Schröder verspricht eine Milliarde Euro

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Dieter Salzmann

Potsdam - Es war ein Tag der nicht gezeigten Gesten. Während bei Begegnungen von Bundeskanzler Gerhard Schröder mit seinem innigen Parteifreund Matthias Platzeck, SPD-Landeschef und Potsdamer Oberbürgermeister, der Schulterschluss gar nicht eng genug sein konnte, wahrten beide Politiker beim gemeinsamen Bildungsbesuch in der Potsdamer Voltaire-Gesamtschule bewusst Distanz.

Nichts sollte vom eigentlichen Thema ablenken, dem Thema Bildung, dem Schröder im Wahlkampf große Bedeutung beimisst. Keine Personal-Spekulationen sollten genährt werden: Bleibt Platzeck in Potsdam oder findet er, nach gewonnener Bundestagswahl, einen Platz in Schröders neuem Kabinett? Entsprechende Fragen wollte der Bundeskanzler denn auch nicht beantworten: «Wir spekulieren nicht über Personal, wir entscheiden zum gegebenen Zeitpunkt», sagte er ausweichend.

So gingen beide, statt wie nach solchen Treffen üblich zum gemeinsamen privaten Essen, ihre eigenen Wege: Platzeck musste zurück in sein Rathaus und Schröder nach Brandenburg/Havel, wo Ministerpräsident Manfred Stolpe die Begleitung übernahm. Dort informierte sich Schröder über die Berufsausbildung bei der Heidelberger Druckmaschinen AG und über die Fachhochschule.

Gekommen war der Kanzler, in dessen Tross sich neben Platzeck auch Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche befand, um sich am «Thementag Bildung» darüber zu informieren, ob Ganztagsschulen wie die Voltaireschule das geeignete Mittel sind, die Betreuung zu verbessern. Nach einem stürmischen Empfang durch die 960 Schüler und 80 Lehrer sollten ein kurzer Vortrag von Direktorin Ortrud Meyhöfer und zwei 15 Minuten lange Besuche in zwei Klassen dafür genügen.

In der Klasse 11d ließ sich Schröder über das bundesweit einzigartige Fach Medien und Kommunikation unterrichten, in dem die Schüler den kritischen Umgang mit Medien lernen. Es wurde in Brandenburg 1998 eingeführt. Zum dreijährigen Unterricht an drei Stunden in der Woche gehört u. a. politische Bildung, Presserecht, Filmanalyse und Medienkonzerne. Am Ende eines jeden Halbjahres steht ein eigenes Schülerprojekt: Foto, Hörspiel, Video.

Ein sichtlich beeindruckter Kanzler staunte über einen nahezu professionell gemachten Videofilm, den Schüler über das ehemalige KZ Buchenwald gedreht hatten: «Wer hat den Film geschnitten, wer die Musik ausgesucht?» Die 18-jährige Josephine klärte auf: «Das stammt alles von uns: Die Idee, das Konzept, die Musikauswahl. Für die Bearbeitung haben wir einen Schnittraum.» Und ihr Lehrer Jens Knitel ergänzt: «Als Lehrer nimmt man sich dann völlig zurück und leistet nur noch bei Bedarf technische Assistenz.» Schröder interessierte sich vor allem für dieses Fach, weil, so der Kanzler, das Massaker von Erfurt gezeigt habe, dass es an Erfahrungen im kritischen Umgang mit Medien und mit Gewalt in den Medien fehle.

Im Falle eines Wahlsieges will eine SPD-geführte Bundesregierung eine Milliarde Euro für die Ganztagsbetreuung an Schulen ausgeben. Schröder sagte, die Betreuung solle ausgebaut werden, damit die Frauen, auf denen noch immer die Hauptlast für die Hausarbeit liege, Beruf und Familie besser unter einen Hut bekommen. Und während Schröder noch über die Vorteile der Lösung referierte, rechnete der neben ihm sitzende brandenburgische Bildungsminister Reiche nach: «Das macht für unser Land 30 Millionen Euro im Jahr.»