«Ich habe Angst vor Möllemann»

Die Vorsitzende des FDP Ortsverbandes Berlin-Dahlem, Susanne Thaler (64), ist gestern aus der Partei ausgetreten. Ihren Rücktritt begründet die Kämpferin für eine liberale Politik mit dem Antisemitismus-Streit. Inzwischen hat der CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns ihr angeboten, ihre politische Arbeit künftig in der Union fortzusetzen. Mit der Dahlemer Kommunalpolitikerin sprach Morgenpost-Redakteurin Jacqueline Hopp über die Hintergründe, die zum Parteiaustritt führten, über die Bundespartei, die FDP-Führungsspitze und politische Visionen.

Sie haben gestern ihren Austritt aus der FDP erklärt. Beschreiben Sie die Gründe, die Sie nach 20-jähriger Parteizugehörigkeit bewegt haben, den Liberalen den Rücken zu kehren.

Susanne Thaler : Seit November mache ich mir Sorgen um die Zukunft der FDP. Damals drangen aus dem Munde Möllemann erste antisemitische Töne. Er unterstellte der israelischen Politik Nazimethoden und zeigte Verständnis für terroristische Selbstmordattentate der Palästinenser. Mit seinen unmissverständlichen, verletzenden Worten über den Vize-Zentralratsvorsitzenden Michel Friedman outet sich Möllemann jetzt als Antisemit. Wer so denkt, wer so redet wie Möllemann hat im Führungsgremium einer demokratischen Partei nichts zu suchen. Nur leider zogen weder Präsidium noch Parteispitze die nötige Konsequenz. Also musste ich ein Zeichen setzen, musste die Partei verlassen.

Der Parteivorsitzende Guido Westerwelle hatte in Israel versprochen, dass es zu einer Entschuldigung, zu einem Gespräch zwischen Zentralrat und Möllemann kommt. Bisher ist dies nicht geschehen. Für wie stark halten Sie den Vorsitzenden der FDP, wie sehen Sie die Rolle der Parteispitze?

Thaler: Im aktuellen Konflikt werfe ich Guido Westerwelle massive Führungsschwäche vor. Er ist zu ängstlich. Statt Möllemann zu rügen, seinen Rücktritt aus dem Bundesvorstand zu fordern, hält er sich zurück, zögert. In meinen Augen hat Westerwelle den Kampf verloren. Ich finde es unerträglich, dass es namhaften FDP-Politikern - Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff - in Düsseldorf nicht gelungen ist einen Jürgen Möllemann und einen Jamal Karsli zu stoppen. Die verdienten Grandseigneurs mussten sich Montagabend geschlagen geben und Möllemann kann seinen Kurs in NordrheinWestfalen fortsetzen.

Der Berliner Landesverband der Liberalen hat 2800 Mitglieder. Welchen Einfluss hat er auf die Bundespartei?

Thaler: Der Berliner Landesverband hat klar Position bezogen. Der Fraktionsvorsitzende Martin Lindner grenzt sich deutlich von Möllemanns Äußerungen ab. Das erkenne ich an. Leider sind aber auch die Berliner Freien Demokraten nicht konsequent und fordern den Rücktritt von Jürgen Möllemann.

Herr Möllemann hat den Wahlkampf an das Projekt 18 gekoppelt. Er hat diese magische Zahl in den Ring geworfen. Wieso gerade 18?

Thaler: Darüber kann ich nur spekulieren. Die 18 ist schwer belastet: 18 steht bei den Neo-Nazis für das Kürzel von Adolf Hitler. Die «1» für das «A», die «8» für das «H». Bereits auf dem Mannheimer Parteitag sprach die Bundesspitze davon das ganze Volk für die FDP zu gewinnen'. Mit solchen Schlagworten gewinnen wir keinen Wahlkampf. Das liberale Potenzial liegt bei 24 Prozent, aber nicht beim ganzen Volk. Die 13 Prozent in Sachsen-Anhalt waren ein gutes Omen. Um die 18 Prozent zu erreichen, bedient sich die Parteiführung des Syrers Karsli. Soll er die 800 000 Muslime für die Partei einnehmen? Da will ich nicht mehr dabei sein.

Sie waren bis gestern nicht nur Mitglied der FDP, Sie sind auch Mitglied der Jüdischen Gemeinde. Bereitet der Möllemann-Skandal Ihnen deshalb besondere Probleme?

Thaler: Die FPD hatte bisher nie antisemitische Tendenzen. Sie war die Partei der jüdischen Berliner. Heute habe ich Angst. Angst vor einem Möllemann, der das Tabu in die Welt setzt, in Deutschland weder Israel noch Ministerpräsident Ariel Sharon kritisieren zu dürfen. Das ist infam. Offensichtlich hat die Partei auch Angst vor ihm, sonst würde die Spitze konsequenter handeln.

Seit gestern Abend sind Sie parteilos. Gibt es für Sie in einer anderen demokratischen Partei künftig eine neue Heimat?

Thaler: Ich werde in keine Partei mehr eintreten, werde verstärkt meine Arbeit im Bürgerbüro und künstlerischen Initiativen fortsetzen. Für mich gibt es kein Zurück.