Sicherheit

"Fürstentum Germania" in der Prignitz

Im Nordwesten Brandenburgs, in der Prignitz, gibt es seit einigen Wochen eine "Reichsregierung" und einen "Volksrat" - wenn auch nur in dem kleinen Ort Krampfer und dort auf ein ehemaliges Schloss beschränkt.

Dessen Bewohner sind dem ersten Anschein nach ein buntes Völkchen. Tatsächlich sorgen sie aber in diesen Tagen für erhebliche Unruhe in dem sonst beschaulichen Landstrich. Die Schlossbewohner haben sich eine aus 17 Artikeln bestehende Verfassung gegeben, die für das vor kurzem ausgerufene "Fürstentum Germania" gilt, einen aus Sicht seiner Gründer "unabhängigen Kirchenstaat".

Während die Nachbarn zunächst glaubten, es mit jungen Leuten aus der alternativen Szene zu tun zu haben, wurde inzwischen auch offener Antisemitismus registriert. Unter den Bewohnern des verfallenen Gutshauses auf einem rund 4000 Quadratmeter großen Grundstück sollen außerdem Esoteriker, Wunderheiler, und Verschwörungstheoretiker sein. Deuteten Aussagen im Internet und in der Öffentlichkeit bisher auf eine alternative Lebenseinstellung hin, gehen Einschätzungen jetzt eher in Richtung "rechte Szene". Vor allem an Wochenenden säumen Autos aus ganz Deutschland die Dorfstraße.

In Krampfer, einem Ortsteil der rund 3800 Einwohner zählenden Gemeinde Plattenburg, sind die Menschen unsicher, wie sie mit den Zugezogenen umgehen sollen. Während die einen den jungen Leuten "ihren Spaß gönnen", sehen andere sie als Strohmänner für undurchsichtige Vorhaben an. "Ich habe Angst dass unser kleiner Ort überfordert wird mit dem, was hier auf uns zurollen könnte", sagt Albrecht von Wilamowitz. Er betreibt die Landwirtschaft Gut Krampfer. Seine Familie lebte bis 1945 in dem Schloss, das nun plötzlich nach Jahren des Leerstands wieder im Mittelpunkt des Dorflebens steht.

Während einige Einheimische verschiedenen Zusammenkünften im Schloss beiwohnten und von "Kulturschock" sprechen, bietet Jessie Marsson, einer der führenden Köpfe im "Fürstentum" der Bundesrepublik gutnachbarschaftliche Beziehungen an. Plattenburgs Bürgermeisterin Gudrun Hoffmann (parteilos) hatte bereits nach den ersten Informationen aus dem Internet über die Vorhaben in Krampfer Polizei und Verfassungsschutz eingeschaltet. Die Suche nach Drogen in dem Schloss nach einer Anzeige aus der Bevölkerung blieb am vergangenen Wochenende allerdings ohne Fund.

Auch eine Einwohnerversammlung am Dienstagabend im Gemeindehaus brachte kaum mehr Klarheit. Strafrechtlich gebe es nichts Relevantes, sagte der Leiter des Schutzbereichs, Udo Becker. Und die Sprecherin des brandenburgischen Innenministeriums, Dorothee Stacke, ergänzt auf Anfrage, derzeit seien "keine konkreten Bezüge zu extremistischen Bestrebungen" zu erkennen. Der Verfassungsschutz werde die "wilde Gemengelage" dennoch weiter scharf im Blick behalten.

Langsam müsse auch der Landkreis aktiv werden, bemerkte inzwischen der Prignitzer Landrat Hans Lange (CDU). Den Schlossbewohnern sollte seines Erachtens "mit Rechtsstaatlichkeit und klugen Ideen begegnet" werden. So ließen sich die Auto-Kennzeichen kontrollieren; der Babybegrüßungsdienst könnte ins Schloss geschickt und auch das Sozialamt beauftragt werden, sich dort umzuschauen. Damit könnte der Landkreis ganz einfach demonstrieren, wie weit man in Krampfer mit einem eigenen Staat, Gesetzen und Behörden sei. Ein Anwohner hat derweil für sich Konsequenzen gezogen: "Ich lasse meine Frau nicht mehr allein aus dem Haus. Wer weiß, was den da drüben im Kopf 'rumgeht."