Anschlag auf Potsdamer Glockenspiel

Potsdam - Die Melodie "Üb immer Treu und Redlichkeit" klang vom Potsdamer Glockenspiel am Mittwochmorgen anders als gewohnt. Manche der hohen Töne des 40 Glocken umfassenden Geläuts waren gedämpfter als üblich und die tiefen Töne vollständig verstummt.

Unbekannte hatten offenbar in der Nacht das zwölf Meter hohe Stahlgerüst erklettert, die Klöppel von 17 Glocken mit weißem Bauschaum eingesprüht und so den Klang des Musikspiels gedämpft. Von fünf großen Glocken waren die Elektrokabel herausgerissen oder durchschnitten worden. Anwohner hatten die Misstöne vernommen und die Polizei verständigt. Das Glockenspiel wurde vollständig abgestellt.

Wer für diesen "kriminellen Anschlag" - so der Potsdamer CDU-Landtagsabgeordnete Sven Petke - verantwortlich ist, war gestern noch unklar. Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), der Schirmherr für den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche ist, suchte den Tatort auf. Schönbohm sprach erbost von "Schändung" und von einem "gezielten Anschlag auf Preußens alte Mitte" mit politischem Hintergrund.

Der Minister geht von einem planmäßigen Vorgehen der Täter aus. Die Glocken seien fachmännisch und "unter Verwendung von Kraft und Intelligenz" zum Schweigen gebracht worden, sagte er. Schönbohm nahm die Stadt in die Pflicht und sagte, es sei unglaublich, dass so etwas in der Mitte Potsdams geschehen könne.

Ein Mitarbeiter der Traditionsgemeinschaft, mit deren Spendengeldern in Höhe von einer halben Million Mark das Glockenspiel wiederaufgebaut worden war, sprach von einer feigen Tat. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung. Nach Angaben einer Polizeisprecherin ist der Schaden am Glockenspiel beträchtlich, denn der Bauschaum sei nur schwer wieder zu entfernen. Dazu werde ein Spezialmittel benötigt.

Das ursprüngliche Glockenspiel hing bis 1945 im Turm der Garnisonkirche und stürzte bei einem Bombenangriff am 14. April 1945, wie Zeitzeugen berichten, klingend in die Tiefe. Der Nachbau soll nach der geplanten Wiedererrichtung des Turms der Garnisonkirche wieder seinen Platz im Glockenstuhl finden.

Die Garnisonkirche wurde unter der Regierung des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. 1732 erbaut. Seit 1796 spielte das Glockenspiel auf Wunsch von Königin Luise zu jeder vollen und halben Stunde die Choräle "Üb immer Treu und Redlichkeit" und "Lobet den Herren".