Stadtplanung

Tiere treten auf die Bremse

Batman ist schuld, wenn am 3. Oktober ausgerechnet in Berlin das Jubiläum der deutschen Einheit nicht wie geplant begangen werden kann. Weil winzige Glattnasen, eine seltene Unterart der Wasserfledermäuse,ausgerechnet im Gewölbe unter dem geplanten Freiheits- und Einheitsdenkmal am Schlossplatz brüten, verzögert sich dessen Eröffnung bis 2017. Eigentlich sollte die „Einheitswippe“, eine begehbare Schale, zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung fertig sein. Jetzt aber sind da diese Tiere. Sie sehen lustig aus, wie Batman eben, gelten aber als bedrohte Art. Weil ihr Lebensraum langsam verschwindet. Aber mussten sie sich ausgerechnet im Sockel des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals einnisten, das die SED ja ohnehin schon 1950 abtragen ließ?

Es laufe nicht rund am Einheitsdenkmal, kritisierte Kulturstaatssekretärin Monika Grütters (CDU) schon vor einem Jahr. Sie vertritt den Bund als Geldgeber des Baus. Michael Müller, heute Regierender Bürgermeister, damals noch Stadtentwicklungssenator (SPD), verteidigte sich. Berlin habe alles nötige getan. Im Herbst erfuhr man dann: Die Fledermäuse ziehen um. Für schlappe 100.000 Euro. Aber erst, wenn der Nachwuchs flügge ist.

Man konnte es ahnen: Eigentlich ging es in dem Streit um mehr. Zum Beispiel um den Umgang mit dem deutschen Kaiser, aus dessen Zeit die Mosaiken in den Gewölben stammen. Und um einen behindertengerechten Zugang. Überhaupt ist um das Denkmal schon viel gestritten worden. Gefordert wird es seit 1998. Der Bundestag beschloss es neun Jahre später. Es folgten Debatten und Streit vor Gericht. Doch wenn Tiere als Saboteure auftreten, haben sie die Aufmerksamkeit schnell ganz für sich. Fast wie im Comic: Tiere sind einfach die besseren Menschendarsteller. Batman lenkt den Blick von Außen aufs Wesentliche. Selbst, wenn er selbst gar nichts sieht.

Ein anderes Beispiel: die Zauneidechsen. Obwohl sie meist nur etwa zehn Zentimeter groß werden und selten zu sehen sind, gehören sie zu den Promis unter den Bau-Blockierern. Die scheuen Reptilien ziehen sich im Winter komplett zurück. Erst ab März kommen sie samt Nachwuchs wieder ans Licht, sobald die Sonne ihre Körper wärmt. Die Zauneidechse wohnt gern da, wo der Mensch nicht mehr hingeht. Auf Brachen, Randstreifen, Böschungen. Im Ödland eben. Die Deutsche Bahn kann ein Lied von der Zauneidechse singen (siehe nebenstehendes Interview). Genosse Lenin auch. Der hat sie nämlich am Kopf. Seit die gigantische Statue am damaligen Leninplatz in Friedrichshain 1991 gestürzt wurde, lagert der 3,5 Tonnen schwere Kopf des Kommunisten im Köpenicker Forst – und damit im Revier der Zauneidechse. Der genaue Ort wurde lange geheim gehalten, offenbar aus Angst vor Grabschändern oder geschichtsvergessenen Gestalten auf Devotionaliensuche.

Dann kam das Spandauer Kulturamt mit der Idee, den Kopf des Bolschewisten in einer Schau aus Berliner Denkmälern in der Zitadelle zu zeigen. Die Eröffnung war ursprünglich für 2013 geplant, aber erst gab es Bauprobleme am Ausstellungsort, dem ehemaligen Proviantmagazin der Zitadelle. Und 2014 wurden die Eidechsen zum Thema. Sie vereinten Grüne und Piraten zur Allianz im vehementen Tierschutz. Lenins Kopf auszugraben – der Körper der einst 19 Meter hohen Statue soll bleiben, wo er ist – sei ein „Tötungsdelikt“ an den Eidechsen. Der Kopf blieb also, wo er war. Inzwischen werden die Eidechsen nun doch „vergrämt“, was böser klingt, als es ist. Sie werden eingesammelt und umgesiedelt. Im Spätsommer, hofft man in Spandau, kann dann Lenin geborgen werden. Die Eröffnung der Ausstellung ist für Herbst geplant. Offenbar ist der Umgang mit seltenen Arten gesetzlich eindeutiger geregelt als der mit ideologisch verfallenen Denkmälern. Der Leninplatz heißt übrigens heute Platz der Vereinten Nationen.

Europaweit regeln Gesetze wie die sogenannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie den Schutz seltener Arten. Allein für Deutschland stehen in dieser Liste 300 Tiere und Pflanzen. Ihre Namen klingen ein bisschen wie ein lyrisches Frühlingsversprechen. Oh Zarter Gauchheil, duSommer-Drehwurz, Biegsames Nixkraut! Das kann man sich gut in Sonettform als Bühnenlesung vorstellen. Aber die Liste ist ernst gemeint. Mehr noch: Sie ist Gesetz, und das auch in Deutschland, obwohl sich die Regierung hier viel Zeit ließ bis sie den Artenschutz EU-angemessen ins Gesetz aufnahm.

Andere Arten klingen profaner, stehen nicht auf der Liste, sind aber trotzdem geschützt. Berühmt wurden 569 Weinbergschnecken,die vor einigen Jahren in Dahlem ein Tagungshotel blockierten, das die Freie Universität an der Fabeckstraße errichten lassen wollte. Bevor die Bagger anrückten, mussten die Bauherren erst mal die Schnecken einsammeln. Das hatten Naturschützer verlangt, berichtete das prominente Architektenbüro Murphy/Jahn damals. Wohin die Schleimspur der Haus-Tiere führte, ist nicht überliefert. Das Hotel wurde 2013 eröffnet.

Zu den seltenen Tieren mit den schönsten Namen zählt der Eremit. Berühmter ist er unter seinem Zweitnamen Juchtenkäfer. In dieser Funktion spielte er im Bahnhofsdrama „Stuttgart 21“ eine tragenden Rolle, sofern sich das bei Insekten sagen lässt, die hohle Bäume als Lebensraum lieben. Biologisch ist am Eremit sein Geruch bemerkenswert, der er über die Haut absondert, was ihm einen Drittnamen eingebracht hat: Osmoderma. Das ist Altgriechisch für, salopp gesagt, Stinkekäfer. Der Eremit war die bisher effektivste Waffe im Protest gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs. Er lebt in Bäumen, die für den Bau gefällt werden müssten. Zwar hatte die Bahn die ersten Bäume schon 2013 gefällt. Inzwischen sind neue Käfer aufgetaucht, in neuen alten Bäumen. Diese dürfen erst fallen, nachdem die Bahn die Käfer angemessen „versorgt“ hat. Und das kann dauern – unter Umständen Jahre.

In Berlin, der Stadt der Ruinen und der Freiheit, ist es dem Eremiten dagegen gelungen, sich dort zur Ruhe zu setzen, wo es ihm gefällt. Im Pankower Schlosspark Schönhausen lud er sich dazu den Heldbockals Gesellen der Einsamkeit ein. Im Park stehen gemütliche, vergammelte Eichen, in denen der Heldbock sich genüsslich durch totes Holz bohrte, bis den Parkbesuchern die Baumäste auf den Kopf fielen. Es folgte eine unerquickliche Diskussion um die Zuständigkeiten der Ämter, von denen das eine die Sicherheit der Besucher, das andere die des Käfers sicherzustellen hatte. Momentan läuft ein „Monitoring“, wie es auf Neubiologendeutsch heißt. Es wird erst mal gezählt, wie viele Käfer von welcher Art es in den zwei Schlossparks in Schönhausen und Buch gibt.

Zu den Berliner Legenden des Bautierwesens gehören die Mehlschwalben, die über Jahre einem Hochhaus in Friedrichshain seinen Namen gaben. Das Mehlschwalbenhaus stand an der Mollstraße nahe dem Alexanderplatz. Erbaut 1974, wurde der 17-geschossige Plattenbau nur 15 Jahre bewohnt und dann wegen schwerer Baumängel wieder geräumt. Danach fiel die Mauer und das hässliche Haus blieb stehen. Um die Ruine entspannten sich schnell allerlei Streitigkeiten. Mal ging es um die Parkplätze der Anwohner, mal darum, ob sich überhaupt ein Investor für die „schwierige Lage“ finden würde – heute kaum noch vorstellbar. Probleme mit dem Grundbuch gab es wohl auch, jedenfalls waren die Mehlschwalben schließlich die tragende Konstante des bröselnden Baus. Als das Grundstück schließlich verkauft war, mussten die Vögel als eine Art Bestandsmieter erst langwierig zum Umzug bewogen werden. Dies geschah mit Netzen, die aus dem Plattenbau ein christo-artiges Kunstwerk machten, und ornithologisch überwacht. Der Verfall im Namen der Mehlschwalbe wurde wahlweise als Ausdruck politischer Unfähigkeit gesehen, Folge von Spekulantentums oder bösartigem DDR-Revanchismus, der lieber eine Platten-Ruine im Stadtbild sah als ein Bankenhochhaus. Ein solches steht seit 2012 da. Im „Königstadt-Carrée“ arbeiten unter anderem die Mercedes-Benz-Bank und ein Hotel. Schwalben gibt es nicht mehr.

Tiere hatten auch mit dem Desaster BER zu tun. Und zwar schon, bevor es ihn als solchen überhaupt gab. Dass der „Großflughafen“, wie er in den 90er-Jahren genannt wurde, nicht auf einem ehemaligen Flugplatzgelände der Sowjets in Sperenberg gebaut wurde, lag auch daran, dass die Natur auf der Brache damals vielen schutzwürdiger erschienen als lärmbedrohte Anwohner bei Berlin. Erst mit dem Bekanntwerden der Flugrouten des BER änderte sich das. Schuld daran, dass der BER nicht nach Sperenberg kam, waren möglicherweise Graugänse, Fischadler und seltener Trockenrasen. Wenn sie nicht gestorben sind, leben sie dort noch heute.

In Brandenburg treten immer wieder Tiere gegen andere Tiere an. So soll der seltene Moorfroscheinen geplanten Schweinestall für zigtausende Tiere in Haßleben in der Uckermark stoppen. Zwar ist die Anlage längst genehmigt, zum Unverständnis der Anwohner, von denen viele von Tourismus und Biolandwirtschaft leben. Naturschützer haben den Frosch in einem Moor bei den Ställen aufgespürt.

Ein paar Kilometer weiter hatte die Rotbauchunke eine ähnliche Aufgabe. Am idyllisch gelegenen Uckersee sind es zigtausende Hühner, die nun vorerst nicht in Massen-Arealen gehalten werden dürfen. Der Schutz der Unke geht vor. Während sich der Protest im Namen der Tiere von Haßleben jedoch unter anderem gegen die unwürdigen Bedingungen in engen Ställen richtet, geht es am Uckersee um Biohühner in Freilandhaltung. Ein Gericht ordnete eine Umweltverträglichkeitsprüfung an und die Beteiligung der Öffentlichkeit.

Auch Muscheln werden zuweilen herangezogen, wenn es um das Recht der Natur geht. Die Autobahn A14 zum Beispiel, die von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen gebaut wird, führt in der Prignitz durch Wohnorte seltener Tieren. Der Umweltschutzverband BUND scheiterte 2013 mit einer Klage im Namen von Rotmilan, Flussmuschel und Bachneunauge. Im Urteil hieß es, die Autobahnplaner hätten genug Schutz und Ausgleichsmaßnahmen vorgesehen.

Wer nun nach dem Sinn und Erfolg des Kampfs um die Tiere fragt, die durch gesetzlich angeordnete „Maßnahmen“ geschützt oder umgesiedelt werden, muss nicht bis nach Brandenburg fahren. Mitten in Berlin lädt zum Beispiel eine riesige Wiese die in der Stadt seltenen Feldlerchen zum Verweilen ein. Die Vögel mögen es leer und unbebaut. Das Wiesen-Areal im Park auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ist deswegen im Sommer abgesperrt. Ob es den winzigen Vögeln gut geht, kann man im Vorbeilaufen hören. Frühmorgens ist der Gesang am schönsten. Das tröstet dann vielleicht darüber hinweg, dass das berühmteste Blockier-Tier hier nicht mehr anzutreffen ist: Der Feldhamster ist in freier Wildbahn in unserer Region ausgestorben.