Ebola

Im Ausnahmezustand

Er verabschiedet sich von seinen Eltern, schreibt sein Testament und nimmt Sonderurlaub – der Berliner Michael Rademacher will in Sierra Leone Ebola-Kranken helfen. Und muss dort hilflos zusehen, wie Kinder sterben

Der Weg zu Michael Rademacher – dem Mann, der bis vor kurzem in Afrika gegen Ebola gekämpft hat – führt durch die Straßen von Prenzlauer Berg. Rechts ein Naturheilmedizin-Laden, links ein Geschäft für Kinderspielzeug, vor dem Café sind alle Stühle belegt. Sein Hund Boris darf nicht mit rein, also bringt er ihn schnell nochmal nach Hause.

Warum verlässt jemand diese Großstadtidylle, um 7000 Kilometer weit entfernt sein Leben aufs Spiel zu setzen? Warum fliegt jemand freiwillig in ein Land, das von einem Virus verseucht ist? Warum setzt sich jemand dem Anblick sterbender Kinder aus, denen ein viraler Erreger die Organe zersetzt und sie innerlich verbluten lässt?

Als Michael Rademacher zurück ist, hat er nur eine Antwort darauf, die genauso einfach wie wahr ist – und die sich angesichts einer todbringenden Epidemie trotzdem unerhört selbstverständlich anhört: „Ich wollte helfen.“

Anders als viele andere, die wie er Bilder von verzweifelten Menschen, Leid und Schmerz in Liberia, Guinea und Sierra Leone im Fernsehen gesehen haben, wusste er, dass er mehr tun kann, als Mitleid zu haben oder Geld zu spenden. Denn als Krankenpfleger hat er gelernt, zu helfen.

Das war im September 2014. Die Seuche tobt zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als einem halben Jahr durch die Länder der afrikanischen Westküste. Über 2600 Menschenleben hat die Epidemie bereits gekostet, die Todeszahlen schießen nach oben. Ein halbes Jahr später wird die Zahl der Toten schon die 11.000 erreicht haben.

Liberias Präsidentin weint vor den Kameras und fleht Angela Merkel in einem persönlichen Brief um Hilfe. Endlich reagiert die Bundesregierung, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ruft die Deutschen zur Unterstützung gegen Ebola auf. Rademacher sieht ihre Rede im Fernsehen und entscheidet innerhalb von drei Tagen: Er will vor Ort helfen. Im Einsatz gegen den größten Ebola-Ausbruch aller Zeiten.

Michael Rademacher ist 46 Jahre alt. Blonde Haare, Sommersprossen, Piercing unter der linken Lippe, schwarzer Ring im rechten Ohrläppchen. Er arbeitet in der Krankenstation des Jugendgefängnisses Plötzensee. Seine Berliner Patienten suchen ihn wegen trockener Lippen, Akne oder Rückenschmerzen auf. Seit zwei Jahren hatte er keinen Kanülenzugang zu einer Vene mehr gelegt, Unfälle sind selten, Todesfälle noch seltener. Aber mit Infektionskrankheiten kennt er sich aus, immer wieder kommen Insassen zu ihm, die an Tuberkulose, Hepatitis oder HIV leiden. Und noch etwas kommt ihm zugute: Er hat keine Angst.

Rademacher weiß, dass Ebola sich nicht über Tröpfchen in der Luft überträgt. Solange er einen Schutzanzug trägt, ist er sicher. Das sagt er auch seiner Mutter, als er ihr seinen Entschluss mitteilt, nach Afrika zu fliegen. Sie ist am Boden zerstört, weint, fleht ihn an, nicht zu gehen. Der Vater beißt die Zähne zusammen und sagt: „Es ist wunderbar, dass du das machst.“

Der Krankenpfleger meldet sich bei einer Hilfsorganisation, die das einzige Kinderkrankenhaus in Sierra Leone betreibt. Er beantragt Sonderurlaub, stundet seine Kredite, gibt Hund Boris in Pflege, schreibt sein Testament.

Nach einem dreitägigen Vorbereitungskurs fliegt er am 1. Dezember 2014 nach Freetown, ins Epizentrum der Seuche. Das Militär kontrolliert den Flughafen, jeder Einreisende muss durch einen mehrstündigen Gesundheitscheck. Schulen, Büros, Moscheen und Kirchen haben geschlossen. Die Hauptstadt ist im Ausnahmezustand.

Am nächsten Tag erfährt Rademacher seine Mission: Zusammen mit ein paar lokalen und internationalen Kollegen soll er das Kinderkrankenhaus Ebola-frei halten. Dafür fangen sie Patienten in einer „Holding unit“ ab, einer Art Test- und Isolierstation. Unter Wellblech und Zeltplanen stehen 21 Betten auf Lehmboden, es riecht nach Chlor. Hier tragen Eltern täglich ihre fiebernden Kinder hinein, Rademacher und seine Kollegen testen sie auf Ebola und versorgen sie notdürftig.

„Es gibt nur drei Wege, um aus der Unit wieder rauszukommen“, sagt Rademacher. Seine Stimme ist unaufgeregt. Wenn er die drei Möglichkeiten aufzählt, hört er sich an wie der Sprecher eines Dokumentarfilms über das tödliche Virus. „Erstens: ebola-frei und gesund. Zweitens: ebola-frei, aber an einer anderen Krankheit leidend – dann verlegen wir die Patienten ins Kinderkrankenhaus. Drittens und das ist der häufigste Weg: tot.“ Rademacher spricht anfangs distanziert über das, was er in Sierra Leona erlebt hat, so, als wollte er das Gesehene 7000 Kilometer von sich entfernt halten. Über Gefühle redet er nur, wenn man ihn danach fragt.

Die nächsten 100 Tage in Sierra Leone sollen für den Berliner die anstrengendste Zeit seines Lebens werden. Weil es zu wenig Helfer gibt, arbeitet er oft 12 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Die Temperatur liegt täglich um die 30 Grad, die Luft ist tropisch. Wenn Rademacher den Kindern helfen, sein eigenes Leben aber nicht gefährden will, muss er den Schutzanzug, eine Gesichtsmaske und Gummistiefel tragen. Der Anzug ist nicht belüftet, das Thermometer steigt darin innerhalb kürzester Zeit auf 45 Grad.

Wie ein Astronaut läuft Rademacher durch die Wasserbecken voll Chlor. Ohne Stethoskop und mit drei paar Handschuhen, misst er Puls, nimmt Blut ab und legt Zugänge für Infusionen. Sein Schweiß fließt über die Gesichtsmaske und tropft auf die kleinen Patienten. Maximal 45 Minuten sollen Helfer eigentlich den Schutzanzug tragen, und nach der Anstrengung mindestens zwei Stunden Pause machen.

„Utopisch“, sagt Rademacher, sie hätten zu viele Patienten aufnehmen müssen. Bis zu zwei Stunden steckt er mehrmals täglich in dem Anzug, bis ihm schwindelig wird und er kaum mehr stehen kann. Zurück durch die Pfützen von Erbrochenem, durch die Chlorbecken, vorbei an vor Schmerz stöhnenden Kindern in die Kontamination.

Hier muss er nochmal seine Konzentration sammeln. Das Ablegen des Anzuges birgt die größte Gefahr, hier machen Helfer die meisten Fehler. Die 22 Sicherheitspunkte, um nicht mit todbringendem Blut, Erbrochenem oder Exkrementen in Berührung zu kommen, hat Rademacher auswendig gelernt. „Eine falsche Bewegung, eine Sekunde der Unaufmerksamkeit, ein vergessener Punkt hätte mich das Leben gekostet“, sagt er.

Die eigene Haut darf auf keinen Fall mit dem gebrauchten Schutzanzug in Berührung kommen, denn ganz wenige Ebolaviren reichen aus, um sich mit der tödlichen Krankheit anzustecken. Die Kollegen überwachen deshalb jede Bewegung, sagen ihm die nächsten Schritte an und helfen, am Ende den Anzug zu verbrennen. So läuft es Tag für Tag. Abends sitzt er mit den anderen vom Team in der WG, versucht den Tag zu verarbeiten oder mit seiner Mutter zu skypen. Doch die Verbindung reißt meistens ab.

Am nächsten Tag geht der Kampf gegen die Seuche weiter. Ebola frisst sich innerhalb weniger Tage durch den menschlichen Körper. Viele Eltern schaffen es nicht mehr rechtzeitig zu den Helfern, manche misstrauen den weißen, fremden Männern, suchen lieber Schamanen auf. Und so bleibt für mehr als die Hälfte der Kinder, die es in die „Holding unit“ schaffen, nur der von Rademacher beschriebene dritte Weg heraus. Als lebloser Körper.

Fast täglich kann er bei einem blutleeren, dehydrierten Kind nur noch den Tod feststellen. „Es war wie am Fließband, einfach nur schrecklich“, erinnert sich Rademacher. Die Mütter, die neben dem Bett stehen, ihn mit verzweifeltem Blick ansehen und flehen: „Bitte, sag nicht, dass mein Kind tot ist“. Sich dann auf den Boden werfen, schreien und in Trauergesänge einstimmen. Bis zu fünf Stunden liegen die toten Kinder auf den Betten, bis sie abgeholt werden.

Diese Bilder wird Rademacher nicht mehr los. Die Straße vor der Station nennen sie „Straße des Todes“.

Einmal, es war eines seiner schlimmsten Erlebnisse, starb ein Säugling in seinem Bett. „Ich hatte ihn am Tag davor doch noch auf dem Arm“, sagt er, als habe er immer noch nicht ganz begreifen können, was passiert ist. Keiner wusste, wer die Eltern sind, wie das Kind heißt, es wurde anonym abgegeben.

Als Rademacher gerade nicht auf der Station ist, kommen die Reinigungskräfte, räumen das komplett Bett ab und übersehen das tote Kind in den Tüchern. Alles, was die Station verlässt, wird in großen Öfen verbrannt. Als Rademacher zurück kommt, ist es zu spät.

„Wie konnte das passieren?“, fragt er sich bis heute. „Bin ich schuld daran, dass das Kind nicht mal eine Beerdigung hatte?“ Rademacher sitzt im Café und reibt sich mit der Hand über die Augen. Sein Blick verschwimmt, die Stimme verliert Halt. 7000 Kilometer Distanz schmelzen, Sierra Leone ist jetzt hier, in einem Café in Prenzlauer Berg.

Das einzige, was ihn damals nach diesem Erlebnis weitermachen lässt, ist die Dankbarkeit der Eltern, deren Kindern er helfen kann. Wie Forday Junior, dem er mit einer Blutkonserve, die er in letzter Minute in einem entfernten Militärkrankenhaus gekauft hat, das Leben rettet. Forday Juniors Vater steht von diesem Tag an jeden Morgen mit einem Früchtekorb für Rademacher vor der Klinik. „Seine Dankbarkeit reicht bis zu meiner Rente“, sagt Rademacher und lächelt kurz, bevor er wieder ernst wird.

Eines Tages wacht er selbst mit Fieber auf und wird mit Verdacht auf Ebola in eine Klinik gebracht. „Habe ich einen Fehler gemacht? Habe ich einen Schritt übersehen und mich angesteckt?“, fragt er sich. Der Krankenpfleger glaubt nicht daran, noch immer macht Ebola ihm keine Angst. Und tatsächlich: Das Fieber entpuppt sich als Grippe, die wieder vergeht und ihn weitermachen lässt.

Was nicht mehr vergeht, sind die Erinnerungen. Nach dreieinhalb Monaten kehrt der Krankenpfleger völlig entkräftet nach Berlin zurück. Die Bilder nimmt er wie ein ungewolltes Souvenir mit nach Hause.

In Gedanken sieht er bis heute sich selbst, wie er tote Kinder abdeckt, ihre Namen auf Leichensäcke schreibt. Ibrahim, Mamie, Mohamed... Und er hat jetzt täglich Kopfschmerzen. Er geht zum Hausarzt, Tropeninstitut, Orthopäden, Augenarzt, macht eine MRT. Doch die Ärzte finden nichts.

Die Hilfsorganisation meldet sich nach seiner Rückkehr nicht bei ihm. Kein „Wie geht es Ihnen?“, „Brauchen Sie etwas?“, „Was können wir tun?“. Der Mann, der alles riskiert hat, um zu helfen, steht am Ende ohne Hilfe da. Er arbeitet jetzt wieder bei seiner alten Arbeitsstelle in Plötzensee.

Die 1400 Euro Monatsgehalt, die er in Sierra Leone verdient hat, muss er in Deutschland in der höchsten Abgabeklasse versteuern. Außer den Erinnerungen ist ihm nichts geblieben. Aber Rademacher ist nicht der Typ Mensch, der anklagt, sich beschwert oder Hilfe einfordert.

Wenn man ihn heute fragt, ob er es wieder tun würde, sagt er „nein“. Seine größte Herausforderung ist es, mit den Bildern zurecht zu kommen, mit dem Tod zu leben. „Eigentlich hätte ich jetzt gerne wieder mein Leben vor Ebola zurück”, sagt er. „Weil es schön war.” Er habe immer viel gelacht, sei viel ausgegangen, habe viel mit Freunden unternommen. Heute sei er freudloser.

Wenn er dieser Tage bei sich in Prenzlauer Berg mit seinem Hund Boris an einer Bar vorbei kommt, bleibt er manchmal stehen und sieht die Leute an, wie sie draußen sitzen, wie sie sich unterhalten, wie sie lachen. „Ihr habt es gut“, denkt er dann. Und geht vorbei.