Nach dem Hochwasser kam die Zwietracht

Nach Feierstimmung sieht es in der Ziltendorfer Niederung nicht aus. Tief hängen die Regenwolken über dem Gebiet südlich von Frankfurt, das sich vor zehn Jahren unfreiwillig in einen mehr als 4500 Hektar großen See verwandelt hatte.

Ziltendorf Nach Feierstimmung sieht es in der Ziltendorfer Niederung nicht aus. Tief hängen die Regenwolken über dem Gebiet südlich von Frankfurt, das sich vor zehn Jahren unfreiwillig in einen mehr als 4500 Hektar großen See verwandelt hatte. Über einen 30 Meter breiten Bruch im Deich bei Brieskow-Finkenheerd war die Hochwasser führende Oder am Morgen des 23. Juli 1997 in die Ziltendorfer Niederung gerauscht, einen Tag später konnte der durchweichte Damm auch bei Aurith den Wassermassen nicht mehr standhalten. 252 Häuser wurden im Nu bis zum Dach überflutet, auch die komplette Ernte in der Ziltendorfer Niederung war hin.

"Geld verdirbt den Charakter"

Zehn Jahre nach überstandener Oderflut will das zuständige Amt Brieskow-Finkenheerd an den wochenlangen Kampf gegen das Wasser erinnern und den Helfern von damals danken. Auf dem gepflegten Dorfplatz der Thälmann-Siedlung, im Sommer 1997 vor allem durch riesige Sperrmüllberge verdorbenen Hausrates deutschlandweit bekannt geworden, steht an diesem Sonntag ein halb leeres Festzelt. Drum herum präsentieren Technisches Hilfswerk, Feuerwehr und Bundeswehr ihre schweren Gerätschaften. Doch auch diese beeindruckenden Maschinen finden kaum Beachtung. "Wasser von oben ist nicht schön, aber besser als vor zehn Jahren, als es von allen Seiten kam", sagt Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), der diese Woche anlässlich des Zehn-Jahres-Jubiläums für einen kurzen Besuch an die damaligen "Brennpunkte" entlang der Oder zurückgekehrt ist.

Dass sich nur wenige Bewohner der Ziltendorfer Niederung zu den Feierlichkeiten einfinden, liegt wohl nicht nur am Dauerregen. "Hier hat man sich unter Nachbarn nicht mehr viel zu sagen", meint Karin Schreck vieldeutig und bestätigt damit, was hinter vorgehaltener Hand immer wieder die Runde macht: Die einst in der Hochwassernot zusammenstehenden Dörfler misstrauen einander und sind heillos zerstritten.

Wer wolle da schon mit dem anderen feiern. "Man sagt nicht umsonst: Geld verdirbt den Charakter", erklärt die 64-Jährige, die mit ihrem Mann ganz am Rande der Thälmann-Siedlung wohnt. Dabei hätten die über 400 damals von der Flut betroffenen Familien in der Ziltendorfer Niederung eigentlich allen Grund zu feiern.

Im Gegensatz zu den überfluteten Gebieten in Tschechien und Polen kamen in Brandenburg damals keine Menschen ums Leben. Damit war laut dem damaligen Umweltminister und "Deichgrafen" Platzeck "das wichtigste Ziel erreicht". Zu 90 Prozent wurden die Schäden von Privatpersonen durch die großzügige Spendenflut reguliert worden. Doch mit Neid und Missgunst haben zumindest einige noch immer zu kämpfen.

"Natürlich ist keiner schlechter gestellt als vorher", sagt Amtsdirektor Georg Pachtner. "Doch einigen geht es eben heute besser als anderen." Hilflos zuckt er mit den Schultern. Gegen das Bauchgefühl einer angeblich ungerechten Spendenverteilung käme man eben auch nach Jahren nicht an.

Logisch erklären ließe sich das nicht, meint der Amtsdirektor. Statt im Festzelt zu feiern, haben es sich Karin Schreck und Schwägerin Irmgard Theidel am heimischen Kaffeetisch gemütlich gemacht und schwelgen in Erinnerungen. "Eigentlich war es wie Urlaub", erklären die beiden ehemaligen Flutopfer lachend.

Sorge um geplanten Grenzübergang

In einem engen Bauwagen kampierten sie vor zehn Jahren mit ihren Familien unfreiwillig am Waldrand von Ziltendorf, seit die Thälmann-Siedlung am 22. Juli evakuiert worden war. "Als wir das erste Mal nach der Katastrophe wieder ins Haus durften, schwammen mir aus dem Keller die Einweckgläser entgegen", erinnert sich Theidel schmunzelnd. Freunden aus Berlin, die im August 1997 zum Aufräumen kamen, zeigten die zeitweiligen Flüchtlingsfamilien in einem Anflug von Galgenhumor ihre brandenburgischen "Wassergrundstücke".

Dreck, Schimmel und Nässe dominieren die Fotos, die Schrecks in ein Erinnerungs-Album geklebt haben. "Nur vom Geld der Versicherung hätten wir den Neuanfang nicht geschafft", stellen sie klar. Ihren wiedergewonnen Humor verdanken sie wohl auch der damaligen Spendenflut der Deutschen. Andere hatte es schlimmer erwischt, sie mussten ihre abgesoffenen Häuser komplett abreißen, weil die Öltanks der Heizungen durch den Wasserdruck geborsten waren und selbst das Mauerwerk verseucht hatten.

"Daran will ich gar nicht mehr erinnert werden", winkt Monika Jädicke ab. "Noch mal würde ich so eine Katastrophe nicht durchstehen." Zwar hat die Familie inzwischen ein neues Häuschen am anderen Ende der Thälmann-Siedlung, die damit verbundenen über Jahre andauernden Strapazen wirken aber nach.

Nach Feiern sei ihnen nicht zumute, meinen Jädickes, die sich zum Mittagessen im "Bauernstübchen" von Aurith versammelt haben. "Die meisten Leute wollen nicht mehr über die Hochwasserereignisse reden", hat Wirtin Silke Thurian beobachtet. Und schließlich hätten die Bewohner der Ziltendorfer Niederung jetzt ganz andere Sorgen. Quer durch die bisher unberührte Natur des Gebietes soll schon bald die Trasse für einen neuen deutsch-polnischen Grenzübergang führen. Über eine Oderbrücke bei Aurith, gelegen am stark frequentierten Oder-Neiße-Radweg, rollen demnach bald Autos, Transporter und Reisebusse.

"Selbst Touristen interessiert hier nicht mehr das damalige Hochwasser, sondern die aktuelle Verkehrsplanung", sagt Thurian, die sich jetzt mit vielen anderen in einer Bürgerinitiative gegen die Grenzbrücke engagiert.