eine Gerichtsmedizinerin sagte, sie halte es für "sehr unwahrscheinlich", dass durch diese Allergie der Tod ausgelöst wurde. Aber sicher ausschließen könne sie das auch nicht. Es bleiben also Zweifel, und die kommen stets dem Angeklagten zugute. Klaus K. verlässt vergangene Woche als freier Mann den Gerichtssaal. Hinter ihm der Angehörige des Toten. "Ich habe es ja gewusst", sagt er. "Schuld ist die Katze."