Enttäuschung, Wut und Trauer: Ein Dorf unter Schock

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Potzlow - Nein, dass aus ihrer Mitte Mörder kommen könnten, das dachte bis Sonntag keiner in dem abgeschiedenen uckermärkischen Dorf. «Klar, Prügeleien unter Jugendlichen gab es immer mal wieder, und dass Marco gewalttätig war, wussten wir auch», heißt es am Tisch in der Dorfkneipe «Zum Roland». In dem 600 Einwohner zählenden Dorf kennt jeder jeden. Der 23-jährige Verdächtige Marco Sch. war als Taugenichts und Herumtreiber bekannt, ihn halten die Potzlower für Rechtsradikal: «Ein böser Junge war das», sagt ein anderer am Kneipentisch. Sogar seinen Vater soll er geschlagen haben, wenn der ihn nicht mit Geld versorgte. Aber dass er einfach einen anderen totschlagen würde - das hätte ihm keiner zugetraut. «Alle hier dachten, Marinus sei abgehauen, weil er zu Hause Probleme hatte. Dass er ermordet wurde, ist unfassbar», sagt der Wirt.

Wie Marcos Bruder Marcel (17) in die Tat hineingezogen wurde, kann sich auch Sozialarbeiterin Petra Freiberg (41) nicht erklären. Sie kannte den Jungen aus dem Kinder- und Jugendzentrum gut. Unter Tränen sagt sie: «Ich bin enttäuscht, wütend und traurig. Die Gesellschaft verroht immer mehr, die Eltern sind ziellos und kümmern sich nicht um ihre Kinder. Es ist gerade so, als wären fünf Jahre Jugendarbeit hier umsonst gewesen.» 1997 wurde sie hierher geschickt, um die Jugendlichen aus dem Dorf aus dem rechtsradikalen Umfeld herauszulösen. «Das ist uns auch ganz gut gut gelungen. Wir sind kein Nazi-Dorf, auch wenn es rechtsradikale Jugendliche hier gibt - wie anderswo in Brandenburg auch», so Peter Feike, Jugendkoordinator im Kreis. Anlass für ihren Einsatz: 1997 hatten Rechtsradikale in der Nähe einen 42-Jährigen mit einem Baseballschläger totgeprügelt. Das Engagement der Sozialarbeiterin stieß hier aber offenbar an eine Grenze. «Wir dürfen aber nicht nachlassen. Gerade jetzt müssen wir uns umso mehr um die Jugendlichen kümmern», sagt Feike.

Jugendliche im Dorf sind einfach entsetzt. «Wir verstehen das nicht. Wie konnte Marcel nur bei so etwas mitmachen? Keine Ahnung», sagt Ulrike Zimmermann ratlos. «Er war kein schlechter Junge. Am Tag vor der Tat saßen wir noch im Jugendclub mit ihm zusammen», sagt der Schüler Nikolas Borisch (15). lim/luka